Ida (Polen, 4/10)
Diese Geschichte einer polnischen Nonne, die in den 60ern erfährt, wie ihre jüdischen Eltern im Krieg umgekommen waren, habe ich im Heimkino nachgeholt. Zwei Dinge haben mich besonders gestört. Zum einen muß sich der Zuschauer die Gefühlswelt der Figuren selbst ausdenken, denn diese agieren wie Schlafwandler in ihrer eigenen Welt, und ihre Handlungen sind daher völlig beliebig. Zum anderen kann ich keinen Bezug zum modernen Polen erkennen - das Buch wirkt wie ein Schulaufsatz mit der Vorgabe, drei typische polnische Klischees zu enthalten (Katholizismus, Holocaust, kommunistisches Unrecht).Wild Tales (Argentinien, 7/10)
Sehr unterhaltsam fand ich dagegen diesen argentinischen Beitrag, der u.a. vom Spanier Pedro Almodóvar produziert wurde. Sechs "wilde Geschichten" unterschiedlicher Länge werden nacheinander erzählt und sind nur grob thematisch verknüpft. Allen gemeinsam ist ein skuriller Humor, der von Übertreibungen und überraschenden Pointen lebt, und zusammen werfen sie ein Schlaglicht auf die argentinische Mittel- und Oberschicht.Timbuktu (Mauretanien, 8/10)
Timbuktu ist ein Stadt in Mali mit etwa 50.000 Einwohnern. Der Film zeigt vielfältige Impressionen dieses afrikanischen Schmelztiegels uralter Kulturen unter der Willkürsherrschaft von IS-Schergen. Verloren wirkende, sexuell frustrierte junge Männer fahren mit ihren automatischen Waffen auf Mofas und Jeeps durch die Wüste. Einer stellt einer verheirateten Beduinenfrau nach, sobald ihr Mann nicht zu Hause ist. Er hat aber noch genug Anstand, daß es nicht zu Übergriffen kommt. Ein anderer greift sich einfach eine junge Frau aus der Stadt und läßt sich mit ihr verheiraten. In einer schrecklichen Aneinanderreihung von Banalitäten rechtfertigt der IS-Anführer die Zwangsehe mit diesem doch "perfekten" Mujahedin.Moderne und Tradition prallen in diesem Mosaik aufeinander - Kamele und Autos, Talismane und Handys. Neben Französisch, Arabisch und gelegentlich Englisch hört man etliche afrikanische und Berber-Dialekte. Auch ohne die IS herrschte schon Armut, aber noch sind die Menschen in ihrer Lebensfreude nicht vollkommen gebrochen. Es gibt kleine und größere Instanzen des zivilen Widerstandes, der örtliche Iman versucht die Kämpfer zu mäßigen. Selten habe ich so viele ausdrucksstarke Gesichter gesehen, vor allem die kleine Beduinenfamilie bleibt im Gedächtnis (im Bild nur Vater und Tochter, fast alles wurde mit Laiendarstellern gedreht). Stolze Besitzer von acht Rindern (eines davon wird "GPS" genannt) und einigen Ziegen, sind sie doch noch glücklich miteinander, bis auch ihre kleine Idylle zerstört wird.
Regisseur Abderrahmane Sissako, der in seiner Jugend selbst in Mali gelebt hat, kann zwar nur einen kleinen Ausschnitt der Stadt zeigen, findet trotz seines geringen Budgets erstaunliche Bilder. Eines gehört jetzt schon zu den schönsten des Kinojahres. Nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung des Rinderhirten und des Fischers sieht man eine malerische Weitwinkelaufnahme des kleinen Sees bei Sonnenuntergang, während die Kontrahenten sich langsam am linken und rechten Ufer aus dem Bild schleppen. Es ist das schmerzhafte, nicht enden wollende Tableau einer Tragödie, die nicht einmal direkt mit der IS-Herrschaft zu tun hat.
Timbuktu ist ein wunderschöner und tieftrauriger Film. In Berlin läuft er noch in einigen Programmkinos, aber insgesamt hat das nur wenige tausend Deutsche interessiert. Und wie so oft wird er wohl kaum bei den direkt Betroffenen ankommen, geschweige denn verstanden werden. Es bricht einem das Herz.
Sehr gut (8/10).
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