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Sonntag, 10. Februar 2013

Klassiker auf Blu-ray #1: Verbotene Spiele (Jeux Interdits, René Clément 1952)

Frankreich 1940. Die Eltern der fünfjährigen Paulette werden im Chaos der Flucht aus Paris bei einem Luftangriff auf eine Brücke getötet. Verzweifelt klammert sich das Mädchen an ihr Hündchen, das jedoch noch in ihren Armen verendet. Als die Hundeleiche unzeremoniell durch einen Wurf in den Fluß entsorgt wird, klettert Paulette ihr nach und trifft den 11jährigen Bauersjungen Michele, der ihr hilft, das Tier zu begraben, und seine Eltern dazu überredet, das Waisenkind aufzunehmen.

Eine bloße Inhaltsangabe vermag nur schwer den Zauber dieses mit einem Goldenen Löwen und einem Ehrenoscar ausgezeichneten bedeutendsten Werks von René Clément zu vermitteln. Während die "Realität" der Erwachsenen derb-komisch, fast grotesk präsentiert wird, scheinen die Kinder Teil einer anderen, sehr poetischen Welt zu sein. In der Verarbeitung ihrer schockierenden Erlebnisse ist Paulette darauf fixiert, ihrem Hündchen ein schönes Grab mit möglichst viel Gesellschaft zu bereiten: Bald kommen Gräber für einen Maulwurf, Küken, sogar  Insekten hinzu. Michele wiederum ist so vernarrt in seine neue Freundin, daß er beginnt, Kreuze vom Leichenwagen und vom Friedhof zu stehlen, um sie zu trösten, wohl auch um sich ihrer Dankbarkeit zu vergewissern. Diese Verbotenen Spiele in der Auseinandersetzung mit dem Tabuthema Tod erklären also den Titel.

Das Aufeinanderprallen der Welten findet auf mehreren Ebenen statt. So muß sich das Stadtkind Paulette erst an das Landleben gewöhnen, ekelt sich zunächst vor einem Glas Milch, in dem eine Fliege schwimmt. Das tiefempfundenen Begräbnisritual der Kinder wird den Worthülsen des Pfaffen und ein vielfach nachgeplapperte Vaterunser gegenübergestellt. Die unschuldige Beziehung der Kinder entwickelt sich parallel zu einer handfesten Beziehung von Micheles älterer Schwester Berthe mit dem Nachbarssohn. Herrlich dabei die aufeinander folgenden Beichten der Geschwister beim erbosten Dorfpriester: er stiehlt Kreuze ("unseren Herrn"), sie hat "den Wagen vor den Ochsen gespannt". Natürlich gibt es keine Sünde, die Katholiken für ein paar Ave Marias nicht vergeben...

Die Darstellung der damals tatsächlich fünfjährige Brigitte Fossey war und ist schlicht atemberaubend: vollkommen natürlich und doch erfüllt von komplexer Emotion. Dagegen wirkt die aktuell oscarnominierte Quvenzhané Wallis wie eine Knallcharge. Eher schon fühle ich mich an die ersten Auftritte von Elle und Dakota Fanning erinnert, die schon früh ähnliche schauspielerische Intelligenz zeigten. Natürlich ist bei solchen Leistungen in gleichen Teilen der Regisseur zu loben, der gemeinsam mit Brigittes Eltern (die übrigens auch ihre Filmeltern spielten) eine Drehatmosphäre zwischen Spaß und Ehrgeiz geschaffen hat, übrigens in zwei Schüben, den Sommer- und den folgenden Osterferien der Kinder. Fossey war bis vor einigen Jahren noch als Schauspielerin aktiv und in vielen französchen Filmen zu sehen, während der als Michel ebenfalls hervorragende, im Jahr 2000 verstorbene Georges Poujouly als Erwachsener nur sporadisch Filmrollen annahm.

Berühmt ist "Jeux Interdits" auch durch seine Musik, die ausschließlich aus einigen klassischen Gitarrenstücken zusammengesetzt ist. Eingespielt wurde sie vom damals 25jährigen, nach Segovia und vielleicht Llobet berühmtesten spanischen Gitarristen Narciso Yepes, der nach heutiger Bewertung allerdings eher für  maschinenhafte Präzision und öffentlichkeitswirksame Auftritte mit seinem 10saitigen Instrument als durch hohe Musikalität auffiel. Für das Titelstück und Leitmotiv Paulettes, die notorisch berühmte Spanische Romanze, beanspruchte er anfangs sogar Autorrechte, obwohl zumindest die Melodie mindestens seit 1900 bekannt war. Das Stück selbst ist technisch gesehen eine Etude für fortgeschrittene Anfänger und damit praktisch jedem klassischen Gitarristen bekannt. In seiner musikalischen Schlichtheit paßt es aber perfekt zu den unschuldigen Gefühlen der Kinder. Neben der Romanze baute Yepes noch einige andere Repertoire-Klassiker ein, darunter ein Fragment der Llobet-Bearbeitung des katalanischen Volksliedes El Testament d’Amelia.

Ein lohnenswerter Klassiker des französischen Films, bewegend, ohne sentimental zu sein, ein zeitloses Thema mit einfachen Mitteln und hervorragenden Darstellern in 90 Minuten auf den Punkt gebracht. Herausragend (9/10).

Die Blu-ray ist in Deutschland gerade durch Arthaus/Studiocanal veröffentlicht worden. Sie bietet das hervorragend restauriertes Schwarzweißbild im Originalformat (4:3), wahlweise den französischen Originalton oder die deutsche Synchronisation und optionale Untertitel in Deutsch, Englisch und Französisch. Wie meist ist der deutlich atmosphärischere Originalton zu empfehlen. Die Tonqualität ist in beiden Spuren zufriedenstellend, leider ist der Gitarrenklang nach 60 Jahren in den Höhen doch etwas verzerrt. Als Extras gibt es die ursprünglich geplante, dann m.E. zum Glück komplett geschnittene Rahmenhandlung (ca. 5 Minuten), dazu eine informative 30minütige Dokumentation, die als Kernstück ein ausführliches aktuelles Interview mit Brigitte Fossey enthält.

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