Zero Dark Thirty: Zunächst einmal ist dies der dämlichste Titel des Jahres. Selbst als Anbiederung an Soldaten funktioniert das nicht, denn der korrekte Begriff wäre "0 Dark Thirty", analog zur militärischen Aussprache etwa von 03:30 ("Oh Three Thirty"), was einen unbestimmten Einsatzzeitpunkt nach Mitternacht bezeichnet. Nicht daß der Film sich mit einer Erklärung aufhält, das mußte ich selbst nachträglich recherchieren.
Ursprünglich vor dem Auffinden Bin Ladens konzipiert, ist ironischerweise die Inszenierung des Angriffs auf seine pakistanische Residenz in der letzten halben Stunde die beste Sequenz des Films. Zwar mit bekanntem Ausgang und mit patriotischen Untertönen, ist das wenigstens spannend aufbereitet. Bis dahin gibt es 120 Minuten unangenehme Folterungen, nichtssagende Dialoge, aus dem NIchts kommende aufbrausende Emotionen. Und eine naive (wenngleich sympathisch von Jennifer Ehle dargestellte) CIA-Agentin, die einen angeblichen Maulwurf mit einem selbstgebackenen Kuchen erwartet. Zumindest dieses tragische Ereignis scheint sich in der Realität etlichen Kommentaren zufolge deutlich anders abgespielt zu haben. Da dieser Ausgang im Film äußerst plump telegraphiert wurde, entschuldige ich mich hier auch nicht für diesen Spoiler.
Es ist kein Zufall, daß "Zero Dark Thirty" von verschiedenen Seiten unter (vorsichtigen) Beschuss geriet. Das Drehbuch vermeidet um jeden Preis, zu irgendetwas Stellung zu nehmen, und schildert alles mit einer gleichgültigen, ungenauen Haltung, die für jegliche Interpretationen offen bleibt. Ja, das vieldiskutierte Waterboarding wirkt unangenehm, aber dass der Gefangene tagelange in äußerster Demütigung nackt an den Armen aufgehängt in Dunkelheit mit aggressiver westlicher Musik beschallt aushalten muß, wirkt auf mich viel schlimmer...
Das alles soll ja angeblich auf Augenzeugenberichten beruhen, was mich ein wenig ratlos zurückläßt. Das war alles, was der CIA zum Auffinden des Staatsfeindes Nummer Eins heranzog? Ein winziges Team, eine Analystin, die zumindest in der Verfilmung weder Farsi noch Arabisch zu beherrschen scheint? Die 12 Jahre lang einem Phantom hinterherjagt, ohne ein einziges sichtbares Ergebnis, bis sie dann mit Glück, ein paar Bestechungsgeldern und ein wenig Kriminalarbeit dann doch den Jackpot knackt?
Es werden in den letzten Jahren immer wieder "Starke Frauengestalten" beschworen. Wenn man Jessica Chastain aber beobachtet, bedeutet das hier nur, daß sie kaum Emotionen zeigt und ab und zu mal in eine Schimpftirade ausbricht. In Gegenwart des CIA-Direktors das Wort "Motherfucker" zu benutzen macht aber noch keine starke Frau aus. Die sympathische wohl spätberufene 35jährige, die mir letztes Jahr in The Help in einer feinen Nebenrolle gut gefallen hat, wirkt hier nicht nur wegen des dünnen Materials einfach überfordert. Trotzdem scheint sie eine Favoritin für den Oscar zu sein. Immerhin ist Kathryn Bigelow nicht als beste Regisseurin nominiert; schon ihren Gewinner Tödliches Kommando hielt ich für überschätzt. Autor Mark Boal hat vor diesen beiden Büchern gemeinsam mit Paul Haggis die Story zum starken Im Tal von Elah geliefert: ein sehr persönlicher Fokus auf globale Probleme, der mir in "Zero Dark Thirty" komplett gefehlt hat.
Erträglich (4/10).
Ganz anders das zweite CIA-Drama der diesjährigen Oscar-Nominierungen, Ben Afflecks dritte Regiearbeit Argo, mit 120 kurzweiligen Minuten übrigens der zweitkürzeste der neun Kandidaten. Beginnend als leichtfüßiges Drama mit komischen Untertönen, entwickelt sich "Argo" gegen Ende zum spannenden Thriller. Komik entsteht vor allem in den Hollywood-Szenen, wo Alan Arkin und John Goodman die Produktion für den fiktiven Science-Fiction-B-Film aufnehmen, um Ben Affleck als CIA-Agent einen plausiblen Hintergrund für seine Rettungsaktion im Iran zu geben, wo einige Amerikaner sich in der kanadische Botschaft verstecken. Abgesehen vielleicht vom kanadischen Botschafter (sympathisch: Alias-Veteran Victor Garber) sind die übrigen Nebenfiguren nur schwach skizziert. Ich hätte z.B. gern mehr über das iranische Dienstmädchen in der Botschaft erfahren.
Wenn man Affleck etwas vorwerfen kann, dann vielleicht, daß alles zu ausgewogen ist, im Ergebnis (nicht in der Ausführung!) etwas leidenschaftslos. Mehr Mut zum Risiko täte ihm gut, und trotz seiner gewachsenen Kompetenz gefällt mir sein rauher, unvorhersehbarer Erstling Gone Baby Gone immer noch am besten. Nun ja - willkommen im Mainstream! Nachdem Afflecks Karriere mit einem Oscar fürs Buch von Good Will Hunting begann, gab es ja mehr als das übliche Auf und Ab, bis der hochsympathische Mime jetzt seine Laufbahn stabilisiert hat, wohl nicht zuletzt wegen seiner bodenständigen Ehefrau Jennifer Garner (der Star aus Alias). Und daß Affleck nicht als bester Regisseur nominiert ist, kann durchaus in einem Kompensationsphänomen zum Oscar für den besten Film führen!
Gut (7/10).
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