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Samstag, 16. Februar 2013

Stonemouth: Ein Roman von Iain Banks

Da mein Hauptinteresse beim Lesen Science Fiction & Fantasy ist, verfolge ich nur wenige zeitgenössische Autoren außerhalb des Genres. Solche Ausnahmen sind John Irving, Nick Hornby und Kazuo Ishiguro. Der 1954 geborene Iain Banks gehört auch in diese Liste, ist allerdings eine Kuriosität, denn als Iain M. Banks schreibt der Schotte parallel auch SF-Romane, zumeist in einer fernen Zukunft, mit galaxieumspannenden, von mächtigen künstlichen Intelligenzen geprägten Zivilisationen, der sogenannten "Kultur". "Stonemouth", erschienen 2012, ist sein 13. Roman als Iain Banks.

Der 26jährige Lichtdesigner Stewart kehrt anläßlich der Beerdigung des Großvaters seiner Ex-Freundin Ellie in seinen Heimatort, das fiktive Stonemouth zurück. Der Roman beschreibt in Ich-Form ausführlich dieses lange Wochenende, kunstvoll unterbrochen durch Rückblenden aus seiner Jugend und zu den Ereignissen, die fünf Jahre zuvor zu seiner überstürzten Flucht nach London geführt hatten. Stewart trifft alte Freunde, Bekannte, Widersacher. In der Erinnerung reflektiert er seine Beziehungen und muß dabei, auch unter Einbeziehung neuer Erkenntnisse, so manche Eindrücke revidieren. Zwischen allen Zeilen aber bewegt ihn die Frage, ob er seine große Liebe Ellie wiedersehen wird, und ob vielleicht eine zweite Chance auf ihn wartet?

Stonemouth ist nur auf den ersten Blick eine typische schottische Kleinstadt (jedenfalls hoffe ich das aufgrund meiner Sympathie für disen traditionsbewußten keltischen Volksstamm). Schon der ominöse Beginn bereitet uns darauf vor, als sich Stewart erst einmal heimlich mit dem Schulkameraden Powell trifft, um von ihm quasi die Erlaubnis zur offiziellen Rückkehr zu erwirken. Powell hat Stewart schon in der Schule drangsaliert, ein typischer "Bully", der inzwischen aber eine Art Machtposition im Ort zu haben scheint. Nach und nach stellt sich heraus, daß Stonemouth von zwei Gangsterfamilien kontrolliert wird, die sich seit langem untereinander und mit der Polizei arrangiert haben. Pflichtbewußt macht der verlorene Sohn seine Aufwartung bei beiden Bossen: Donald, Ellies Vater, und Mike, indirekt der Arbeitgeber von Stewarts Vater. Unterschwellige Drohungen stehen im Raum, vor allem von Seiten Ellies Familie, aber man kann hoffen, dass die anstehende Beerdigung einen versöhnenden Effekt haben wird, zumal Stewarts Anwesenheit offenbar vom Toten, Donalds Vater Joe, testamentarisch arrangiert wurde.

Die Figurenkonstellationen erinnern in all ihrer Originalität notwendigerweise an Mario Puzos Der Pate. Es gibt viele Parallelen, vor allem in Donalds Familie. Der Patriarch ist nach außen hin der seriöse Geschäftsmann und sorgende Vater. Intern aber schwelen die Machtkämpfe, und genau wie Vito Corleone hat auch Donald sehr unterschiedliche Kinder, wobei in unserer modernen Zeit auch die beiden Töchter potentielle Kartellgrößen sind (bei den Corleones war nur der Schwiegersohn am Geschäft beteiligt). Der selbst schon zum Jähzorn neigende Donald hat den Generationenkonflikt nur mühsam im Griff, denn seine drei Söhne sind alle fast vom Schlage eines Sonny Corleone, vor allem in Kombination mit schottischem Whiskey. Der vierte Sohn, Stewarts Schulfreund Callum, starb vor Jahren unter mysteriösen Umständen und scheint damit eher an die tragische Fredo-Rolle angelehnt zu sein. Damit sind die Mädchen eher in der Michael-Rolle, was Stewart zu Kay machen würde ;-) Aber das würde den Vergleich überstrapazieren.

Es folgen LEICHTE SPOILER

Ein zentrales Thema des Romans ist ein öffentlich gemachter Seitensprung. Nun sind meiner Meinung nach Seitensprünge menschlich und verletzten sicherlich den Partner. Sie müssen eine funktionierende Beziehung aber nicht gefährden, falls sie nicht Symptome tieferliegender Probleme sind. Sobald aber ein solches Fehlverhalten über die Beteiligten hinaus bekannt wird, kommen zwei gravierende Faktoren hinzu: die öffentliche Demütigung und die stellvertretende Ehrverletzung.

Ohne die genauen Hintergründe kennen zu können, vermute ich zum Beispiel, daß die vor einigen Jahren gescheiterte Ehe Sandra Bullocks mit Jesse James durchaus hätte gerettet werden können. Aber nachdem der Seitensprung ihres Mannes durch Zeitungen und Nachrichtensendungen verbreitet wurde, waren die verbundenen Gefühle von Scham und Demütigung derart gesteigert, daß an eine Versöhnung kaum noch zu denken war.

Außerdem stellte sich die amerikanische Öffentlichkeit schützend vor ihren Liebling und verurteilte stellvertretend den Bösewicht. Eine solche öffentliche Steinigung durch die Medien gab es auch im letzten Jahr nach einem kolportierten Fehltritt von Kristen Stewart, deren Liebesbeziehung zu ihrem Filmpartner Robert Pattinson unter Twilight-Fans ein unantastbares Heiligtum darstellte, bis diese mit ihrem "Snow-White"-Regisseur knutschend erwischt wurde. Der Presserummel und die Ratschläge, die dem jungen Paar da teilweise gegeben wurden, stellten eine unglaubliche Peinlichkeit für die komplette menschliche Zivilisation dar.

Um zum Buch zurückzukommen: Gerade der zweite beschriebene Faktor ist im Umfeld von mafiösen Familien natürlich brisant. Insbesondere Väter und Brüder wähnen die Familienehre beschmutzt und meinen einschreiten zu müssen. Dabei werden die Gefühle der Beteiligten und das persönliche Glück der Betrogenen nebensächlich, die Situation verselbständigt sich zu einer Machtfrage, im Extremfall folgen dann sogenannte "Ehrenmorde" (ein schlimmes Unwort). Das sind Familienbande interpretiert auf Steinzeit-Niveau, ein Kreuz, das uns leider die Evolution mitgegeben hat.

ENDE SPOILER

Abgesehen von den geschilderten mafiösen Strukturen ist "Stonemouth" eine recht konventionelle biographische Liebesgeschichte mit Thriller-Elementen. Das soll keine Kritik sein, sondern eher eine wertneutrale Abgrenzung zu Iain Banks' oft durch sehr eigenwillige Konstruktionen geprägten früheren Werke. Dies galt auch schon für den Vorgänger von 2007, The Steep Approach to Garbadale. Vielleicht weicht die schriftstellerische Abenteuerlust allmählich einer willkommenen Reife, denn ich halte "Stonemouth" für eines seiner gelungensten und lesenswertesten Bücher.

Leider ist der Roman noch nicht in Deutsch erschienen. Die englische Kindle-Version ist inzwischen erschwinglich, erfordert allerdings fortgeschrittene Sprachkenntnisse, auch wegen des Gebrauchs einiger schottischer Vokabeln und Redewendungen.

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