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Donnerstag, 21. Februar 2013

Mäßiges Musical, mißlungenes Movie: Les Misérables (4/10)

Den Roman "Les Misérables" (deutsch auch "Die Elenden") von Victor Hugo, erschienen 1862, habe ich leider noch nicht gelesen. Typischerweise versucht der Aufbau-Verlag gerade, die deutsche Kindle-Version für unverschämte 6,99 EUR loszuwerden. Viel Glück dabei! Die englische Version dagegen ist frei erhältich. Der Klassiker ist oft verfilmt worden, niemals so recht zufriedenstellend. Am bekanntesten ist vielleicht die Fassung von 1935 mit Charles Laughton als übertrieben misantropischem, übellaunigen Inspektor Javert, die mir nicht besonders gefiel. Es ist bestimmt ein schwer umsetzbarer Stoff, der die Jahre von 1815 bis zur Julirevolution 1830 umspannt, in fünf Teilen jeweils überschrieben mit dem Namen einer Hauptfigur,: Fantine, Cosette, Marius, Saint-Denis (kommt im Film wohl nicht vor), Jean Valjean.

Der aktuelle Film setzt natürlich auf dem erfolgreichen, 1980 uraufgeführten Bühnenmusical von Claude-Michel Schönberg (Musik) und Alain Boublil (Libretto) auf, dessen Langfassung in zwei Akten wohl um die drei Stunden dauert.. Fürs Kino sind jetzt (angeblich heruntergeschnitten von einer Vierstundenfassung) 158 Minuten übrig geblieben, ebenfalls grob in zwei Akte geteilt. Im ersten Akt werden der entlassene Sträfling Valjean (Hugh Jackman), sein Widersacher Javert (Russell Crowe), die schwindsüchtige Fantine (Anne Hathaway) und ihre kleine Tochter Cosette eingeführt. Im zweiten (interessanteren) Akt entwickelt sich ein Liebesdreieck zwischen der inzwischen erwachsenen Cosette (Amanda Seyfried), dem jungen Revolutionär Marius (Eddie Redmayne) und dem Straßenmädchen Éponine (Samantha Barks).

Voranstellen muß ich, daß ich dieser Sorte Bühnenmusical nicht viel abgewinnen kann. Andrew Lloyd Webber z.B. ist überhaupt nicht mein Fall. Musikalisch gibt es nur wenig, was hängenbleibt, dafür viel Sprechgesang, der oft unfreiwillig komisch wirkt und jegliche dramatische Wirkung entkräftet. Einige schöne harmonische Wendungen sind mir in Fantines "I Dreamed a Dream" und Javerts "Stars" aufgefallen, eingängig sind sicher noch "Do You Hear The People Sing" und das "Liebes-Trio". Ansonsten viel nette Wegwerfmusik. Das von den Schöpfern des Musicals extra neu komponierte und sogar für einen Oscar nominierte "Suddenly" ist belanglos.

Dieses Urteil ist natürlich auch vom Konzept beeinflußt, nach dem die Schauspieler live beim Dreh aufgenommen wurden. Dieses Experiment halte ich für komplett gescheitert. Gängige Praxis ist selbst bei Profisängern, den Gesang vorher im Studio aufzuzeichnen, wo man auch bei unbedarften Sängern noch ein Optimum herausholen kann (siehe z.B. Mamma Mia!).  Auch mittelmäßige Musik kann durch schöne Stimmen zum Erlebnis werden. Am überzeugendsten sind hier noch einige Ensemblestücke (die vielleicht doch vorher eingespielt wurden?) Ansonsten schlagen sich Amanda Seyfried (die junge Hauptdarstellerin aus "Mamma Mia!") und (logisch, sie spielte die Rolle schon auf der Bühne) Samantha Barks am besten. Hugh Jackman hat eigentlich Bühnenerfahrung, schlägt sich tapfer, scheitert aber auf hohem Niveau. Anne Hathaway (Der Teufel trägt Prada) hat sich für ihren Kurzauftritt etliche Kilos abgehungert und wirkt dann so verzweifelt, daß ganze Passagen ihres Gesangs komplett in Tränen untergehen. Eddie Redmayne (My Week with Marilyn) zeigt passable Ansätze. Russell Crowe (Gladiator) singt für einen Laien ganz ordentlich, leider scheint er ansonsten in seiner allgemeinen Ausdruckslosigkeit ein Gegengewicht zur Laughtonschen Übertreibung zu suchen. Javert ist ja der eigentliche tragische Held der Geschichte, der am Widerspruch zwischen Gesetz und Menschlichkeit zerbricht.

Bei einer Bühnenshow sollen die Emotionen durch die Lieder vermittelt werden. Im Film sehen wir dazu meist Großaufnahmen der Darsteller, oft sogar nur der Gesichter, eine übliche Technik, um Emotionen auf die Leinwand zu bringen. Dazu kommt hier, daß die Lieder auch noch mit viel Emotion interpretiert werden. Der Zuschauer wird also dreifach überladen. Nicht von der Bühnenshow lösen kann sich dagegen die Ausstattung, die selten mehr als wie eine künstliche Kulisse wirkt. Regisseur Tom Hooper hat ja in Die Rede des Königs gezeigt, daß er Schauspieler zu Glanzleistungen führen kann. Hier scheint er einfach überfordert. Wenn Not und Elend, leidenschaftliches Aufbegehren gegen Willkür,  Habgier und Gleichgültigkeit nur als malerischer Hintergrund für eine dramatische Liebesgeschichte dienen, dann ist das weit von der sozialkritischen Vorlage entfernt. Und durch die Lieder werden die Gefühle der Beteiligten derart externalisiert, daß das Drama mit all seinen Nuancen im Kitsch untergeht.

Die erste Hälfte des Films wirkt gehetzt, manche Ereignisse, die ich von anderen Verfilmungen im Gedächtnis hatte, sind verkürzt auf eine einzige, ohne Vorkenntnisse kaum zu verstehende Szene (z.B. Valjeans Auftritt im Gerichtssaal, oder die Rolle des "Bischofs" bei der Läuterung Valjeans - sind jemand die silbernen Leuchter aufgefallen?) Zur Mitte hin wird es dann kurz recht lebhaft, und zwar mit dem Auftritt von Sacha Baron Cohen und Helena Bonham-Carter als die diebischen Wirtsleute und Eltern von Éponine, die die kleine Cosette (gegen Bezahlung) bei sich aufgenommen haben. Cohen (Borat) würzt seinen Gesang als einziger mit einem französischen Akzent, Helena Bonham-Carter (sie spielte die Queen Mum in "Die Rede des König") tendiert eher zu Cockney. Dieses gut orchestrierte Zwischenspiel soll wohl für ein wenig komische Erleichterung sorgen, was im Ton allerdings nicht zum Rest paßt. Der zweite Akt wirkt dann geschlossener, spielt ja auch binnen weniger Tage und kumuliert in einer auch eher nach Bühnenart ausstaffierten Actionszene, an der Barrikade der Revolutionäre. Valjean ist erst gegen die Liebesbeziehung seiner adoptierten Tochter, opfert dann aber sein eigenes Glück zugunsten des jungen Paares. Leider wirkt dieses Happy End dann wieder überhastet, und ein wichtiges Handlungsdetail (daß Marius nicht weiß, wer ihm das Leben gerettet hat) wird erst im Nachhinein klar. Das ganze endet in einer merkwürdigen Coda, die zeitlich nicht recht einzuordnen ist und von vagen religiösen Untertönen geprägt ist.

Schade um die Verschwendung so viel Aufwands und Talents (4/10).

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