Und wieder ein Film "basierend auf tatsächlichen Vorkommnissen". In diesem Fall hätte der bislang wenig profilierte Drehbuchautor Luke Davies besser stärker von der Vorlage, den Erinnerungen von Saroo Brierley, abweichen sollen. So zerfällt Lion in zwei sehr unterschiedliche Teile, die kein überzeugendes Ganzes ergeben.
Saroo wächst in den 80ern in ärmlichen Verhältnissen irgendwo in Indien auf, geliebt von seiner in einem Steinbruch schuftenden Mutter und seinem älteren Bruder Guddu, der die kleine Familie mit Gelegenheitsjobs unterstützt. Eines Tages nimmt Guddu nach langer Quengelei seinen fünfjährigen Bruder mit zu einem solchen Einsatz, zwei Bahnstationen vom Heimatort entfernt. Dort geht Saroo verloren und landet schließlich nach langer Fahrt in einem ausrangierten Zug im 1.600 Kilometer entfernten Kalkutta, wo man sogar Bengali statt Hindi spricht. Er schlägt sich einige Monate auf der Straße durch, bis er in einem Waisenhaus landet und es recht schnell zur Adoption durch ein australisches Ehepaar kommt (offenbar als eine Art "Mail Order Child").
Die über 50 Minuten gezeigte Odyssee des Jungen ist packend erzählt. Dass die Vorgänge gelegentlich unklar oder verklärt erscheinen, ist verständlich, da sie auf den bruchstückhaften Erinnerungen des erwachsenen Saroo beruhen. Trotzdem bekommt man einen guten Eindruck von einem Indien jenseits touristischer Exotik und elitärer Bollywood-Prominenz. Der Laiendarsteller Sunny Pawar mit seinen großen Augen und einer pfiffigen Ausdrucksfähigkeit zeigt in der Hauptrolle eine magische Präsenz, was man in seinem Alter allerdings eher dem Casting und geschickter Regie anrechnen sollte. Unterstützt werden die teilweise an den Originalschauplätzen gedrehten Bilder durch verträumte Piano-bestimmte Musik von Volker Bertelmann (aus Kreuztal!) und Dustin O'Halloran, die dafür mit ihrer ersten Oscar-Nominierung belohnt wurden.
Gleich der Übergang zum erwachsenen Saroo erscheint mir recht holprig. Ich habe große Sympathie für den durch Slumdog Millionaire berühmt gewordenen Londoner Dev Patel, perfekt besetzt als Manager des Best Exotic Marigold Hotel. Hier kann ich allerdings keine Kontinuität zu Sunny Pawels Darstellung erkennen. Insbesondere Patels Vollbart wirkt fehl am Platz. An meinem Unbehagen ist Patel aber nur zum Teil schuld. Die Erzählung wirkt seltsam fragmentiert und spart die möglicherweise interessanteren Teile aus. Saroos australische Identität wirkt aufgesetzt, woran auch die Surfszene zu Beginn nichts ändern kann. Die Beziehung zu seiner Adoptivmutter und seinem ebenfalls aus Indien importierten Adoptivbruder bleibt seltsam unklar (sein Adoptivvater kommt kaum vor).
Saroo beginnt offenbar mit Mitte 20, sich an seine Kindheit in Indien zu erinnern, ausgelöst durch die Begegnung mit anderen Indien-stämmigen Kollegen. Er versucht mittels dem gerade verfügbar gewordenen Google Earth © seinen Heimatort zu finden, hat aber, wie sich am Schluss herausstellt, einige Fakten falsch in Erinnerung, darunter den Namen seines Dorfes. Daraus resultiert eine fünf Jahre dauernde Depression mit frustrierenden, manisch anmutenden Recherchen, über die er seinen Beruf und (zeitweise) seine Freundin verliert (Rooney Mara bringt immerhin ein wenig frischen Wind in diese unerfreuliche Phase). Natürlich gäbe es diesen Film nicht, wenn Saroo am Ende nicht erfolgreich gewesen wäre, und genau zum Finale schlägt die Stimmung vollkommen in Kitsch um, wozu dann leider auch der Soundtrack beiträgt. Übrigens spricht Saroo sogar seinen Namen falsch aus, er heisst eigentlich Sheru, also "Löwe" (falls jemand sich über den Titel wundert - das Buch heisst einfach "Der lange Weg nach Hause").
Es erschließt sich mir nicht, warum jetzt ausgerechnet Dev Patel bei den aktuellen Preisverleihungen Favorit ist (er gewann gerade einen BAFTA). Geradezu albern ist es, dass seine Darstellung als Nebenrolle (wörtlich eigentlich: "unterstützende Rolle") gewertet wird. Lion hat zwei Hauptdarsteller, nämlich Dev und Sunny. Ähnlich falsch verfuhren die BAFTAS, indem sie Hugh Grant für Florence Foster Jenkins in die gleiche Kategorie steckten. Nach dieser Logik hätte Judi Dench für ihre fünf Minuten als Queen Elizabeth in Shakespeare in Love höchstens einen Preis für die beste Statistin verdient gehabt.
Davon ab sehe ich die größere Schwäche von Lion bei Regie und Schnitt. Der australische Werbefilmer Garth Davis vermag gerade dem zweiten Teil einfach keinen Fluss zu geben. Besonders verwirrend fand ich die Rückblende, als Saroo von einem Motorrad angefahren wird. Der absolute Tiefpunkt allerdings ist vor allem dem Drehbuch anzulasten: Saroos Adoptivmutter erzählt ihm, wie sie als Zwölfjährige eine Vision eines indischen Jungen hatte. Diese Szene allein sollte eigentlich zur Disqualifizierung bei den Oscars führen. Dass Nicole Kidman diesen Monolog ohne Kichern zu Ende gebracht hat, ist allerdings höchste Schauspielkunst - damit und mit ihrem Mut zur hässlichen Frisur hat sie ihre eigene Oscar-Nominierung verdient (warum ist es in solchen Biopics oft so, dass die Hauptfiguren gegenüber den Vorbildern aufgehübscht werden, die Nebendarsteller aber unansehnliche Imitationen anstreben?) Von den sechs Oscar-Nominierungen (auch als Bester Film) gehen für mich höchstens die für Musik und Kamera in Ordnung. In der Summe Ordentlich (6/10).
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