Thor war noch nie der plausibelste Avenger. Genaugenommen zwar kein Gott (wie Phil Coulson nicht müde wird zu erklären), entstammen er und seine dysfunktionale Familie doch der nordischen Mythologie und nicht der Welt der Comic-Wissenschaft. Hulk und Spiderman verdanken ihre Kräfte "radioaktiven Experimenten", Captain America wurde dank eines Drogencocktails zum Superman, Ant Man kann sich mittels einer raffinierten Erfindung verkleinern (und vergrößern), und Iron Man verwandelt seine Dollars mit viel Ingenieurskunst in Heldentum. Thor dagegen - fällt einfach vom Himmel. Er besitzt nicht nur den überlegenen Körper eines Asgardiers, sondern kann je nach Handlungsbedarf beliebige geheimnisvolle Kräfte eines Donnergotts manifestieren. Mehr Mysterium hat eigentlich nur Dr. Strange zu bieten (der Auftritt von Benedict Cumberbatch beschränkt sich hier leider auf eine Erweiterung des bereits bekannten Teasers).
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Daher konnte man Thor noch nie so recht ernst nehmen, auch wenn Shakespeare-Spezialist Kenneth Branagh beim Debut sein bestes gab. Außer (gerade in 3D spektakulären) Schauwerten, einer amüsanten Fish-Out-Of-Water-Geschichte ("Bringt mir ein Pferd!) und einer mauen Romanze kam dabei aber nichts überragendes heraus. Sogar Anthony Hopkins als Odin wirkte hölzern. Gerettet hat das Unterfangen schließlich ein Nebendarsteller, an sich als Wegwerfbösewicht konzipiert. Tom Hiddleston machte Loki zum Star der Neun Welten, und Loki Tom Hiddleston zum Starschurken des Marvel-Universums. In der Fortsetzung unter der Leitung von GoT-Kämpe Alan Taylor kam es dann zum gleichberechtigten Schlagabtausch der Brüder, in einer rasanten Action- und Effektorgie, an der ich viel Freude hatte. Während die Hauptfiguren ihren Leidensweg gingen, sorgten einige Nebendarsteller für komische Erleichterung, allen voran Stellan Skarsgård als durchgeknallter Wissenschaftler mit Hang zum Nudismus.
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Und nun wurde der Hammer weitergereicht an den Kiwi Taika Waititi, bekannt geworden durch seine herrliche Vampir-Dokumentation Fünf Zimmer Küche Sarg ("What We Did in the Shadows"). Letztes Jahr landete er einen von Kritikern hochgelobten Arthaus-Hit mit Wo die wilden Menschen jagen, über die Freundschaft eines älteren Witwers (Sam Neill) zu seinem Teenager-Adoptivsohn. Mich hat das Abenteuer im neuseeländischen Busch tonal nicht überzeugt. Die Figurenzeichnung fand ich sehr uneben, und der Abschluss der Verfolgungsjagd war einfach nur lächerlich. Daher und auch aufgrund der Trailer war ich sehr skeptisch, ob dieses Konzept für zwei Stunden Thor aufgehen könnte.
Aber hallo! Auch wenn der Film haarscharf an der Grenze zur Albernheit balanciert, gibt es nur seltene Fehltritte. Thor: Ragnarök ist schlicht die beste Komödie des Jahres. Nun ja, abgesehen von Die Mumie ist es auch die einzige ausgesprochene Komödie, die ich dieses Jahr bisher gesehen habe. Aber trotzdem! Selten so gelacht! Oder zumindest geschmunzelt. Schließlich geht es eigentlich um den Weltuntergang, die Geschichte beginnt in der Hölle, und es wird gemetzelt und gemeuchelt, was das Zeug hält. Vielleicht passt das zum Fest Halloween, denn je mehr Menschen sich als Horrorfiguren verkleiden, desto weniger Gewicht hat der Schrecken, der diesen eigentlich innewohnt. Und das ist auch meine Hauptkritik an Ragnarök, nämlich dass die Charaktere keinerlei Tiefe mehr haben und stattdessen für jeden Witz gut sind. Anderseits ist das immer noch besser als die Pseudopsychologie von Captain America: Civil War. Alberner als jede Filmszene ist übrigens der deutsche Verleihtitel "Thor: Tag der Entscheidung". Als ob man in Europa Ragnarök übersetzen müsste (im Englischen verlor es nur den Umlaut). Und wenn schon, dann wenigstens als "Thor: Götterdämmerung". Man muss kein Wagner-Fan sein, um das zu verstehen...
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Dass Chris Hemsworth ein begnadeter Komiker sein kann, weiss man spätestens seit Ghostbusters, eigentlich bereits seit Cabin in the Woods. Auch in dieser Hinsicht funktioniert das Zusammenspiel mit Tom Hiddleston ganz gut, aber sein eigentlicher Buddy in diesem dritten Outing ist Mark Ruffalo als Bruce Banner bzw. (meist) als Hulk - ein Traumpaar (oder Trio?) Dazu gibt es wie in den meisten guten Komödien eine Vielzahl gelungener Nebenfiguren. Das beginnt mit einem besonderen Cameo, das leider so schnell vorbei ist, dass ich es selbst erst im Nachhinein identifizieren konnte (Tip: ein Bruder, ein Marsianer, ein Dinosaurierforscher). Dann ist da der Chefgladiator Korg, ein skurilles Steinwesen mit Kiwi-Akzent, das per Motion Capture vom Regisseur persönlich animiert wurde. Unter weiteren Alien-Masken verbergen sich u.a. Zachary Levi (Chuck) und Clancy Brown. Mein Favorit unter den Revengern ist allerdings Tessa Thompson als Walküre: sexy as hell (wie die Angelsachsen sagen würden), umwerfend komisch (wenn der Alkohol sie nicht selbst umwirft) und mit einer den Stars ebenbürtiger Ausstrahlung (ich bin schon gespannt, welche Rolle sie in Westworld spielt - da warte ich auf die UHD-Veröffentlichung Ende des Monats). Neben Hauptdarsteller Sam Neill taucht auch Rachel House, die furchteinflößende Sozialarbeiterin aus Wo die wilden Menschen jagen, als Assistentin des Grandmasters auf.
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Und dann sind da die Schurken, allen voran das LotR-Team Cate Blanchett und Karl Urban. Cates prominente Wangenknochen wurden von der Kostümabteilung effektvoll zu einem Geweih verlängert, ihre Todesgöttin ist eine bedrohliche Variante von Galadriel, und zumindest ihr computerisiertes Double hat beeindruckende Moves drauf. Karl Urban spielt nach Eomer auch hier wieder nur das zweite Schwert, aber manchmal ist der Wiedererkennungswert für solche Rollen am wichtigsten. Niemand wird hierfür Oscars gewinnen, aber wenn überhaupt, dann möchte ich Jeff Goldblum für diese Ehre vorschlagen. Er spielt den Grandmaster mit solcher süffisanten Raffinesse, dass ich gern noch viel mehr von ihm gesehen hätte. Er kann ja sowohl Komödie (Das lange Elend, Der Gefallen, die Uhr und der sehr große Fisch), Blockbuster (Jurassic Park, Independence Day) als auch Drama, siehe etwa einen meiner Lieblingsfilme: Der große Frust von Lawrence Kasdan (1983).
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Nicht wieder dabei ist Natalie Portman. Nicht nur, dass nicht so recht in die Handlung gepasst hätte; sie kann einfach nicht (mehr) komisch sein. Spätestens seit ihrem Oscar-Gewinn ist sie unter dem Gewicht ihrer Rollen implodiert - die Leichtigkeit ihrer Teenager-Rollen ist ihr abhanden gekommen. Auch Jaimie Alexander als würdevolle Lady Sif sucht man hier (leider) vergebens. Willkommener Rückkehrer ist allerdings Idris Elba als Heimdall, mit einer größeren Heldenrolle. Außerdem ist er ja mit seinem Schwert für das asgardische Reiseportal zuständig. Da dieses aber von feindlicher Übernahme bedroht ist, kommen nun auch etliche spannend konzipierte Raumschiffe ins Spiel. So wird auch eine Brücke geschlagen zu den Guardians of the Galaxy, die sich ja im April in Infinity War mit den Avengers zusammentun sollen (das wird wohl ein ziemliches Gedränge). Und auch wenn Thor anders als James Gunns Weltraumoperetten von einem eher herkömmlichen Score des bisher wenig bekannten TV-Komponisten Mark Mothersbaugh untermalt ist, so ist zumindest der Gebrauch des Led-Zeppelin-Klassikers Immigrant Song denkwürdig. Dessen Text beschwört passenderweise Valhalla, was aber in Robert Plants heulenden Gesang eher untergeht...
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Nun haben wir in diesem Jahr also tatsächlich eine dritte höchst spaßige Comic-Verfilmung gesehen. Ich vermute allerdings stark, dass dies der letzte Höhepunkt des Jahres bleibt. Wäre es nicht toll, wenn zumindest bei den Golden Globes Wonder Woman als bestes Drama und Thor: Ragnarök als beste Komödie ausgezeichnet würden?
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Da steh ich nun, ich armer Thor, und bin so klug als wie zuvor. Sehr gut (8/10).
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