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Samstag, 2. Mai 2015

Lohn der Angst: Avengers - Age of Ultron (9/10)

Joss Whedon hat fünf anstrengende Jahre hinter sich. Als er im April 2010 das Steuer beim ersten Avengers-Film übernahm, war die Erwartungshaltung so groß wie die Angst vor dem Scheitern. Schließlich hatte er nach dem Ende von Buffy (1997 - 2003) nicht viel Glück mit seinen Folgeprojekten. Der Kinofilm Serenity zur nach wenigen Episoden abgesägten Fernsehserie Firefly spielte 2005 nicht viel Geld ein, die ambitionierte, faszinierende Serie Dollhouse (2009/10) brachte es immerhin auf zwei Staffeln (von denen die zweite bereits am Mikrobudget litt). Für die Avengers mußte er zunächst das Drehbuch von Zak Penn überarbeiten (sprich: neu schreiben), der zuvor bereits den mäßigen dritten X-Men-Teil und den schwachen Unglaublichen Hulk mit Edward Norton mitzuverantworten hatte. Kaum hatte Joss das Projekt künstlerisch und kommerziell gerettet, begann bereits die Arbeit am nächsten Drehbuch, und die Erwartungen stiegen wie die Egos der Stars fast ins Unermessliche.

Die Anstrengung hat sich gelohnt, und der (noch) 50jährige hat sich seine anstehende Ruhepause redlich verdient. Auch finanziell dürften jetzt ein paar Millionen in seine Tasche geflossen sein, nachdem er für den ersten Film mehr Ehre als Dollars erhielt, während Robert Downey Jr. - es sei ihm gegönnt - per Gewinnbeteiligung das größte Tortenstück vom dritterfolgreichsten Film aller Zeiten einheimste. Bisher waren nur Camerons Avatar und Titanic erfolgreicher, allerdings ohne die Inflation zu berücksichtigen - niemand wird die Zuschauerzahlen des Klassikers Vom Winde verweht schlagen können, nicht einmal durch die zunehmende Erschließung der asiatischen Märkte.

Zu Age of Ultron kann man letztendlich nicht viel mehr sagen als: Anschauen! Wer noch nie einen Marvel-Film gesehen hat, wird wohl gelegentlich den Faden verlieren und ob mancher Figuren verwirrt sein. Aber wenn auch nur Fans maximale Befriedigung aus diesem komplexen Mosaik ziehen können, sollten auch unvorbereitete Zuschauer ihren Spaß haben an den fulminanten Actionszenen, den typischen Whedonschen Dialogen und der sorgfältigen Balance zwischen Getöse und Nachdenklichkeit. Denn während im ersten Film die Avengers zusammenfinden mußten, zeigen sich nun deutliche Risse im Team. Jeder der Helden hat seine Bürde zu tragen: Steve Rogers trauert immer noch seiner Peggy hinterher (Hayley Atwell hat einen schönen Gastauftritt in einer Traumszene), Bruce Banner ringt immer noch mit seinem Anderen Ich, Tony Starks Trauma hat zu Paranoia geführt, und Thor hat üble Vorahnungen, die mit den Unendlichkeitssteinen zusammenzuhängen scheinen (man kann allerdings davon ausgehen, daß ihn in seinem nächsten Solofilm mehr der Kampf um den asgardischen Thron beschäftigen wird). Der düstere Ton erinnert an The Empire Strikes Back - dort die Rückschläge der Rebellion gegen das übermächtige Imperium, hier das Zusammenbrechen von S.H.I.E.L.D. durch die Hydra-Unterwanderung und das Misstrauen der Öffentlichkeit gegenüber den Avengers.

Dann gibt es da noch die "normalen" Mitstreiter. Whedon gelingt es wie so oft, selbst "kleine" Figuren mit unbekannten Darstellern interessant zu machen. Diesmal war ich begeistert von der aparten Asiatin Claudia Kim als Dr. Helen Cho ("Kommt Thor auch zur Party?"), die bereits in Marco Polo eine der besseren Frauenfiguren verkörperte (wenn man bei diesem Netflix-Schrotthaufen überhaupt solche Qualitäten entdecken kann). Während die Vorgeschichte der Schwarzen Witwe Natasha Romanoff bereits im Vorgänger thematisiert wurde, rückt nun Clint Barton aka Hawkeye in den Vordergrund. Der (wie auch Mark Ruffalo und Robert Downey Jr.) zweifach Oscar-nominierte Jeremy Renner formt damit fast die eindrucksvollste Figur des Ensembles. Nick Fury und Maria Hill haben dagegen eher (allerdings coole) Cameos. Dazu bekommt man endlich einmal Paul Bettany (wenngleich mit rotem Makeup) als "Vision" zu sehen, der ansonsten zum fünften Mal die Stimme von Jarvis beisteuert. Zu den Protagonisten gesellen sich auch diesmal wieder schillernde Schurken. Thomas Kretschmann als Hydra-Kopf Baron Strucker hat nur einen kurzen Auftritt, aber James Spader (Stargate, Sex, Lügen und Video) verleiht dem titelgebenden Ultron eine unerhört persönliche Stimme, in Dialogen, die wie eine sardonisch überhöhte Kombination von Tony Stark und Jarvis mit einem Schuß Hannibal Lector wirken. Und dann gibt es da noch die Zwillinge...

Zur Erklärung muß man etwas weiter ausholen. Das Marvel-Universum ist lizenztechnisch zweigeteilt. Die Rechte zu den X-Men und Spider-Man liegen bei Sony, die Avengers gehören direkt den Marvel Studios (die wiederum zum Disney-Konzern gehören). Das geplante erneute Spider-Man-Reboot soll von beiden Studios gemeinsam produziert werden, aber ansonsten gibt es eine strikte Trennung. "Mutanten" gehören also Sony, der Begriff darf bei den Avengers nicht genannt werden. Daher erklärt sich Hawkeyes etwas unbeholfene Meldung im Eingangsgefecht: "We have an Enhanced in the field!" (etwa: "Es ist ein Verbesserter im Spiel"). Wer die begleitende Fernsehserie Agents of Shield verfolgt, weiß bereits, daß es sich um "Inhumans" handelt, die Ergebnisse genetischer Experimente der Kree (die blauen Aliens aus Guardians of the Galaxy). Für die nächsten Jahren sind bereits Kinofilme zu den Inhumans angekündigt, was neben dem diesmal direkt den Abspann einleitenden Auftritt von Josh Brolin als Thanos den Brückenschlag zwischen den Avengers und den Guardians vorbereitet. Für den Moment dürfen die Zwillinge jedenfalls nicht Mutanten genannt werden, obwohl der eine sogar eine (wenngleich weniger eindrucksvolle) Variation des X-Man Quicksilver ist. Agent Hill faßt die beiden so zusammen: Er ist superschnell, sie ist ... seltsam. SIE ist die Scarlet Witch, die "scharlachrote Hexe", wesensverwandt vielleicht mit Jean Grey, und sie stiehlt den etablierten Helden in so mancher Szene die Show, mit ihren spektakulären telekinetischen Fähigkeiten und noch gefährlicheren hypnoseartigen Manipulationen. Gespielt wird sie von der 26jährigen Elizabeth Olsen, der jüngeren Schwester der überniedlichen Olsen-Zwillinge, die allerdings weniger niedlich und mehr ... seltsam ist. Vielleicht liegt es an ihrer gedrungenen Schulter-Nackenpartie, vielleicht an ihrem meist gezwungenen Lächeln, wie auch immer: Als verbitterte Quicksilver-Schwester Wanda Maximoff ist sie perfekt besetzt und eine willkommene Erweiterung des Avengers-Universums (ohne zu viel verraten zu wollen).

Zum Titel gab es übrigens einen hübschen Leserbrief im Empire-Magazin, in dem (zu Recht) vermutet wurde, daß der Film Ultrons Alter nicht enthüllen werde. Keinen Spoiler bedeutet es wohl, wenn man das bei Marvel übliche donnernde Action-Finale erwähnt, das aber durchaus erträglich ist, wenngleich bald wirklich keine Steigerung mehr nach dieser elften Avengers-Instanz möglich zu sein scheint. Die 3D-Bilder fand ich (anders als in Guardians) doch meist überflüssig. Ansonsten hätte ich durchaus mehr als die kurzweiligen 140 Minuten vertragen. Tatsächlich gibt es diesmal fundierte Gerüchte, daß fürs Heimkino eine längere Fassung vorbereitet werden könnte. Drücken wir die Daumen. Bis dahin (und in der Hoffnung, daß der im Juli startenden Ant-Man kein Spaßverderber wird) freue ich mich über ein erneut herausragendes Kinoerlebnis (9/10).

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