Tim Burtons erst jetzt in den deutschen Kinos angelaufener Film Big Eyes beruht auf der mir als Kunstbanause bislang unbekannten, "wahren" Geschichte der Malerin Margaret Keane, deren (zweiter) Ehemann Walter ihr Werk für sein eigenes ausgab und durch sein Marketinggeschick mit den traurigen Porträts großäugiger Kinder in den 60ern ein Millionengeschäft machte (u.a. durch den bis dahin nicht üblichen Verkauf von Drucken). Erst 1970 rang sich Margaret dazu durch, ihr Werk als ihr eigenes anerkennen zu lassen. Es gab eine berühmte Gerichtsverhandlung, in der der Richter schließlich die Kontrahenten im Gerichtssaal einen Malwettstreit ausführen ließ (den sie eindeutig gewann). Tim Burton ist offenbar seit langem Fan der inzwischen fast 90jährigen Künstlerin (sie sitzt im Abspann des Films neben ihrer Darstellerin Amy Adams auf einer Parkbank; Walter ist bereits 15 Jahren tot). Die Biographie-Spezialisten Scott Alexander und Larry Karaszewski (u.a. für Ed Wood, aber auch für Formans Larry Flynt und Der Mondmann verantwortlich) verarbeiteten den Stoff zu einem spannenden Drehbuch.
Seit ihrem Durchbruch in Spielbergs Catch Me If You Can war Amy Adams stolze fünf Mal für einen Oscar nominiert und konnte sich an der Seite von Schwergewichten wie Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman behaupten. Nur kurz geriet die heute 40jährige 2007 als Disney-Prinzessin in Verwünscht in Gefahr, zur ewig gutgelaunten Doris Day ihrer Generation zu mutieren. Für ihre Rolle als Pop-Malerin Margaret Keane wurde sie zwar nicht von der Akademie nominiert, gewann aber merkwürdigerweise einen Golden Globe als beste Hauptdarstellerin in der Kategorie "Komödie oder Musical". Das wird ihrem dramatischen, nuancierten Porträt dieser sensiblen, unterdrückten Künstlerin nicht gerecht.
Christoph Waltz als ihr Ehemann und Ausbeuter mag allerdings gedacht haben, er befinde sich in einer Komödie. Nur so erklären sich sein vor allem in der zweiten Hälfte nerviges Chargieren und sein bizarres theatralisches Gehabe. Zwar soll sich Walter im wahren Leben tatsächlich (besonders in der Gerichtsverhandlung) wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde verhalten haben, aber Waltz konnte mich nur zu Beginn überzeugen, und dies auch unter filmerisch verlogenen Voraussetzungen. Zunächst wird nämlich Mitgefühl mit diesem als Makler seinen Lebensunterhalt verdienenden Hobby-Maler erzeugt. Seine überzeugende Enttäuschung, als die Kundschaft die Großen Augen seiner Frau den eigenen Pariser Impressionen vorzieht, wird später allerdings entwertet, wenn man erfährt, daß selbst diese mittelmäßigen Bilder geklaut sind und er selbst nicht einmal den Unterschied zwischen Öl und Acryl versteht. Waltz spricht übrigens ein sehr gewähltes, künstlich wirkendes Englisch, was seinen österreichischen Akzent trotzdem nicht vollkommen cachieren kann. Tarantino weiß schon, warum er ihn nicht als Amerikaner besetzt. Allein bei Polanski konnte er im Gott des Gemetzels als Nicht-Europäer überzeugen. Daß Waltz zudem noch zu alt für die Rolle ist, fällt dann kaum noch auf.
Tim Burton hat uns vor zwanzig Jahren mit Ed Wood die wunderschöne Biographie eines talentlosen Künstlers geschenkt, und Martin Landau den Oscar für sein bewegendes Porträt von Bela Lugosi. Burton hatte meist, insbesondere in seiner Zusammenarbeit mit Johnny Depp, ein glückliches Händchen bei Besetzungen, aber Schauspielerführung war nie wirklich seine Stärke. Eine Persönlichkeit wie den Veteran Terence Stamp (General Zod aus Superman) als Kritiker der New York Times weiß er allerdings ins rechte Licht zu rücken. Punkte kann er diesmal wie meist mit der Ausstattung, die die 50er und 60er Jahre eindrucksvoll zum Leben erweckt, und einigen geschickten optischen Tricks, bei denen Margaret plötzlich die umgebenden Personen mit "großen Augen" wahrnimmt. Dazu paßt die Musik seines Stammkomponisten Danny Elfman, der dazu ein paar schöne Lieder von Lana Del Rey integriert hat. Wenn Burton statt auf Waltz auf Johnny Depp gesetzt hätte, wäre vielleicht ein tonal geschlossenerer Film herausgekommen (und Depps Karriere hätte eine solche Herausforderung nur gut tun können). So ist dies zwar kein zweiter Ed Wood, aber dank Amy Adams' herausragender Leistung immer noch eine gute Biographie (7/10).
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