Chris Rock habe ich das erste Mal wahrgenommen, als er in Kevin Smiths herrlicher Religionssatire Dogma den dreizehnten Apostel spielte. Solche respektlosen Rollen scheinen ihm auf den Leib geschrieben. Mit seinem an Richard Pryor und Eddie Murphy erinnernden Mundwerk, der schlacksigen Gestalt und seinem zwar zu komischen Verrenkungen fähigen, aber doch attraktiven Gesicht gelang es ihm, dieser komischen Nebenfigur Herz zu verleihen. Zugleich strahlt er eine gewisse Intellektualität aus, die seinen Kollegen oft abzugehen scheint. Für mich ist er daher der bessere Chris Tucker (Das Fünfte Element, Rush Hour). Er soll ein großartiger Standup-Komiker sein, wovon man in seinen Kurzauftritten leider zu wenig mitbekommt. In Lethal Weapon 4 war er als Murtaughs Schwiegersohn in spe eher nervig, als Zebra Marty in den Madagaskar-Filmen durchaus witzig (auch wenn er dabei in die ausgetretenen Fußstapen von Eddie Murphys Esel aus Shrek trat). In Julie Delpys wenig gelungener Culture-Clash-Komödie Zwei Tage in New York (die Fortsetzung der viel besseren Zwei Tage Paris) konnte man vor einigen Jahren dann die Grenzen seiner Schauspielkunst erkennen.
Top Five ist bereits Chris Rocks dritte Arbeit als Regisseur und Drehbuchautor, die Vorgänger taugen nach Kritiker- und Publikumsmeinung wohl nicht viel. Dieser sehr persönliche Film des 50Jährigen kam bei der Kritik zwar sehr viel besser an, läuft in deutschen Kinos aber trotzdem höchstens im Spätprogramm. Rocks Hauptfigur Andre Allen kann man als eine Mischung aus verschiedenen schwarzen Komikern verstehen, Hauptinspiration scheinen neben ihm selbst Martin Lawrence (Big Mamas Haus) und Eddie Murphy zu sein. Wir erleben einen Tag im Leben des seit vier Jahren trockenen Alkoholikers, der vom Ruhm einer Reihe von albernen Polizeikomödien lebt, aber nun versucht, "ernsthafte" Filme zu drehen und nebenbei als Bräutigam für die Hochzeit mit einem Reality-TV-Star (überzeugend: Gabrielle Union) gecastet wurde. In dieser Krisensituation läßt er sich darauf ein, von der Reporterin Chelsea Brown begleitet und interviewt zu werden, die ihrerseits an einem Wendepunkt ihres Lebens angelangt ist. Sie wird gespielt von der fabelhaften Rosario Dawson. Die dunkelhäutige Latina war ebenfalls schon bei Kevin Smith zu bewundern, in einer völlig anders gelagerten Hauptrolle in Clerks II. Hier spielt sie die Reporterin der New York Times mit Eleganz und einer verblüffenden Mischung aus Power und Zerbrechlichkeit. Daher gehören die verbalen Schlagabtäusche zwischen Andre und Chelsea auch zu den Höhepunkten des Films.
Leider ist neben Rocks schauspielerischen Beschränkungen auch seine Regieführung wackelig. Hauptproblem für mich ist ein inkonsistenter Ton, der sich scheinbar nicht so recht zwischen den verschiedenen Komödienformen und dem Drama entscheiden kann. So gibt es eine Nebenhandlung um Chelseas möglicherweise schwulen Freund Brad, die unnötig albern wirkt (und vermutlich bei schwulen Zuschauern nicht gut ankommen wird). Dagegen ist ein Rückblick mit einem Cameo von Cedric the Entertainer, der Andres Tiefpunkt zeigen soll, für meinen Geschmack nicht übertrieben genug, zumindest so ungeschickt inszeniert, daß er seine Wirkung verfehlt. Chaotisch und verwirrend war für mich auch der Besuch bei seiner Familie, wo einfach zu viele Figuren auf einmal auftauchen (dabei auch Tracy Morgan in seiner letzten Rolle vor seinem schweren Unfall im letzten Jahr). Dazwischen gibt es aber immer wieder schöne, bewegende und nachdenkliche Momente, etwa in der Interaktion mit Andres Jugendfreund Silk (J.B. Smoove), der ihm als Chauffeur und Bodyguard die Treue hält. Diverse Cameos von Comedy-Größen (u.a. Jerry Seinfeld, Adam Sandler) verpuffen leider ohne große Lacher. Natürlich kann es sein, daß ich mit der Subkultur der Rapper, Hiphop-Stars und Comedians einfach nicht genug vertraut bin - übrigens bezieht sich der Titel des Films auf Listen von fünf Lieblingskünstlern, die von verschiedenen Darstellern aufgelistet werden. Herrlich allerdings der Auftritt des (offenbar berühmten) Rappers DMX, der wie Andre Allen das Fach wechseln will und im Knast eine schaurige Version von Chaplins Evergreen Smile von sich gibt (um das Grauen abzustreifen, hier noch ein Link mit Judy Garland). Diese Szene bringt Andres Fazit auf den Punkt, der sich am Ende auf seine alten Stärken besinnt und seinen Spaß an Comedy wiederentdeckt.
So gelingt es Chris Rock zwar, seine persönliche Karriere fruchtbar auszuschlachten, er sollte aber vielleicht die Moral seines Films selbst ein wenig beherzigen. Als Hauptdarsteller ist er hier zwar passabel, aber ein erfahrener Regisseur hätte bestimmt mehr aus dem Buch herausholen können, das in seiner Reflexion über eine popkulturelle Karriere übrigens oberflächliche Parallelen zu Iñárritus Oscar-Gewinner Birdman aufweist. Alles in allem bin ich froh, den Weg in die Spätvorstellung gefunden zu haben. Gut (7/10).
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