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Samstag, 4. April 2015

SF-Klassiker #6: David Brins erste Uplift-Trilogie

David Brin, Jahrgang 1950, gehörte in den 80ern und 90ern zu den bedeutendsten SF-Autoren, bevor sein literarischer Output unter seiner eigenen Wichtigkeit implodierte. Seitdem berät der gebürtige Kalifornier und Doktor der Weltraumwissenschaften Firmen und Agenturen (darunter CIA, Google und Proctor & Gamble) und verbreitet über seine Website, Vorträge und populäre Fernsehshows seine fragwürdigen Weisheiten ("Remember you are a member of a civilisation!"). Er scheint mir ein typischer amerikanischer Liberaler mit naiv-optimistischer Weltsicht zu sein, der immer noch daran glaubt, daß die Technik es schon richten wird. In der Science Fiction steht er als Physiker in der Tradition der "harten SF" von Arthur C. Clarke und Isaac Asimov, nutzt seine Werke auch zu Spekulationen über zukünftige Entwicklungen, legt aber insgesamt mehr Wert auf soziale und gesellschaftliche Entwicklungen als auf technische Gimmicks und präsentiert anders als seine Vorbilder differenzierte Charaktere. Unfreiwillig berühmt wurde er als Autor des "Postman", der als Roman 1986 u.a. für den Hugo nominiert war (er mußte sich verdient Orson Scott Cards Meisterwerk "Ender's Game" geschlagen geben), 1997 dann leider aber von Kevin Costner in einen grauenhaften Film verwandelt wurde (die Vorlage war lange nicht so pathetisch-patriotisch). Nach den zwei Gewinnen für den zweiten und dritten Uplift-Roman war Brin bis 2003 noch weitere vier Mal für den besten Roman nominiert.
 

Das Uplift-Universum


Auch wenn Brin eine Handvoll toller Einzelromane veröffentlicht hat sowie an der Fortschreibung von Asimovs Foundation-Zyklus beteiligt war, besteht sein Hauptwerk wohl aus seinen sechs Uplift-Romanen. Die ersten drei waren wohl nicht wirklich als Trilogie konzipiert, können aber durchaus sinnvoll zusammen betrachtet werden. Einige hundert Jahre in der Zukunft ist es der Menschheit gelungen, ausgewählten Schimpansen und Delfinen durch genetische Manipulationen  menschenähnliche Intelligenz zu verleihen, inklusive Sprachfähigkeit und (bei Delfinen durch ausgeklügelte mechanische Aufsätze) des Gebrauchs komplexer Werkzeuge. Dies stellt sich als entscheidender Vorteil und gleichzeitig Stein des Anstoßes dar bei der ersten Begegnung mit außerirdischen Intelligenzen. Es gibt nämlich eine Milliarden Jahre alte Gemeinschaft der galaktischen (sauerstoff-atmenden) Zivilisationen, die ihre Herkunft alle auf die "Progenitoren" zurückführen, die dereinst Intelligenz in der Galaxis verbreitet haben. Unterstützt durch eine unvorstellbar umfassende galaktische (natürlich digitale) Bibliothek, verstehen diese Völker unabhängig von (durchaus auch kriegerisch ausgefochtenen) Differnzen ihre Hauptaufgabe in der Bewahrung der ökologischen Vielfalt und dem "Uplift" geeigneter Lebensformen zu wiederum intelligenten Mitgliedern der Gemeinschaft, was allerdings eine streng hierarchische Rangordnung zwischen "Patronen" (Förderern) und "Clienten" bedingt. Die Rasse der menschlichen "Wölflinge" ist somit eine Kuriosität, da sie zwar keine Förderer, aber bereits zwei prestigeträchtige Clientenrassen vorweisen kann (die im folgenden Chimps und Neo-Delfine genannt werden).
 

Sundiver (1980)


Brins ersten veröffentlichter Roman sollte man als eine Einführung in sein Uplift-Universum lesen. Für sich allein ist er nicht besonders gelungen. Die Mischung aus Kriminalgeschichte, wissenschaftlicher Spekulation und philosophischen Exkursen funktioniert nur bedingt. Die Hauptfigur ist als Kombination eines Detektivs mit einem Forscher, der möglicherweise auch noch schizophren ist, überfrachtet und unglaubwürdig. Die sicherlich gut recherchierten physikalischen Details bei der Erforschung der Sonnenkorona (und die dortige Suche nach den möglichen Patronen der Menschheit) wirken ermüdend. Fragwürdig ist die "utopische" Gesellschaft, in der potentiell gewalttätige Menschen weniger Bürgerrechte haben und mittels implantierter Chips überwacht werden. Dies scheint mir eine unreflektierte Fortschreibung der naiven US-amerikanischen Haltung, nach der man zur Wahrung der Zivilisation die "schlechten" Menschen wegsperren muß - was heute schon dazu führt, daß ein Prozent der erwachsenen amerikanischen Männer im Knast einsitzen.
 

Startide Rising (1983)


Der Nachfolger war dann bereits von ganz anderem Kaliber (und nebenbei auch deutlich länger) und gewann prompt den Hugo für den besten Roman des Jahres. Jahrzehnte nach den Ereignissen von "Sundiver" erzählt er die turbulenten und das Schicksal der Menschheit prägenden Abenteuer des ersten von Delfinen kommandierten Raumschiffes. Es gelingt Brin, diese auf den ersten Blick unwahrscheinliche Situation plausibel zu machen. Die "Streaker" hat flutbare Kabinen und natürlich ein ausgefuchstes System von Schleusen, um ein Zusammenleben der delfinischen Crew, der menschlichen Beobachter und eines einsamen Chimp-Wissenschaftlers zu ermöglichen. Leider tritt die Expedition schnell in ein Fettnäpfchen galaktischen Ausmaßes, als sie auf einen uralten Weltraumfriedhof in möglichem Zusammenhang mit den mysteriösen Progenitoren trifft und aus unklaren Gründen ihre Erkenntnisse nicht sofort mit den galaktischen Nachbarn teilt. Eine Hetzjagd beginnt, bei der die Streaker auf einem Wasserplaneten Zuflucht sucht (was ihrer Crew natürlich entgegenkommt). Es ist schon fabelhaft, wie hier eine im wesentlichen fremde Lebensform geschildert wird. Die Neo-Delfine sind Poeten (was Brin in nicht immer gelungene Haikus formt), aber auch formidable Kämpfer. Ihre soziale Struktur ist deutlich nicht-menschlich, mit Besonderheiten in Rangordnung und Sexualität, die die Eigenarten ihrer unbefangenen, fröhlichen, die irdischen Meere bevölkernden Ahnen plausibel fortschreibt. Die Erzählung wechselt zwischen etwa einem Dutzend Perspektiven, wobei den menschlichen Charakteren dann doch etwa die Hälfte der Aufmerksamkeit eingeräumt wird. Daneben gibt es immer wieder kurze Impressionen der verschiedenen rivalisierenden Aliens, die sich im Planetensystem an der Jagd beteiligen. In der dadurch bedingten starken Zersplitterung ist für mich eine Schwäche des Romans begründet, sie erfordert eine hohe Aufmerksamkeit, und trotzdem erscheinen die unzähligen beteiligten Alien-Rassen dann recht beliebig (nicht umsonst wurde nachträglich ein illustrierter Führer durch das Uplift-Universum veröffentlicht). Trotzdem lohnt sich die Anstrengung, denn die Hauptfiguren wachsen dem Leser doch sehr ans Herz, und die Handlung ist spannend und reich an Action.
 

The Uplift War (1987)


Den dritten Uplift-Roman würde ich vorsichtig als Höhepunkt von David Brins Werk betrachten (ich habe praktisch alles von ihm gelesen, aber manches ist mir nur noch dunkel in Erinnerung). Er hatte in der Zwischenzeit drei weitere Romane veröffentlicht und ganz offenbar seine Erzählkünste perfektioniert. Erneut mit dem Hugo ausgezeichnet, ist "The Uplift War" brillant, vielschichtig, und trotz einer nochmals verdoppelten Länge unendlich unterhaltsam. Die Handlung spielt auf dem von Menschen und Chimps kolonisierten Planeten Garth, kurz nach den Ereignissen in "Startide Rising" (über das weitere Schicksal der Streaker erfährt man aber nichts). Die übermächtigen Gubru annektieren den Planeten und drängen die Erdlinge in einen Guerilla-Widerstand.

Brin konzentriert sich diesmal auf eine Handvoll von Erzählperspektiven. Da ist Chimp-Leutnant Fiben, der sich nach dem Abschuß seines Schiffes auf den Planeten retten kann und dort u.a. auf die zwei sehr unterschiedliche Chimmies (Schimpansen-Damen) Sylvie und Gailet trifft. Der Tymbrini-Botschafter Uthacalthing ist mit dem Botschafter Kault der mächtigen, bislang neutralen Thenannin ebenfalls auf der Flucht vor den Invasoren. Die den Erdlingen wohlgesonnenen Tymbrini sind in der äußeren Form grob menschenähnliche Empathen, die ihre Gestalt in Grenzen ihrer Umwelt anpassen können. Mit den Menschen verbindet sie auch ein ausgeprägter Humor. Uthacalthing plant einen gewaltigen Scherz auf Kosten der Gubru, unter Einbeziehung der legendären Garthlinge, einer zum Uplift bereiten höheren Säugetierart, deren Existenz auf dem vor Jahrtausenden einer Massenausrottung zum Opfer gefallenen Planeten viele für einen Mythos halten. Uthacalthings Tochter Athaclena hat sich mit dem jungen Robert Oneagle, dem Sohn der Gouverneurin, in die Berge nahe der Hauptstadt zurückgezogen. Die beiden ungleichen Freunde werden dort bald zum Kristallisationspunkt des Widerstandes.

Nach den Delfinen aus "Startide Rising" präsentiert "The Uplift War" ein detailliertes Porträt der Chimps, die auf der einen Seite ihre menschlichen Patrone zu imitieren versuchen (etwa als Forscher an Universitäten), anderseits aber deutlich abweichende soziale Normen entwickelt haben. Wie die Neo-Delfine sind sie zwar geprägt vom Selektionsdruck des Uplift-Prozesses, haben sich allerdings auch viele Eigenheiten ihrer Vorfahren bewahrt. Sie benötigen viel Körperkontakt untereinander und leben üblicherweise in größeren Familiengruppen als ihre Förderer. So erscheinen sie überhaupt nicht als stark behaarte Menschen, sondern nur als die uns vertrauteste Gruppe der drei die Handlung bestimmenden Alienrassen.

Anders als die verwirrende Vielfalt der feindlichen Völker in "Startide Rising" werden die Gubru hier in all ihrer Fremdartigkeit sehr plastisch geschildert. Es sind vogelähnliche, dreigeschlechtliche Wesen, wobei offenbar nur bewährte Führungstrios die Geschlechtsreife erreichen. Ein solches Trio steht den unterschiedlichen Kasten der (vereinfacht kategorisiert) Krieger, Priester und Bürokraten vor und versucht gemeinsam politischen Konsenz zu erreichen. Hier geht allerdings manchmal erneut Brins verlorener Lyriker mit ihm durch, denn die Argumente in Versform fand ich doch gelegentlich anstrengend zu lesen.

Am faszinierendesten fand ich die Darstellung der scheinbar vertrauten und doch so fremden Tymbrini, die bereits in den vorherigen Bänden vorkamen. Ihre Empathie ermöglicht ihnen eine zweite, unterschwellige Kommunikation über sogenannte Glyphen, die für empathisch empfängliche Personen oberhalb ihrer in Tentakeln endenden Korona sichtbar Gestalt annehmen, und so verbindet Vater und Tochter auch über Hunderte von Kilometern ein schwaches emotionales Band. Athaclenas Freundschaft und Nähe zu Robert führt bei ihr dazu, daß sich ihr Körper weitestmöglich einem menschlichen annähert, während der 17jährige Robert rudimentäre empathische Fähigkeiten entwickelt. Das mündet in einer anrührenden Romanze, die zwar zu sehr intimen Momenten führt, allerdings keine sexuelle Komponente entwickeln kann (wir sind hier nicht bei Star Trek, wo praktisch alle Aliens trotz unterschiedlicher Gesichts- und Ganzkörperprothesen doch sexuell oder gar genetisch kompatibel sind).

Zusammenfassung


Mit seinem Uplift-Universum hat David Brin eine der überzeugendsten "Welten" der modernen Science Fiction konstruiert. Zwar geht manchmal die Fantasie mit ihm durch, aber insgesamt sind seine Romane wohlstrukturiert. Seine Figuren sind plastisch, seine Aliens gehören zu den besterfundenen überhaupt, seine reichhaltige Sprache ist klar und (auch in den genannten Lyrik-Versuchen) zweckdienlich. Gelegentlich nutzt er allerdings ohne Grund sehr seltene Vokabeln, was bei mir eher einen angeberischen Eindruck macht. Für im Englischen ungeübte Leser sind seine Bücher im Original daher nur bedingt zu empfehlen. Während die ethischen Fragen des Uplift-Prozesses nur gestreift werden (wollen Schimpansen und Delfine eigentlich intelligener werden?), kann Brin in anderen Werken durchaus wissenschaftskritisch sein (Empfehlung: Earth von 1990). Die vorliegende Kindle-Edition der Trilogie ist praktisch fehlerfrei formatiert, allerdings ist die Kapiteleinteilung für den Lesefortschritt für meinen Geschmack zu grob (sie bezieht sich nicht auf die tatsächlichen Kapitel, sondern auf Abschnitte, die schon mal 50-100 Seiten umfassen können). Und wie bei allen Buchbündeln würde ich mir eine technische Möglichkeit wünschen, die Einzelromane für einen übersichtlicheren Lesefortschritt herauslösen zu können (bei Gesamtausgaben etwa von Dickens ist das noch gravierender, da dort das Einzelwerk nur wenige Prozent der Gesamtmasse ausmacht).

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