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Freitag, 17. April 2015

Die Hugo-Krise

Was ich im letzten Jahr (als "Erstwähler") mit einer gewissen Naivität noch ignorieren konnte, hat sich nun zu einer ernsthaften Krise des traditionsreichen Science-Fiction-Preises entwickelt. Es ist schade, daß sich ein Literaturpreis zum Gefechtsfeld der ideologischen Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft entwickelt. Was ist passiert?

Bereits seit Jahren unzufrieden mit den angeblich zu liberalen "Botschaften" der Hugo-nominierten Werke, hat sich eine Reihe von rechts-konservativen Autoren zusammengetan und ihre Fans ermutigt, Mitgliedschaften am Weltcon zu erwerben und blockweise bestimmte Werke zu nominieren. Aufgrund der weitgestreuten Auswahl genügen bei um die 2.000 Stimmabgaben oft 50 Nennungen für eine Nominierung. Daher waren 2014 Werke der federführenden Agitatoren Vox Day, Brad Torgersen und Larry Correia vertreten, konnten sich dann aber nicht durchsetzen (wobei beschämender Weise mein Roman-Favorit bei schwacher Auswahl der Grimnoir-Band von Correia war). In diesem Jahr gingen sie dann noch einen Schritt weiter und erreichten bei den Romanen (4/5!) und den Kurzformen eine bestürzende Erfolgsquote aus ihren notorischen Sad-Puppies- und Rabid-Puppies-Empfehlungen. Sogar die TV-Folgen von "Grimm" und "The Flash" wurden auf dieser (und ähnlichen) Listen angepriesen. Wohlgemerkt: Das ist alles an sich legitim, und "Blockwahlen" sind ohnehin schwer nachweisbar.

Darauf folgte in den letzten Wochen ein Aufruhr sondergleichen in den SF-Foren. Wie immer in solchen Fällen (und verstärkt durch die gesunkenen Hemmschwellen der Online-Möglichkeiten) reichen die  Diskussionen von klug über superdämlich bis ärgerlich. Hier ist eine gute Zusammenfassung von Bloggerin Amanda Marcotte:

Hier ist ein deutschsprachiger Beitrag:
Sind die Hugos nun kaputt ("broken")? Jedenfalls leidet ihr Image schwer unter der Affäre. Nachdem aus technischen Gründen zwei kurze Werke disqualifiziert wurden, haben jetzt Marko Kloos seinen Roman und Annie Bellet ihre Kurzgeschichte aus dem Wettbewerb genommen:
Two Authors Withdraw Their Work From This Year's Hugo Awards
Mal sehen, welche Werke jetzt nachrücken und ob es weitere solche Aktionen geben wird. Mir ist jedenfalls die Freude an einigen überraschenden Nominierungen vergangen. Jim Butcher hatte noch keine Zeit zu einem Kommentar, aber auf seiner Webseite wird schon intensiv diskutiert. Das schlimme an der Sache ist ja, daß zusätzliche Diversität manchen Kategorien durchaus guttut. Die Dominanz von Dr. Who in der dramatischen Kurzform war ja bereits ein Treppenwitz, und als (wie ich vermute) der erfolgreichste Autor im Bereich Urban Fantasy sollte Jim Butcher durchaus bei den Hugos vertreten sein. Aber es kann erwartet werden, daß die Fans in diesem Jahr in etlichen Kategorien die rote Karte ziehen und für No Award stimmen werden.

Egal wie die endgültigen Nominierungen nun aussehen werden, das einzig vernünftige scheint mir, die Werke nach ihrer Qualität zu beurteilen, unabhängig davon, wie sie vielleicht auf den Stimmzettel gekommen sind oder ob man den Autor persönlich mögen würde. Leider geht es hier allerdings um mehr als nur abweichende politische Meinungen. Es ist mir völlig klar, daß Larry Correia nicht mit meiner Meinung über die irrsinnigen US-amerikanischen Waffengesetze übereinstimmt. Aber bei massiven rassistischen und sexistischen Aussagen fällt es mir schon schwer, den Autor vom Werk zu trennen. Auch wenn etwa Orson Scott Card seine bigotte Weltsicht als politische Äußerungen zu cachieren versucht, ist doch seine militante Ablehnung von Homosexualität kein politischer Standpunkt mehr, sondern ein abscheulicher Charakterfehler.

Als Seiteneffekt gibt es jetzt viele Kommentare dazu, wie schwarze Autoren in den USA immer noch belächelt und erniedrigt werden. Seit Samuel L. Delanys drei Nominierungen in den 60ern hat sich da auch bei den Hugos nicht viel getan:
Racism and Science Fiction
Was ich nicht so recht stehen lassen kann, ist der Vorwurf des Sexismus. Seit Ursula K. Le Guin  1970 und 1975 als erste Autorin für den besten Roman ausgezeichnet wurde, ist die Dominanz der Männer klar gebrochen worden. Rekordgewinner sind inzwischen Connie Willis und Lois McMaster Bujold. Vorjahresgewinnerin Ann Leckie steht da in guter Tradition. Schön wäre nur, wenn sie Geschlechterrollen so kraftvoll hinterfragen könnte wie dereinst Le Guin in ihrem Meisterwerk The Left Hand of Darkness. Stattdessen beschränkt sie sich auf ein Gimmick.

Update: Gerade las ich (mit Freude), daß für den Roman von Kloos das bereits von mir erwähnte chinesische Werk nachnominiert wurde:

The Three-Body Problem by Cixin Liu (translated by Ken Liu)

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