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Sonntag, 20. Dezember 2015

Klassische Rezension: Almost Famous (10/10)

Inzwischen nicht mehr in der Top250 der IMDB, gehört Almost Famous noch immer zu meinen Lieblingsfilmen nicht nur des Musikgenres. In meiner Rezension direkt nach dem Kinobesuch hatte ich damals noch nicht einmal die junge Anna Paquin als weiteres Groupie und  den großartigen Philip Seymour Hoffman als Musikjournalisten-Legende Lester Bangs erwähnt. Inzwischen habe ich natürlich den Film auf Blu-ray genossen. Hier also, als Gegengewicht zu Cameron Crowes jüngstem Desaster, meine jugendlich-enthusiastische Kritik von 2001 zum Höhepunkt seiner Karriere:

Manchmal (viel zu selten) gelingt es einem Kinofilm, in knapp zwei Stunden eine komplett eigene Welt zu erschaffen, mit Orten, die man persönlich besuchen, Ereignissen, die man miterleben, und Menschen, die man gern kennenlernen möchte. Almost Famous ist ein solcher Film. Er erzeugt eine unstillbare Sehnsucht nicht nur nach einer vergangenen Zeit, sondern auch nach der Unschuld und den Idealen der Jugend. Für immer möchte man in den 70ern verbleiben, als Simon & Garfunkel noch als jugendgefährdend galten, auch arme Rockstars schon als Helden verehrt wurden und Sex und Liebe so leicht verwechselbar waren. Wer möchte nicht ebenfalls mit "Stillwater" auf Tour gehen, mit dem jungen William an seinen Reportagen feilen und vielleicht einen Kuß des süßen Groupies Penny Lane erhaschen? Doch ach, der Alltag hat mich wieder, und mir bleibt nur die Hoffnung, daß Almost Famous noch vielen Zuschauern ein ähnlich glückliches Erlebnis verschaffen kann.

Die Handlung soll auf den Erinnerungen des Regisseurs und Autors (Oscar fürs beste Originaldrehbuch) Cameron Crowe beruhen, der tatsächlich schon als Jugendlicher für den "Rolling Stone" über berühmte Rockgruppen geschrieben hat. So ist der 15jährige hochbegabte, aber schüchterne William das Alter Ego des Autors. Seine Musikbesessenheit ist auch Protesthaltung gegen seine konservative alleinerziehende Mutter, vor der seine Schwester mit 18 in eine Ausbildung zur Stewardeß geflohen ist. William schreibt zunächst für lokale Musikmagazine, bis ein Redakteur des "Rolling Stone" auf ihn aufmerksam wird und ihm (ohne Kenntnis seines zarten Alters) den Auftrag zu einer umfangreichen Reportage über die aufstrebende (für den Film erfundene) Rockgruppe "Stillwater" erteilt. So kommt es, daß der lebensunerfahrene 15jährige, unter strengen Auflagen seiner Mutter (täglich anrufen, keine Drogen!) in den Tourbus zu Musikern, Roadies und Groupies steigt. Die kommenden Tage werden sein Leben verändern, er wird Freundschaft und Liebe, aber auch den Loyalitätskonflikt eines ehrgeizigen Journalisten kennenlernen. Nicht nur für ihn ist dies ein entscheidender Abschnitt, sondern auch für die Band an der Schwelle des kommerziellen Erfolgs, der eine schwere Krise bevorsteht, und für das Groupie (nein, Verzeihung: das "Band-Aid") Penny Lane ("Wir schlafen nicht mit den Musikern, wir blasen ihnen höchstens mal einen!"), das im Konflikt zwischen Schein und Realität gefangen scheint. Und so ist Almost Famous eine Geschichte über das Erwachsenwerden und den Zerfall von Idealen, gleichzeitig eine Reflexion über den Wandel des Musik"geschäfts" in den 70ern, als der Spaß an der Musik immer mehr zugunsten des Kommerz verdrängt wurde.

Ein Regisseur ist dann am besten, wenn er dem Stoff besonders verbunden ist. Eine solche Verbundenheit hat zu Meisterwerken wie Der große Frust von Lawrence Kasdan und Schindlers Liste von Stephen Spielberg geführt. Auch Cameron Crowe hat sich hier selbst weit übertroffen (z.B. gegenüber dem schon sehr guten Jerry Maguire, der ein ähnliches Thema im Sportbereich behandelt.) Offenbar hat er lange gezögert, diesen persönlichen Stoff anzugehen. Jetzt aber verdanken wir ihm einen herrlichen Musikfilm. Wenn ich das richtig verstanden habe, spielen die Darsteller der Band selbst die Songs im Stil der 70er Jahre, die u.a. von Peter Frampton beigesteuert wurden. Das wirkt authentisch und völlig ungekünstelt und trägt wesentlich zum Gelingen des Projektes bei. Natürlich gibt es daneben jede Menge Klassiker der 60er und 70er zu hören. Und dann ist da das exquisite Darstellerensemble, noch in den kleinsten Nebenrollen perfekt ausgesucht. Niemandem merkt man an, daß da Rollen verkörpert werden - die Schauspieler gehen in ihren Figuren auf. Das gilt für den unglaublichen Patrick Fugit in der Hauptrolle (der 17jährige wuchs zum Entsetzen der Crew während der Dreharbeiten um sieben Zentimeter und kam in den Stimmbruch) wie für Frances McDormand (Fargo), die als satirisch überspitzt gezeichnete, überbehütende Mutter völlig ohne Ironie und dadurch ungeheuer witzig daherkommt. Das gilt ebenfalls für die Band, insbesondere Billy Crudup als Gitarrist und Kopf der Gruppe, und vor allem für Kate Hudson als Penny Lane. Sie ist das Herz des Films - strahlend schön, komisch, unschuldig, verdorben, geheimnisvoll, innerlich zerrissen und doch voller Wärme. Wer hätte das der Tochter von Amerikas Darling Goldie Hawn zugetraut? Ihre Oscar-Nominierung war mehr als verdient.

Ich hoffe, ich habe deutlich gemacht, daß dies mehr als nur ein Geheimtip ist und auch keine besondere Vorliebe für Rockmusik der 70er voraussetzt. In den USA hat sich dieses Meisterwerk schleichend durchgesetzt und wird inzwischen in der IMDB-Liste der beliebtesten Filme aller Zeiten auf Platz 61 geführt. In Deutschland wird der Film nicht besonders gut vermarktet, aber vielleicht wird er doch mehr als nur fast berühmt. Ein zumindest deutschsprachiger älterer Herr war jedenfalls begeistert, und ihn hat Cameron Crowe in seiner Dankesrede für den Oscar auch besonders erwähnt: Regie-Altmeister Billy Wilder.

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