Als Martin Scorsese 2008 Ethan und Joel Coen den Oscar für die Beste Regie überreichte (für ihr atemberaubendes Meisterwerk No Country For Old Men), war dies auch eine Staffelübergabe an eine jüngere Generation. Aber während Martys Filme immer noch für Überraschungen gut sind, wirken die Werke seines vier Jahre jüngeren Mitstreiters Steven Spielberg doch mehr und mehr bieder und altmodisch. So tat er für das Historiendrama Bridge of Spies ("Der Unterhändler") gut daran, das Drehbuch des jungen TV-Autors Matt Charman durch eben jene Coen-Brüder überarbeiten zu lassen (die ja auch schon zwei Drehbuch-Oscars einheimsen konnten). Auch wenn manche Kritiker dadurch tonale Unebenheiten zu erkennen meinen, konnte ich eher einen frischen Wind verspüren, der den Zuschauer in den immer noch zu langen 140 Minuten mit dem nötigen Sauerstoff zum Durchhalten versorgte.
Tatsächlich erinnert die Geschichte vor allem im ersten Teil an Spielbergs Vorbild Frank Capra (Mr. Smith geht nach Washington), in ihren milden Appellen an die Werte der US-Verfassung und in der leicht naiven, aufrechten Figur des Anwalts James Donovan. Tom Hanks gibt den Verteidiger des russischen Spions und späteren Unterhändler mit einem Hauch von verschmitzter Ironie, die seinen Paraderollen als braver Durchschnittsbürger ansonsten gelegentlich fehlt. Vielleicht haben die Coens damit den immerhin als Komiker berühmt gewordenen 59jährigen Charakterdarsteller absichtlich noch mehr in die Nachfolge von Jimmy Stewart gestupst. Als Hommage an einen weiteren großen Regiepionier sieht man übrigens eine Filmreklame für Billy Wilders herrliche Berlin-Satire Eins, Zwei, Drei.
Gut gelungen fand ich die leichte historische Verdichtung, die den Bau der Berliner Mauer in den Februar 1962 verlegt. In diesem bitterkalten Winter fand der historische Gefangenenaustausch auf der Glienicker Brücke statt, und im Vorfeld beobachtet Donovan die Tragödie der Berliner Teilung. In einer leicht plakativen, aber emotional sehr effektiven Szene wird er aus der S-Bahn heraus Zeuge eines mißglückten Fluchtversuchs am Todesstreifen. Dem Film gelingt ein erstaunlich realistisches, möglicherweise leicht übertriebenes Bild des Mauerbaus in einer noch immer von Ruinen geprägten Stadt. Der Produktionsdesigner Adam Stockhausen hat ähnliche Wunder bereits für das Grand Budapest Hotel vollbracht Eher gediegen ist der Score: Da John Williams verhindert war, trug diesmal Thomas Newman die bedeutungsschwere Musik bei. Der mit seinen 60 Jahren vergleichsweise junge Komponist war zwar bereits 12mal für einen Oscar nominiert (u.a. für American Beauty, Findet Nemo und Skyfall), besonders aufgefallen ist mir sein Beitrag hier aber nicht.
Abgesehen von Hanks verzichtet Spielberg klugerweise auf große internationale Darsteller, auch wenn Kinoliebhabern natürlich in kleinen Rollen der bald 80jährige Alan Alda als Donovans Chef und die deutschen Stars Sebastian Koch (Das Leben der Anderen) als DDR-Unterhändler und Burghart Klaußner (Das weisse Band) als Geheimdienstleiter auffallen. Nicht erkannt habe ich den erstaunlichen Mark Rylance in der Rolle des russischen Spions Rudolf Abel, trotz seiner Hauptrolle im von mir sehr geschätzten Drama Intimacy von 2001. Der preisgekrönte britische Theaterschauspieler (u.a. drei Tonys!) macht sich auf der Kinoleinwand eher rar, aber für sein zurückgenommenes, humorvolles Porträt des russischen Künstlers und Patrioten ("würde es helfen?") ist er für mich erster Anwärter auf den Oscar für den Besten Nebendarsteller. Das erinnert mich an Joel Grey, der 1972 in Cabaret ebenfalls in einer kleinen Nebenrolle (als Conferencier) den Stars die Schau stahl und einen der acht Oscars verbuchen konnte.
Der Kalte Krieg war offenbar eine reine Männerangelegenheit, was Spielberg natürlich entgegenkommt, denn für differenzierte Frauenfiguren ist er nicht gerade bekannt. Neben seinem Interesse an der geschichtlichen Periode ist er sich sicher auch der Parallelen zur heutigen Zeit bewußt. Allerdings war die amerikanische Paranoia der 50er vielleicht genauso irrational, aber doch deutlich anders gelagert als die heutige. Einen Ursprung der Durchlöcherung der Bürgerrechte kann man durchaus dorthin zurückverfolgen, aber über den heutigen Überwachungswahn der Geheimdienste kann man sich kaum so amüsieren wie über die damalige Furcht vor einem Atomkrieg und die entsprechenden abstrusen Verhaltensregeln, mit denen die Schulklasse von Donovans Sohn gedrillt wird (lernt von Bert the Turtle!) Die sentimentale Schlußszene um die Rückkehr des "Helden" mit einem bewundernden Blick von Donovans Ehefrau (Amy Ryan) ist dann ganz Spielberg. Seine siebte Nominierung als Bester Regisseur für seine beste Arbeit seit München (2005) sollte ihm sicher sein (er gewann 1994 und 1999 für seine beiden besten "ernsten" Filme, Schindlers Liste und Der Soldat James Ryan). Sehr gut (8/10).
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