Aus aktuellem Anlaß hier meine "klassische" Rezension des Erotikdramas Intimacy, dessen Hauptdarsteller Mark Rylance gerade als Rudolf Abel in Spielbergs Bridge of Spies glänzen durfte:
Als vor fast 30 Jahren Bernardo Bertoluccis Der letzte Tango in Paris in die Kinos kam, stürzten sich die meisten Kritiken auf die für damalige Verhältnisse drastischen Sexszenen. Kaum fünf offenherzige Minuten sorgten für Diskussionsstoff und lockten wahrscheinlich mehr Zuschauer an als die offenbar zweitrangige Beobachtung, daß es hier ein kraftvolles Meisterwerk zu bestaunen gab, mit einem überwältigenden Marlon Brando und lange nachwirkenden Bildern. Intimacy zeigt in mehr als einer Hinsicht Parallelen dazu, auch wenn es (um die Wertung vorwegzunehmen) zwar beeindruckend, aber nicht von gleichem Rang ist.
Die Sexszenen, von den prüden Amerikanern (und Briten) als pornographisch angeprangert, mag die deutsche FSK hierzulande sogar 16jährigen zumuten. Und zu Recht darf man vermuten, daß in dieser Altersgruppe die Kenntnis von Aussehen und Funktion der menschlichen Geschlechtsorgane weit verbreitet ist und kaum eine sittliche Gefährdung durch den Anblick von etwas mehr Penis als üblich zu erwarten ist. Fernab von jeder Erotik leuchtet Chéreau den Liebesakt unerbittlich mit fahlem Licht aus, man hört nur das leidenschaftliche Stöhnen des Paares, und das ist eher peinlich als anregend. Jeden Mittwoch treffen sich die beiden zu dieser Verrichtung; sie reden nicht miteinander, ja wissen nicht einmal den Namen des anderen. Der Rest der Woche wird zunächst aus der Sicht des Mannes geschildert; es entsteht ein flüchtiges Mosaik seines Lebens - ein Job, der nur als Übergang gedacht war, eine Familie, die er im Stich gelassen hat, Kollegen, Nachbarn, Freunde (?). In dieser Leere wird plötzlich die flüchtige Beziehung zu einem Mittelpunkt seines Lebens, er versucht, mehr über die Frau herauszufinden, folgt ihr zu ihrer Wohnung, zu einer Kneipe...
Durch eine schnelle Schnittfolge, sparsame treibende Musikuntermalung (u.a. jüngere Popsongs von Bowie etc.) und grelle Kontraste zwischen klaustrophobischen Innenaufnahmen und den chaotischen Straßen Londons baut Chéreau eine fast hypnotische Spannung auf. Sein Thema ist die Haltlosigkeit des modernen Menschen, die Flüchtigkeit der Beziehungen, die verzweifelte Suche nach Bedeutung, Sinn, Individualität. Seine Analyse ist erschreckend, er bietet keine Hoffnung, lange vor dem physischen Tod sterben seine Charaktere ab und vegetieren nur noch dahin. Und wo Der letzte Tango tragisch ist, ist Intimacy trostlos; wo Bertolucci sich auf einen traumatisierten Menschen konzentriert, versucht Chéreau eine vermasste Gesellschaft zu zeigen. Damit hat er sich viel vorgenommen, und nicht alles gelingt. Gerade die Figur der Claire ist nicht völlig plausibel (was nicht an der großartigen Kerry Fox liegt); die Darstellung der Nebenfiguren leidet am Erzählstil, der sich manchmal in Andeutungen verliert. Leider kenne ich die zugrundeliegenden Geschichten von Hanif Kureishi nicht; sein Drehbuch zu Mein wunderbarer Waschsalon jedenfalls reicherte den schäbigen britischen Alltag mit einer gehörigen Portion Optimismus an. Der fehlt hier völlig, so daß man nach zwei kurzweiligen Stunden den Saal zwar mit schwirrendem Kopf, aber doch etwas niedergeschlagen verläßt. Herausragend (9/10).
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