Suche im Blog

Freitag, 6. November 2015

Endgültig Mittelmaß: James Bond 007 - Spectre (6/10)

Nach vier Jahren Pause als "Reboot" angekündigt, vermochten Daniel Craig und das Produzententeam der zweiten Generation Broccoli/Wilson 2006 mit Casino Royale immerhin einen Film lang frischen Wind in das altehrwürdige Franchise zu bringen (Regisseur Martin Campbell überzeugte bei beiden Debuts der jüngsten Bonds). Beim vierten Auftritt von Craig möchte man sich ob des einsetzenden Verwesungsgeruchs eher in den Windschatten retten. Der 47jährige Hauptdarsteller zeigt jetzt schon deutliche Ermüdungserscheinungen, was im Vorfeld zu Publicity-Kapriolen geführt hatte (zum Vergleich: Roger Moore war in seinem letzten Auftritt bereits 58, Connery 53). Eigentlich hat Craig noch einen Vertrag über einen fünften Einsatz, der dann das silberne Jubiläum für Bond bedeuten würde (25 "offizielle" Filme) - nach den schlechten Erfahrungen mit dem 20. Film (Brosnans Abschied in Stirb an einem anderen Tag - mit dem unsichtbaren, eistanzenden Aston Martin) kann es einem jetzt schon grauen.

Mit jenem vierten Brosnan-Teil teilt sich Spectre nun auch die zweifelhafte Ehre des miesesten Titelliedes - ich zumindest kann mich nicht zwischen der abgehackten Madonna-Produktion von damals und Sam Smiths Gesäusel von heute entscheiden. Unverschämt ist inzwischen auch das Product Placement, dessen Highlights jetzt auch noch direkt vor dem mit 150 Minuten ohnehin überlangen Film in drei Werbefilmchen präsentiert werden (eine Uhr, zwei Autos). Offensichtlich und verfehlt ist leider auch das Casting des Bösewichts. Dabei meine ich nicht nur den Spectre-Boss, für den man besser einen Archetypen à la Donald Pleasance als die hier unterforderte Silberzunge Christoph Waltz gefunden hätte, sondern vor allem Andrew "Moriarty" Scott als M's intrigierender Vorgesetzter (selbst wer Sherlock nicht kennt, hat den Typen doch sofort durchschaut!) Der will übrigens eine privat finanzierte (!) globale Überwachungsmaschinerie in Gang setzen. Anders als im überragenden Vorbild, dem fulminanten Finale Deux Ex Machina der dritten Person-of-Interest-Staffel, ist hier übrigens der Countdown zur Freischaltung der Maschine ein reiner McGuffin, so wie überhaupt die meisten Spannungselemente verpuffen. Dazu gehören auch eine eher gemächliche Flugzeug-Autoverfolgungsjagd und eine Zugrangelei (die es in Liebesgrüße aus Moskau aber schon besser gab) mit dem Profiringer und Guardian of the Galaxy Dave Bautista.

Und was ist mit den Bond-Girls? Da wurde soviel Aufhebens darum gemacht, daß mit der 50jährigen Monica Bellucci mal eine Frau passenden Alters ran darf, und dann ist die Italienerin gerade mal für gefühlte fünf Minuten zu sehen. Bei der Kußszene strebte Regisseur Sam Mendes wohl Sinnlichkeit an. Dazu hätte er aber besser mal bei Hitchcock nachgeschaut, der das bereits 1964 mit Sean Connery und Tippi Hedren in Marni perfekt inszeniert hatte. Jedenfalls bleibt alles beim alten, Bond schnappt sich kurz darauf die 30jährige Französin Madeleine Swann (Léa Seydoux), die all ihr Fachwissen als Doktorin der Psychologie aufwenden muß für die Erkenntnis, daß Bond "ein guter Mann" ist. Was sie davon überzeugt hat, bleibt unklar, vielleicht hat sie beeindruckt, wie 007 in Tangier das Mäuschen verschont hat, obwohl es seine Hintermänner nicht verraten wollte. Seydoux, die ihren Durchbruch mit dem überambitionierten Erotikdrama Blau ist eine warme Farbe hatte, ist sympathisch und sieht erfreulicherweise gar nicht nach Hollywood aus. Eine emotionale Bindung ihrer Figur zu Bond vermochte ich aber nicht zu entdecken. Die hübscheste Frau des Films ist ohnehin die 39jährige Naomi Harris als Moneypenny, ein Castingversehen, das immerhin mit einer der sexistischeren Bond-Traditionen bricht.

Während Ralph Fiennes in seinem ersten kompletten Auftritt als "M" blaß bleibt, weiß immerhin Ben Whishaw als "Q" zu glänzen. Seine Rolle ist ausnahmsweise ein gut durchdachtes Update des altmodischen Quartiermeisters, den Desmond Llewelyn bis 1999 (in meinem Lieblings-"Brosnan" Die Welt ist nicht genug) so unvergleichlich porträtiert hatte. Überhaupt macht Spectre immer dann Spaß, wenn die Bond-Traditionen zitiert oder variiert werden. Aber warum soll ich mir einen mittelmäßigen Neuaufguß anschauen, wenn die Originale in Top-Qualität fürs Heimkino zur Verfügung stehen? Für das immense Budget hätte man drei gut ausgestattete Originale drehen können. Wenn ich drüber nachdenke, so ist das sogar geschehen. Meine drei Lieblingsthriller des aktuellen Jahres, Kingsman, Spy und Codename U.N.C.L.E. (ja, ich mochte den, auch wenn er nicht wirklich ein Original war) haben zusammen weniger gekostet als Spectre allein. Tom Cruise hat für  MI:5 dagegen mehr als der Hälfte des Bond-Budgets verpulvert und mich auch nicht überzeugt. Im Verhältnis zum Aufwand bedeutet meine Wertung also ein ziemlich jämmerliches Zeugnis: Ordentlich (6/10).

Natürlich gäbe es noch mehr zu sagen, aber man findet inzwischen eh Hunderte von durchaus fundierten (und selbstverständlich kontroversen) Analysen im Internet. Ausnahmsweise sei mal auf die scharfsinnige und unterhaltsame Kritik der Fünf Filmfreunde hingewiesen, die allerdings reichlich Spoiler zur Filmhandlung enthält.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen