Mit der Agentenkomödie Kingsman schenkt uns Regisseur Matthew Vaughn den ersten Knaller des Kinojahres. Und nachdem Colin Firth ja bereits Königsrollen hatte, darf er im zarten Alter von 55 Jahren nun zur Abwechslung mal als Actionheld Harry Hart glänzen. Dabei erinnert er mit britischem Understatement und präzisem Timing (u.a. in der Bedienung eines tödlichen Regenschirms) am ehesten an meinen Lieblingsbond Roger Moore. Dabei nehme ich gern hin, daß in Sir Colins Actionszenen wie weiland bei Sir Roger oftmals die Stuntdoubles deutlich zu erkennen sind.
Im Zentrum des Films steht allerdings der junge Kingsman-Anwärter Eggsy, den der 25jährige Neuling Taron Egerton mit überzeugendem Prol-Akzent und in amüsantem Kontrast zu seinem distinguierten Mentor Hart darstellt. Die supergeheime, internationale Spionageorganisation "Kingsman" hat sich zwar der Weltrettung verschrieben, rekrutiert ihre Agenten allerdings bevorzugt aus der Oxbridge-erzogenen Oberschicht und schwelgt in Codenamen, die der klassischen Tafelrunde entnommenen sind: Hart ist Galahad, der EDV-Mann (Mark Strong) Merlin, und der unermüdliche, gerade 82 gewordene Sir Michael Caine natürlich Arthur (in seiner laut IMDB 155. Rolle). Aber auch im Vereinten Königreich geht das Mittelalter langsam seinem Ende zu, und so darf sich um den freigewordenen Lancelot-Sitz neben einigen aristokratischen Schnöseln und dem Kuckucksei Eggsy auch die junge, immerhin wohlerzogene Roxy bewerben, besetzt mit der ebenfalls bisher unbekannten, erfrischend natürlichen 24jährigen Sophie Cookson.Kein Spionagefilm kann ohne passende Schurken punkten, und Kingsman präsentiert uns ein beeindruckend böses Pärchen. Als ausführende Tötungsmaschine Gazelle mit prothetischen, tödlich scharfen Unterschenkeln tanzt die aparte Algerierin Sofia Boutella den Königsmännern auf der Nase herum und hätte bestimmt selbst den unlängst verstorbenen "Beißer" Richard Kiel schwer beeindruckt. Ihr Boss ist niemand anderes als Samuel L. Jackson, anderweitig auch als Nick Fury bekannt, hier herrlich abgedreht als Milliardär Valentine mit ökologisch korrektem Weltvernichtungskomplex, lispelnder Stimme und einer Blutphobie.
Ist Kingsman nun der bessere Bond? Keinesfalls würde ich den Film als Parodie sehen. Zwar erweist er den Bond-Filmen seine Referenz. So kommt auch hier jedes der eingeführten Hitech-Gadgets im Finale zum Einsatz. Aber natürlich würde die Queen (oder M - aber egal, Judy Dench ist ja beides) niemals eine Lizenz zum Töten an einen 25jährigen ausgeben. Und der Comic-Vorlage (Verzeihung: dem graphischen Roman) von Mark Millar (Text) und Dave Gibbons (Illustrationen) ist ein leichterer Ton geschuldet, mit überdeutlicher Übersteigerung der Realität: eher Ballett als Walzer. Auf diese Achterbahnfahrt muß man sich übrigens einlassen, denn je mehr man später über die Handlung nachdenkt, desto weniger Sinn ergibt sie. So akzeptiere ich gerade noch, daß Eggsy nach wenigen Monaten Training zum Überagenten wird. Daß der kugelsichere Anzug selbst unter Dauerbeschuß seine Bügelfalten nicht verliert, halte ich dann doch für zu weit hergeholt. Leider sind neben trockenen Einzeilern, vielleicht als Tribut an die Hangover-Generation, einige unnötig derbe Witzchen eingestreut, auf die ich persönlich verzichten könnte und die bei Bond sicher auch nichts zu suchen hätten.
Der gerade erst 44jährige Engländer Matthew Vaughn war bereits als Produzent u.a. der Gangsterfilme seines Freundes Guy Ritchie bekannt, als er 2004 mit Layer Cake (7/10, mit Daniel Craig) sein überzeugendes Regiedebut gab. Er war danach im Gespräch für den ersten Craig-Bond, woraus aber nichts wurde - er ist wohl bis heute aus mehr Projekten ausgestiegen, als er durchgezogen hat. Seine kongeniale Inszenierung von Neil Gaimans Der Sternwanderer ("Stardust", 2007, 9/10) ist für mich immer noch das schönste Leinwandmärchen der letzten zehn Jahre. Übrigens hat er darin Robert De Niro sein Image ähnlich wunderbar auf die Schippe nehmen lassen wie nun Samuel L. Jackson. Es folgte 2010 mit Kick Ass (3/10) seine erste Adaption (mit Kollegin Jane Goldman) eines ziemlich abgedrehten Mark-Millar-Werkes, mit welcher ich aber nicht viel anfangen konnte. Dann sollte er eigentlich die dritte X-Men-Folge inszenieren, das klappte aber nicht (schade: jeder hätte einen besseren Job als Brett Ratner abliefern können). Dafür zeichnete er dann in Zukunft ist Vergangenheit verantwortlich für die Einführung einer neuen X-Men-Generation. Das wirkte zwar noch etwas mechanisch und gestelzt im Versuch, jüngere Versionen der ikonischen Vorbilder zu etablieren, führte aber immerhin zum herausragenden Treffen der Generationen vom letzen Jahr (wo er nur noch als Autor beteiligt war, weil Meister Bryan Singer das Ruder wieder übernommen hatte).
Angeblich leidet Vaughn am Hyperaktivitätssyndrom ADHD, was ihm bei Actionfilmen heutzutage vielleicht eher zum Vorteil gereicht. Privat ist er übrigens mit einer gewissen Claudia Schiffer verheiratet (die beiden haben drei Kinder). Professionell hat er mit Kingsman einen weiteren Höhepunkt erreicht. Sehr gut (8/10).
Angeblich leidet Vaughn am Hyperaktivitätssyndrom ADHD, was ihm bei Actionfilmen heutzutage vielleicht eher zum Vorteil gereicht. Privat ist er übrigens mit einer gewissen Claudia Schiffer verheiratet (die beiden haben drei Kinder). Professionell hat er mit Kingsman einen weiteren Höhepunkt erreicht. Sehr gut (8/10).
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