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Mittwoch, 23. Dezember 2015

Cate Blanchett jagt Meryl Streep: Carol (7/10)

Carol handelt von Therese, einer junge Spielwarenverkäuferin, die sich auf eine Affäre mit einer Kundin mittleren Alters einläßt. Ihr Schwarm Carol ist ein Fantasieprodukt der Autorin Patricia Highsmith, die eine flüchtige Begegnung fortsponn und zu einer lesbischen Romanze verarbeitete, die sie 1952 zunächst nur unter Pseudonym zu veröffentlichen wagte. Liebe zwischen zwei Frauen gab es 1950 noch nicht einmal als Wort, und so beginnt für Therese eine schwierige Entdeckungsreise, um diese unerklärlichen Gefühle zu erforschen.



Regisseur Todd Haynes (sein letzter Film war die konfuse Dylan-Biographie I'm not There) taucht tief in die New Yorker Nachkriegszeit ein, schwelgt geradezu in Ausstattungsdetails: Automobile, Grammophone, Photoapparate, aber auch Stoffgardinen, Sofabezüge und natürlich die Kostüme (die dreifache Oscar-Gewinnerin Sandy Powell hatte offenbar viel Freude am Kontrast zwischen der einfachen Therese und der reichen Carol). Die körnige 16mm-Fotografie unterstreicht das träumerische Porträt einer vergangenen Zeit. Es ist allerdings ein kalter Traum, der nicht zufällig zur Jahreswende spielt, und der auch passend besetzt ist. Cate Blanchett besitzt ja ohnehin eine eher kühle Schönheit, und die relativ ausdrucksschwache Rooney Mara komplimentiert sie in einem Duell um die schärfsten Wangenknochen. Immerhin bringt die 30jährige Rooney eine gewisse ätherische Zerbrechlichkeit mit (im Gegensatz zu ihrer kleinen Schwester Kate, die Reporterin aus House of Cards, die noch weniger Emotionen, aber zusätzlich eine unsympathische Verbissenheit ausstrahlt).


Jedenfalls ist klar, wer hier der Star ist, und so ist im Film der Fokus verschoben auf Cate Blanchetts Titelfigur, obwohl Therese klar die interessantere Entwicklung durchläuft. Das wird sich auch bei den Oscar-Nominierungen widerspiegeln, wo Cate Blanchett bei den Haupt- und Rooney Mara bei den Nebendarstellerinnen eingeordnet wird (bei den Globes sind beide für die Hauptrolle im Rennen). Mein Einwand dabei ist, daß Carols Geschichte genauso funktionieren würde, wenn sie sich in einen jüngeren Mann verliebt hätte (ihr wird in einer bitteren Scheidungsschlacht wegen "Unmoralität" das Sorgerecht für ihre dreijährige Tochter abgesprochen). Therese ist diejenige, die ihre Sexualität entdecken und ihren Weg jenseits der konventionellen Erwartungen finden muß (es gibt mehrere Männer in ihrem Bekanntenkreis, die sie gern heiraten würden).

So ist es schade, daß der Zuschauer nicht mehr Einblick in diese wortkarge junge Frau findet, die oft nur reagiert, nachdem sie sich (aus Neugier?) auf Carols Avancen eingelassen hat. Also hängt es vom Betrachter ab, welche Emotionen er auf Rooney Maras wohlgeschminktes Gesicht projiziert, während Cate Blanchett natürlich (gerade im Schlußteil) ihren Schmerz sichtbar machen kann. Vielleicht trägt sie diesmal sogar etwas dick auf. Aber solche gut gespielten Gefühlsausbrüche sind es leider, an denen die Akademie Schauspielkunst mißt. Jedenfalls glaube ich, daß die Bewertung dieses Melodrams subjektiver als üblich ausfallen muß. Ich selbst bin der Geschichte gern gefolgt, habe auch Anteil genommen, aber begeistert war ich auch wieder nicht. Das reicht für ein Gut (7/10).

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