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Donnerstag, 31. Dezember 2015

Mein Lieblingsfilm 2015: Love & Mercy (9/10)

Im Juni war ich einer von wenigen tausend Deutschen, die für Love & Mercy ein Kino besuchten. Auch die Blu-ray-Veröffentlichung der melancholischen Biographie des Musikers Brian Wilson blieb fast unbeachtet. Selbst in der Heimat der Beach Boys wollte das kaum jemand sehen. Das wird sich wohl auch durch die Golden-Globe-Nominerungen für Paul Dano und den Song One Kind Of Love (von Brians jüngstem Album No Pier Pressure) nicht ändern. Die Beach Boys waren wohl nie wirklich cool, und am wenigsten ihr Komponist, Arrangeur und vielleicht bester Sänger, Brian Wilson. Aber selbst fern von allen Surfstränden kann mir niemand erzählen, daß er nicht wenigstens eines seiner unsterblichen Lieder kennt. Zur Erinnerung ein paar Beispiele:

Fun, Fun, Fun
I Get Around
California Girls

Vielleicht ist Brian Wilson ja selbst schuld, daß er erst so spät zum Genie verklärt wurde (seinen ersten Grammy gewann er 2004). Er hätte ja sich ja auch im magischen Alter von 27 Jahren verabschieden können wie so viele andere Helden der frühen Popgeschichte. Stattdessen glitt er in einer Mischung aus Drogenmißbrauch und handfesten psychischen Schäden in die Vergessenheit (in den 70ern verbrachte er gut drei Jahre mit Depressionen im Bett). Love & Mercy konzentriert sich auf die zwei wichtigsten Phasen in seinem Leben: die 60er, als er 24jährig mit Pet Sounds eines der berühmtesten Alben der Rockgeschichte produzierte und danach fast dem Wahnsinn verfiel, und die 80er, als er seine persönlichen Dämonen (darunter in Gestalt seines "Psychiaters" Dr. Eugene Landy einen sehr handfesten) besiegte und in bescheidenem Maße seine Kreativität wiederfand. Seitdem hat er eine Handvoll durchaus schöner Soloalben veröffentlicht; mein Favorit darunter ist Brian Wilson Reimagines George Gershwin.



Paul Dano zeigt in seinem Spiel die Essenz des jungen Brian, ohne den Musiker nachzuäffen, dem er eigentlich nicht besonders ähnlich sieht. Schmerbauch und Haartolle sind nur Äußerlichkeiten, aber Dano zeigt sowohl die  Unsicherheit, ja Unbeholfenheit als auch die kreativen Sprünge und das meisterhafte "Dirigieren" seiner Studiomusiker. Brian Wilson war auch zu den Glanzzeiten der Beach Boys niemals der umschwärmte Frontman. Das überließ er schnell seinem forschen Cousin Mike Love, während er selbst sich ins Studio zurückzog und Musikgeschichte schrieb. Leider führte das dann zu Konflikten und schließlich zum berühmten Scheitern des "Smile"-Projektes, das die Bandkollegen dann zu Smiley Smile verwursteten. Trotz der Rekonstruktionsversuche in den letzten Jahrzehnten verbleiben von diesem Traumprojekt nur Bruchstücke, darunter allerdings einer der großartigsten, komplexesten Songs der Popgeschichte (und die meistverkaufte Single der Band):
Good Vibrations
und das wunderschöne, elegische Lieblingslied von Paul McCartney:
God Only Knows
Insbesondere für die Passagen aus den 60ern gelingt es dem Sound-Design des Films, den Zuschauer fast unmittelbar in den Kopf Brian Wilsons zu transportieren. Der war nicht nur der Entstehungsort jener unglaublichen Harmonien, sondern leider auch ein Debattierklub für dämonische Stimmen, die Brian seit seiner Kindheit quälten (als ihn sein Vater derart oft auf das rechte Ohr schlug, daß er auf dieser Seite praktisch taub wurde).


Zum Glück wird dieser Niedergang eines Genies filmisch verschränkt mit der Geschichte seiner Besserung und einem kleinen Happy End seiner späten Jahre. John Cusacks etwas verlebtes Gesicht spiegelt perfekt den zunächst mit Medikamenten zugedröhnten Brian Wilson, der durch die Liebe zur Autoverkäuferin Melinda Ledbetter sein Leben wieder in den Griff bekommt. Der einstige Teen Lover und Star von Being John Malkovich und High Fidelity wird inzwischen zu Unrecht unterschätzt. Er hätte bessere Rollen verdient und ist für mich in diesem Film Paul Dano ebenbürtig (der bekannt wurde als Bruder mit Schweigegelübde in Little Miss Sunshine und gemäß Hollywood-Logik als "Nebendarsteller" in die Preisverleihungssaison geht).


Im Zentrum der wunderbar melancholischen Szenen aus den 80ern steht Elizabeth Banks als Wilsons spätere zweite Ehefrau Melinda Ledbetter. Während ich sie in anderen Filmen oft ein wenig albern finde, gibt sie hier eine herzenswarme, nuancierte Darstellung. Natürlich ist ihre Figur idealisiert, schließlich sehen wir sie aus Brians Perspektive, als Rettungsengel in einer Zeit, in der Brian selbst seinem Bruder Carl nur noch peinlich war. Aber wir sehen doch eine starke, mitfühlende Frau, selbstbewußt und hinreißend. Sie weiß sich zu behaupten gegenüber dem mißbräuchlichen Dr. Landy, den der brillante Paul Giamatti (Sideways) als schmierigste, fieseste Figur des Kinojahres gestaltet und doch offenbar der realen Vorlage kaum gerecht wird.



Don't Worry Baby
Dem bisher nur als Produzent in Erscheinung getretene Regisseur Bill Pohlad ist mit Love & Mercy eine der schönsten Musikbiographien der letzten Jahrzehnte gelungen. Das Buch von Oren Moverman und Michael A. Lerner vermeidet weitgehend die ausgetretenen Pfade des Genres. Der Film ist nostalgisch ohne dick aufgetragene Sentimentalität, hat selbstverständlich einen tollen Soundtrack und hinterläßt ein schönes Gefühl, auch wenn für den Film wie für Brians Lieder gilt, was Brians Mitstreiter Mike Love einmal als unfreiwilliges Kompliment von sich gab:
Even his happy songs are sad. (Selbst seine fröhlichen Lieder sind traurig.)
Herausragend (9/10).

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