Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Samstag, 24. Februar 2018
Märchenhaft schön: Shape of Water (9/10)
Shape of Water ist ein altmodisches Märchen, und somit ist sofort klar, wer das Biest und wer der Prinz ist. Es ist doppelt nostalgisch, denn es spielt im bieder-bürgerlichen Amerika des Jahres 1962, aber Prinzessin Elisa (Sally Hawkins) und ihr väterlicher Freund und Nachbar Giles (Richard Jenkins) lieben die Musicals des alten Hollywood. Auf ihrem bierdeckelgroßen Schwarzweiss-Fernseher bewundern sie Bill "Bojangles" Robinson und Shirley Temple im berühmten Treppentanz aus The Little Colonel von 1935. Leider sieht man im Film nur einen winzigen Ausschnitt, aber es lohnt sich, die Szene in ihrer Gesamtheit zu bewundern (in der Dokumentation That's Dancing wird eine anderer, ähnlich knuffiger Ausschnitt gezeigt).
Dies ist nur eines der Details, die beiläufig den in den 60ern vorherrschenden Rassismus kommentieren. Deutlicher wird das durch die Rolle von Elisas Kollegin Zelda, in der Octavia Spencer eine Mischung des Dienstmädchens aus The Help und der Rechenmaschine aus Hidden Figures kredenzt. Shape of Water vermischt viele Zutaten, Genres und Vorbilder zu einem originellen neuen Cocktail. Am offensichtlichsten wird Der Schrecken vom Amazonas von 1954 zitiert, auch heute noch sehenswert allein wegen der unter Wasser gedrehten 3D-Sequenzen (in Schwarzweiss!). Aber hinzugemischt sind auch eine Spionagegeschichte um russische Agenten und einen arroganten amerikanischen General, ein Techtelmechtel zwischen Giles und einem jungen Konditoreiverkäufer, welches leider nur in seiner Fantasie stattfindet, ein Krimi mit David Hewlett (Stargate: Atlantis) als Werksdetektiv, eine veritable Song-and-Dance-Einlage und leider auch Folter und Machtmissbrauch. Dies verdeutlicht auch, dass es sich um ein Märchen für Erwachsene handelt, mit einer gerechtfertigten FSK16-Einstufung.
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Trotz allem steht im Zentrum die simple und doch nie naive Liebesgeschichte zwischen der seit ihrer Kindheit stummen Elisa und dem Meermann, der ebenfalls nicht akustisch kommunizieren kann. Aber Gebärden- und Körpersprache sind allemal ausreichend, um sich näherzukommen. Die Londonerin Sally Hawkins in der Hauptrolle ist absolut bewundernswert. Welch ein Kontrast zur geschwätzigen, ewigfröhlichen Lehrerin in Mike Leighs Happy Go Lucky, für welche sie 2009 einen Golden Globe gewann! Del Toro hat ihr den Part auf den Leib geschrieben, und sie erwies sich seines Vertraunes würdig und sprang mit vollem Körpereinsatz ins kalte Wasser, sozusagen. Auch ihre Szenen mit Richard Jenkins als Giles berühren (aber Katzenliebhaber Obacht: das wird nicht leicht für Euch!) Der 70jährige Veteran ist auf solche herzergreifende Nebenrollen spezialisiert, u.a. mehrfach für die Coen-Brüder, war 2008 aber für eine seltene Hauptrolle im anrührenden Drama Ein Sommer in New York erstmalig Oscar-nominiert. Jedenfalls läßt er vergessen, dass ursprünglich Ian McKellan für die Rolle vorgesehen war.
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Und das Monster? Michael Shannon ist mit seinem stechenden Blick und den leicht grimmigen Gesichtszügen auf überlebensgroße Rollen abonniert. Er war der kryptonische Bösewicht Zod im Man of Steel und zuletzt der verächtliche Cop im üblen Kritikerliebling Nocturnal Animals. Er spielte allerdings auch die Hauptrolle in meinem Lieblingsspielfilm von Werner Herzog der letzten zehn Jahre, Ein fürsorglicher Sohn (2009: "My Son, My Son, What Have You Done?") Als sein Gegenpol fungiert Michael Stuhlbarg als mitfühlender Doktor (mit heimlicher Agenda). Wie schon für die Coens als A Serious Man gelingt es ihm hier mit minimalen Mitteln, anrührend komisch zu sein.
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Guillermo Del Toro, 1964 in Mexiko geboren, war bislang vor allem für seine beiden Hellboy-Adaptionen (2004, 2008) bekannt. Die sind zwar nicht zuletzt wegen eines grandiosen Ron Perlman in der Titelrolle allemal sehenswert, fanden aber für Comic-Verfilmungen nur mäßiges Zuschauerinteresse. Ohne Zweifel ein Bilderzauberer und Meister der Ausstattung, steht sich Del Toro oft selbst im Wege, wenn er seine realistische Magie zwar dankenswert unsentimental, aber auch recht sperrig inszeniert. Schwer einzuschätzen, ob er mehr aus dem Hobbit gemacht hätte als Peter Jackson.
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Erzählfluss und emotionale Wirkung erzielt Del Toro eher mit seinen persönlichen Filmen, und in Shape of Water gelingt ihm das nun mindestens so gut wie in Pans Labyrinth von 2006, meinem bisherigen Lieblingswerk von ihm. Die Fabel aus dem spanischen Bürgerkrieg, in dem ein elfjähriges Mädchen die Schrecken der Realität in eine Fantasiewelt übersetzt, wurde mit Oscar-Nominierungen für den besten fremdsprachigen Film und das beste Originaldrehbuch gewürdigt. Ivana Baquero, die damals bravourös das kleine Mädchen spielte, fiel zuletzt in der albernen Fantasyserie Die Shannara-Chroniken mit untypischen darstellerischen Qualitäten auf. Und das Monster, der titelgebende Faun ("Pan" im deutschen Titel) wurde schon damals von Doug Jones verkörpert, so wie nun der Meermann in Shape of Water. Der 1,90 Meter große Amerikaner hat nicht nur eine bewundernswerte Toleranz für die Applikation komplexer Masken, sondern stattet seine Figuren trotz aller technischer Schwierigkeiten noch mit Persönlichkeit und Gefühlen aus.
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Vielleicht hat Del Toro in Vanessa Taylor auch eine ideale Mitautorin gefunden. Sie steuerte ein paar frühe Episoden von Game of Thrones bei und schrieb die hübsche romantische Komödie Wie beim ersten Mal ("Hope Springs"), 2012 von David Frankel mit Meryl Streep und Tommy Lee Jones inszeniert. Man kann wohl vermuten, dass sie für den emotionalen roten Faden verantwortlich ist. Beim Oscar für das Beste Originaldrehbuch stehen die beiden allerdings in direkter Konkurrenz zu Three Billboards, genau wie die nominierten Darsteller Sally Hawkins und Richard Jenkins. Octavia Spencer tritt gegen die gesetzte, immer fabelhafte Allison Jenney (I, Tonya) an. Schön wäre es, wenn wie bei den BAFTAs die Preise geteilt würden, also Guillermo Del Toro den Oscar für die beste Regie gewänne und Martin McDonagh für das Drehbuch. Wer dann Bester Film wird, ist fast egal - wie will man solch unterschiedliche Werke vergleichen? Beide sind in meinen Augen: Herausragend (9/10).
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