Die dümmste Figur in Three Billboards outside Ebbing, Missouri sagt den klügsten Satz, so abgegriffen er klingen mag: "Zorn erzeugt nur größeren Zorn". Mildred (Frances McDormand) hat allen Grund, zornig zu sein: Ihre 16jährige Tochter Angela wurde vor sieben Monaten vergewaltigt und umgebracht, und der Schuldige ist immer noch nicht ermittelt. So mietet sie also die titelgebenden drei Werbetafeln, mit weitreichenden Folgen für die Bewohner der Kleinstadt Ebbing in Missouri ...
Dies ist so ein Film, bei dem man vorher so wenig wie möglich über die Handlung wissen sollte. Eine reine Nacherzählung würde der Sache ohnehin nicht gerecht werden. Nur soviel sei verraten: Dies ist nicht die erbauliche Geschichte einer amerikanischen Bürgerin, die mit viel Courage und entgegen allen Widerständen der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Aber auch nicht die Rachegeschichte der unverstandenen Wutbürgerin, die den Täter eigenhändig der gerechten Strafe zuführt. Beide Klischees werden geschickt umschifft, und so ergibt sich ein wahrhaftiges Bild der braven Kleinstädter und damit eines durchaus repräsentativen Querschnitts der Menschheit.
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Autor und Regisseur Martin McDonagh, geboren 1970 in London, nimmt sich Zeit für seine Filme. 2006 gewann er einen Oscar für sein Kurzfilm-Debut Six Shooter. Es folgten 2008 Brügge sehen... und sterben?, urkomisch, unvorhersehbar und mit tiefschwarzem Humor duchsetzt, und 2012 7 Psychos, welches das gleiche Konzept ein wenig überfrachtet fortzusetzen versuchte. Im dritten Streich regelt McDonagh die Farce nun klug herunter. Three Billboards bleibt stets Tragödie - niemand macht sich über die tote Angela oder die Erkrankung von Polizeichef Willoughby lustig. Aber es ist kein Tränenfest - es gibt herrlich komische Szenen, und auch geschickte Übertreibungen und gut konstruierte Zufälle. Das Drama nimmt unerbittlich seinen Lauf, jede Handlung hat Konsequenzen, und doch ist das Kinoerlebnis keinesfalls deprimierend. Dieser traurig-komische Balanceakt ist eine echte Meisterleistung, und daher hätte ich Martin McDonagh lieber als Jordan Peele oder Christopher Nolan unter den fünf Kandidaten für den Regie-Oscar gesehen. So wird er womöglich leer ausgehen, denn beim Originaldrehbuch ist die Konkurrenz in diesem Jahr ungleich stärker als bei den Adaptionen.
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Punkten könnten wohl eher die Darsteller, allen voran Frances McDormand. Sie ist ohne Zweifel eine der großen Darstellerinnen des amerikanischen Kinos. Während Meryl Streep (in diesem Jahr ihre Konkurrentin mit den geringsten Siegeschancen) gern und mit verblüffender Mimikri in die Haut außergewöhnlicher Frauen schlüpft, verkörpert Frances McDormand gewöhnliche Frauen in außergewöhnlicher Weise. Dieses nicht greifbare Talent zeigte sie bereits 1984 in ihrem Debut Blood Simple. Gerade 26jährig, hatte sie bereits diese lakonische Qualität, unter der sie je nach Bedarf tiefe Empfindungen erkennbar machen konnte. Der Beginn der durchgeknallten Filmlaufbahn der Coen-Brüder ist gerade in perfekt restaurierter Fassung neu aufgelegt wurde. Er war auch der Startpunkt ihres privaten Glücks in der Ehe mit Joel Coen. Ihren ersten Oscar gewann sie dann passenderweise 1997 für die Rolle der schwangeren Polizistin in Fargo. Aber obwohl sie in den meisten Coen-Filmen auftaucht, kann sie auf eine weitgefächerte Karriere zurückblicken und war in wichtigen Nebenrollen u.a. zu sehen in Short Cuts (Robert Altman, 1993), Wonder Boys (Curtis Hanson, 2000), Almost Famous (Cameron Crowe, 2000) und Moonrise Kingdom (Wes Anderson, 2012). In Three Billboards kann man sich wieder nicht sattsehen an ihrem ausdrucksstarken Gesicht. Sie ist Identifikationsfigur, ohne um die Sympathie des Zuschauers zu buhlen, und sie macht Mildreds teilweise fragwürdige Entscheidungen nachvollziehbar, ohne sie zu entschuldigen.
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Um sie herum agiert ein brillantes Ensemble, welches in der Gesamtheit bereits von der Screen Actors Guild ausgezeichnet wurde, angeführt von den Oscar-Nominierten Woody Harrelson (Zombieland, Die Unfassbaren) als Polizeichef und Sam Rockwell (Galaxy Quest, Iron Man 2) als Deputy. Letzterer hat bei den Preisverleihungen nur deshalb die Nase vorn, weil er im Grunde die zweite Hauptrolle spielt und viel mehr Leinwandzeit als Harrelson hat, wodurch sich seine Figur stärker entwickeln kann (er nahm den Golden Globe mit nach Hause). Ansonsten gilt, dass gute Drehbücher auch gute Schauspieler anziehen, übrigens neben Harrelson und Rockwell noch weitere Wiederholungstäter aus McDonaghs ersten beiden Filmen. Darunter sind Abbie Cornish als Willoughbys patente jüngere Ehefrau und Zeljko Ivanek als Desk Sergeant. Erwähnenswert ebenfalls Caleb Landry Jones (Twin Peaks, Get Out), der differenzierter als sonst agiert, dessen Figurenname "Welby" für meine Ohren allerdings ähnlich klang wie "Willoughby", was mich einige Zeit irritiert hat; Lucas Hedges (Manchester by the Sea) als Mildreds verstörter Sohn, Clarke Peters (der korrupte Bürgermeister aus Person of Interest) als Willoughbys Nachfolger und in einer kleinen Rolle (sorry!) Peter Dinklage mit imposantem Schnäuzer (auf den Promo-Fotos allerdings schon wieder mit Tyrion-Bartpracht), der hier von Jordan Prentice (In Bruges) die Zwergenrolle übernimmt.
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Es sieht so aus, als ob dieses Jahr bei den Oscars mal ein paar würdige Filme ins Rennen gehen. Drei Werbetafeln ausserhalb Ebbing, Missouri erinnert mich in seiner wuchtigen Kommentierung der menschlichen Natur an No Country For Old Men, auch wenn es vielleicht nicht ganz die erschütternde Wirkung meines Lieblingsfilms der Coens hat. Herausragend (9/10).
Nächste Woche: der härteste Konkurrent um die Oscars - Guillermo del Toros Shape of Water.
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