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Sonntag, 18. März 2018

Spiel, Satz und Sieg: Borg McEnroe (8/10)

Eine der großen Sport-Rivalitäten der Geschichte erreichte ihren Höhepunkt im für mich schönsten Tennis-Match des 20. Jahrhunderts (allerdings habe ich irgendwann in den 90ern aufgehört zuzuschauen). Das Wimbledon-Finale von 1980 zwischen Björn Borg und John McEnroe hätte man als Film nicht besser inszenieren können. Zwei charismatische, gegensätzliche Persönlichkeiten trafen aufeinander und spornten sich zu unglaublichen sportlichen Leistungen an. Die fast unerträgliche Spannung wurde nur kurz durch Komikeinlagen und menschliche Gesten unterbrochen. Und das schönste: Am Ende spielte es praktisch keine Rolle, wer den Pokal mit nach Hause nahm - beide Hauptdarsteller gingen als Sieger vom Platz (und wurden später gute Freunde). Für mich als 15jährigen Tennis-Enthusiasten war dieser Samstagnachmittag vor der Mattscheibe ein unvergessliches Erlebnis - die vielleicht spannendsten und bewegendsten vier Stunden meiner Jugend. Auch im Folgejahr klebte ich wieder am Fernseher, als die ähnlich packende "Revanche" dann auch umgekehrt ausging. Es war eine Wendemarke, nach der Holzschläger durch Kunststoff-Rackets ersetzt wurden, die Werbeeinnahmen die Millionengrenze überschritten und der Kommerz die Centre Courts übernahm.



Der schwedische Regisseur Janus Metz hat nun nach einem Drehbuch seines Landsmanns Ronnie Sandahl dieses denkwürdige Wimbledon-Finale auf die Leinwände und Bildschirme zurückgebracht. In Sverrir Gudnason und, kein Doppelfehler, Skandalnudel Shia LaBeouf fand er Darsteller, die den Kontrahenten nicht nur physisch ähneln, sondern deren Persönlichkeit auch glaubwürdig verkörpern können. Um es vorwegzunehmen: Obwohl die Tennisszenen technisch beeindruckend nachgestellt sind, zündet die sportliche Brillanz nicht so recht. Wer das vermisst, kann sich jederzeit mindestens Auszüge des Originalmatches anschauen. Nützlich ist vielleicht ein wenig Vorwissen. Es war ja nicht das erste Grand-Slam-Match zwischen den beiden Rivalen. Borg hatte bereits verschiedentlich gegen den Amerikaner verloren, allerdings nicht bei seinen Hausturnieren. Als Grundlinienspieler eigentlich Sandplatzspezialist, gewann er bis 1981 standesgemäß sechsmal die French Open. Wimbledon, das angesehenste Grand-Slam-Turnier, wird allerdings auf Gras gespielt, einem schnellen Belag, der seiner Spielart eigentlich nicht entgegenkam. Trotzdem hatte er dort 1980 bereits viermal in Folge triumphiert. Doch dann kam McEnroe, der sich mit starkem Aufschlag, flinken Netzattacken und variablen Grundschlägen in Wimbledon sehr heimisch fühlte.



Diese Vorgeschichte wird vom Film ausgespart. Die Handlung konzentriert sich, durchaus verständlich, auf dieses eine Turnier. Der Film versucht darüber hinaus, vor allem in Rückblenden auf die Anfänger der beiden Karrieren, dem Zuschauer einen Einblick in die Psychologie der jungen Männer zu geben (Borg war gerade 24, McEnroe 21). Und obwohl die sportliche Komponente zu kurz kommt, hat mich diese Herangehensweise überzeugt. Und natürlich gerät das Finale trotzdem sehr spannend, gerade weil man etwas mehr versteht, was in den Köpfen der Spieler vorgeht. Dabei liegt der Fokus naturgemäß auf dem schwedischen Nationaldenkmal Borg, der auf dem Platz wie ein Eisberg, eine "Maschine" erschien, was sein Trainer ihm als 15jährigen allerdings erst einprügeln musste. Dieses Ungleichgewicht ist schade, denn McEnroes Part war mindestens genauso interessant wie Borgs. So muss man seine Motivationen oft zwischen den Zeilen lesen, etwa wenn er vielleicht wegen der Anwesenheit seines strengen Vaters im Finale sein Temperament besser unter Kontrolle bekommt als in den Vorrunden, wo es auch den berühmten "Chalkdust"-Streit mit dem Schiedsrichter gab (herrlich parodiert im Comedy-Song The Brat).

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Shia LaBeouf verübeln viele immer noch den lausigen vierten Indiana-Jones-Teil, die Schuld kann man aber wohl gleichmäßig auf alle Beteiligte verteilen. In den USA läuft Borg McEnroe gerade an. Man kann davon ausgehen, dass er keinen großen Erfolg haben wird. Nicht nur, dass LaBeouf keine große Zugkraft mehr hat, er spielt auch noch einen Amerikaner, der ein Match verliert. Und der zweite Platz gilt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nun mal nichts, eine Einstellung, für die im Film exemplarisch McEnroe Senior steht.

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Der Film wurde in Englisch gedreht, mit kurzen untertitelten Passagen in Schwedisch, so etwa die Gespräche zwischen Borg und seinem Trainer Lennart Bergelin (übrigens gewohnt seelenvoll dargestellt vom schwedischen Hollywood-Star Stellan Skarsgård), und lief in Europa bereits letztes Jahr im Kino. Die Blu-ray bietet als Extra ein Gespräch mit dem Regisseur und dem Hauptdarsteller Sverrir Gudnason, aus dem man erfährt, dass Björn Borg zumindest bei den Recherchen hilfreich war (darüber hinaus spielt sein 14jähriger Sohn Leo Borg, Schwedens neue Tennis-Hoffnung, sein jüngeres Ich). Inklusive Nostalgie-Bonus vergebe ich ein Sehr gut (8/10).

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