Wie die Ozonschicht, die unseren Planeten vor den tödlichen UV-Strahlen aus dem Weltall schützt, ist die Zivilisation eine dünne Schutzschicht, die uns gegenüber den niederen menschlichen Instinkten isoliert. Anders als die Ozonschicht ist Zivilisation eine menschliche Errungenschaft, die über Jahrtausende erkämpft wurde. Sie muss von Generation zu Generation mühsam verteidigt und weitergegeben werden. Es wird gern romantisierend gefaselt, wie unschuldig und rein Kinder und Jugendliche sind. Die Wahrheit ist jedoch, dass sie ohne Schranken und Rituale, in denen sie ihre Aggressionen in geregelte Bahnen lenken können, schnell dem Herrn der Fliegen zum Opfer fallen. Dieses Problem hat nun auch die Mafia eingeholt, wie die italienische Fernsehserie Gomorrha eindringlich zeigt.
Die nachfolgenden Ausführungen enthalten Spoiler für die erste Staffel der Serie, die allerdings bereits 2014 im Fernsehen lief.
Don Pietro war bislang der unumstrittene Boss des Untergrunds von Neapel. Doch als Insider-Informationen an die Polizei durchsickern, verfällt er der Paranoia und zweifelt an den erfahrenen Leutnants seiner Generation. Er macht Fehler, die ihn in Untersuchungshaft bringen. Nun ist plötzlich sein Sohn Gennato ("Genny") in Verantwortung. Der allerdings ist ein unbeholfener, übergewichtiger Playboy, der auf Basis des Familienvermögens ein schönes Leben führt und bislang nichts vom Geschäft versteht. Zunächst springt seine Mutter Donna Imma in die Bresche, mit beeindruckenden anfänglichen Erfolgen. Aber auch sie unterschätzt die Spannungen zwischen den Generationen, die Gennys Mentor Ciro, nicht viel älter als dieser, aber bereits ein erfahrener "Soldat", zu seinem eigenen Vorteil zu schüren weiss.
Embed from Getty Images
Natürlich ging es auch beim großen Vorbild aller Mafia-Epen um einen Generationenkonflikt. Im Paten geht Don Vito Corleones Imperium an Sonnys Brutalität und Fredos Inkompetenz zugrunde. Der Kugelhagel gebiert mit Don Michael einen Boss, der sich an keine Regeln gebunden fühlt. Familie zählt nichts mehr, was man spätestens an Fredos Schicksal sieht. Aber auch die Zeiten haben sich geändert. Das Geschäft mit Schutzgeldern und Wettbüros wird bereits in den 70ern überschattet vom Milliardenmarkt der Drogen. Im Neapel des 21. Jahrhunderts stehen selbstverständlich Menschenhandel und Drogen im Mittelpunkt. Und Don Pietro und später Donna Imma imitieren nur die Fassade des Urpaten Don Vito. Er stand für Stabilität, Wohlstand und Gerechtigkeit seiner erweiterten Familie, der italienstämmigen Famiglia, auf Kosten der Außenseiter (alle Nicht-Italiener). In Neapel ist es umgekehrt: Die Immigranten sind die Außenseiter, ob Russen oder Schwarzafrikaner. Aber die Familie der Alteingesessenen ist zu groß, um auf Dauer zusammenhalten zu können, Und Donna Imma tritt gegenüber den Anwohnern an ihrem neuen Drogenumschlagplatz als wohltätige Patin auf, bringt im Endeffekt aber nur Leid und Tod.
Embed from Getty Images
Wie bei Coppola schlagen wir uns als Zuschauer zunächst auf die Seite der Gomorrha. Wir leiden mit Don Pietro, wenn er vom Gefängnisdirektor schikaniert wird, und freuen uns, wenn er einen erfolgreichen Gefangenenaufstand inszeniert. Wie schnell verfallen wir dem Charme solcher Autoritätspersonen! Selbst der Schlächter Ciro hat zunächst unsere Sympathie. Er bekommt die schwierigsten Jobs und die wenigste Anerkennung, er scheint dem Schwächling Genny ein guter Freund und seiner kleinen Tochter ein guter Vater zu sein. Aber irgendwann geht uns auf, dass dies alles nur vorgetäuscht ist und seine Handlungen allein von Hass und Geltungssucht getrieben sind. Er begeht unsägliche Untaten und bricht dabei auch noch mit dem kümmerlichen Rest des mafiösen Ehrenkodex - nicht einmal Frauen und Kinder sind vor ihm sicher. Gleiches gilt für Kronprinz Genny. Er vermasselt gleich seinen ersten Mordauftrag und vermag seine Freundin nur mit hündischer Hartnäckigkeit und teuren Geschenken an sich zu binden. Nach einem traumatischen Erlebnis in Lateinamerika (bei Verhandlungen mit Lieferanten) schüttelt er die Aura des Schwächlings mit willkürlichen, skrupellosen Gewalttaten ab und verliert damit ebenfalls unsere Sympathie
Embed from Getty Images
Am erschütterndesten anzusehen ist aber, wie leicht die Jüngsten, oft sogar Kinder, von den Posen und der Gewalt verführt werden. Da treffen die halbstarken Soldaten von Genny oder Ciro auf eine Gruppe von Kindern mit Wasserpistolen und lassen sie erstmal mit echten Waffen spielen. Da ist die junge Lesbe, die eigentlich von einer Hochzeit in Weiß träumt, aber ihren Geschäftssinn für die Koordination der Drogengeschäfte verschwendet. Und da ist der 16jährige Daniele, ein begnadeter Automechaniker, der von Ciro mal eben das Schießen und das Morden lernt - mit bitteren Konsequenzen für ihn und seine 15jährige Freundin. Das Schicksal Danieles ist besonders tragisch, da es nicht einmal in Armut und Verzweiflung wurzelt - er hat schließlich einen ehrbaren Job, Freunde und Familie - sondern rein in der Faszination am falschen Vorbild Ciro, der auf ihn so cool und erfahren wirkt. Autor Roberto Saviano, auf dessen Tatsachenberichten die Serie basiert, hat gerade ein neues Buch herausgebracht, in dem er offenbar noch mehr auf diese verlorene Generation fokussiert: Der Clan der Kinder. Aber erschütternder als das Schicksal von Daniele und seiner Freundin kann das auch nicht mehr sein.
Embed from Getty Images
Gomorrha besteht aus zwölf einstündigen Episoden pro Staffel. In Deutschland läuft das auf Sky, empfehlenswert ist aber die Blu-ray-Ausgabe, vorzugsweise im neapolitanischen Italienisch mit Untertiteln. Die Veröffentlichung der dritten Staffel ist für April angekündigt. Ich muss gestehen, ich brenne nicht gerade auf die Fortsetzung, denn bereits der Ausgang der ersten Staffel hat mir ziemlich den Magen umgedreht. Aber an Qualität und Unterhaltungswert kann die Serie mit der US-amerikanischen Konkurrenz allemal mithalten. Sie bildet ein Stück Realität ab, welches so oder so nicht leicht zu ertragen ist.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen