Bird Box ist ein Zombiefilm ohne Zombies, der die Stärken des Genres in höchst unterhaltsamer Weise variiert: die Angst vor den Nachbarn, der Belagerungszustand, Helden und Feiglinge, unkonventionelle Todesarten und die Flucht ins Unbekannte. Es ist aber kein Splatterfilm, auch wenn natürlich reichlich Blut fließt. Offiziell ab 16 freigegeben, ist es durchaus auch für jüngere Jugendliche geeignet, wenn sie nicht gerade in den USA leben (es wird geflucht, um Himmels willen!)
Das Konzept ist denkbar einfach und funktioniert im Film deshalb auch fabelhaft: Weltweit treten geheimnisvolle Phänomene auf, die Menschen bei Sichtkontakt direkt in den Wahnsinn und den Selbstmord treiben. Monster, die man nicht zu sehen bekommt, waren in der Filmgeschichte schon immer am effektivsten. Hier kündigen sie sich nur durch Lichterspiele, aufgewehte Blätter und das Kreischen von Vögeln an (daher die titelgebende Kiste). Nun kommen die aus der Werbung bekannten Augenbinden ins Spiel (Stevie Wonders Sonnenbrille war wohl nicht verfügbar). In der realen Welt hat dies Nachahmer via der "Bird Box Challenge" schon umgebracht - ich kann nur alle Dummköpfe auffordern, auch mal das Autofahren mit verbundenen Augen auszuprobieren! Aber bitte nur, wenn vernünftige Menschen schlafen...
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Den 2014 veröffentlichten Debutroman des Rocksängers Josh Malerman hat Eric Heisserer besser als zuletzt Arrival umgesetzt. Der Hauptteil des Abenteuers, die Ereignisse ab dem Auftreten der Phänomene, wird als Rückblende erzählt, ausgehend von einer atemberaubenden Bootsfahrt fünf Jahre später. Offenbar hat der Adapteur das Ende des Films etwas positiver als in der Vorlage gestaltet, was ich nur begrüßen kann. Deprimierende apokalyptische Alpträume gibt es schon genug. Den kleinen Aha-Moment zum Schluss hätte man übrigens durchaus vorher erraten können, wenn man denn Zeit zum Nachdenken bekommen hätte. Dazu ist die Geschichte aber einfach zu spannend erzählt. Die dänische Regisseurin Susanne Bier, deren Oscar-Gewinner von 2011, In einer besseren Welt, mir weitaus weniger gefallen hatte als die Vorgänger Zwischen Brüdern (2004, mit Hippolyta Connie Nielsen) und Nach der Hochzeit (2006, mit Mads Mikkelsen und Sidse Babett Knudsen), inszeniert diesmal geschickt und lässt ihr fabelhaftes Ensemble glänzen (auch wenn man keine große psychologische Tiefe erwarten sollte). Und das ist natürlich der Hauptgrund, warum dieser Horrorthriller funktioniert.
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Hauptdarstellerin Sandra Bullock wird im Juli 55 Jahre alt. Wenn man ihr zusieht, kann man es nicht so recht glauben. Sie spielt inzwischen nicht mehr das nette Mädchen von nebenan, sondern starke Frauen, ist aber immer noch höllisch attraktiv (auch ohne viel Makeup). Und wenn Cary Grant mit 60 noch 30jährige becircen durfte, muss es wohl möglich sein, Sandy als werdende Mutter zu besetzen! Sie ist immer noch einer der Stars mit der größten Leinwandpräsenz und zieht Millionen Zuschauer an. Die zehn Jahre jüngere Sarah Paulsen sieht dagegen alt aus, ist als Sandys Schwester (in einer kleinen Rolle) aber überzeugend besetzt. In einer zweiten Hauptrolle glänzt der junge Moonlight-Star Trevante Rhodes (er war schon der ältere Black, jung nur im Vergleich zu seiner Leading Lady). Dann agieren da John Malkovitch (der zwar nur seine bekannte Persona variiert, aber trotzdem immer sehenswert ist), die pfiffige Jacki Weaver (Silver Linings Playbook), die quirlige Rosa Salazar (die demnächst als Alita zu sehen sein wird), der spinnerte Tom Hollander (der sich jüngst gefühlt in jeden dritten Film mogelt), die warmherzige Parminder Nagra (die Hauptdarstellerin aus Bend it like Beckham hat anders als ihr Co-Star Keira Knightley zwar eine solide, aber doch etwas enttäuschende Karriere) und, stets willkommen, Pruitt Taylor Vince (Die Legende vom Ozeanpianisten) in einer leider selten gewordenen sympathischen Rolle.
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Bird Box ist nach Bright der zweite Netflix-Blockbuster. Es ist nicht ganz einfach, Streaming mit Kino zu vergleichen, aber die veröffentlichten Zahlen scheinen plausibel. Netflix hat inzwischen ca. 140 Millionen Nutzer weltweit. Bright hatte in den ersten drei Tagen bereits 11 Millionen Zuschauer, Bird Box binnen zwei Wochen schon 45 Millionen Abrufe (was deutlich mehr Zuschauer bedeutet). In Kinoumsätzen ausgedrückt würde ich das mal locker mit 500 Millionen Dollar gleichsetzen. Die Zukunft des Kinos ist angekommen! Netflix ist gerade der MPAA beigetreten (nicht der Monty-Python-Zweig der Anonymen Alkoholiker, sondern der einflussreiche amerikanische Filmverband) und platziert sich auf Augenhöhe mit den sechs anderen Mitgliedern: Paramount, Warner, Fox, Universal, Columbia, Walt Disney. Hier kehrt sich ein 70 Jahre alter Paradigmenwechsel um. 1948 entschied der Supreme Court der USA, dass die Produktion und Verbereitung von Kinofilmen nicht in gleicher Hand liegen dürfe, und zerschlug das Kartell der Studios, die gleichzeitig auch die großen Kinoketten besaßen. Jetzt haben die Studios mittels Streaming wieder die Möglichkeit, die komplette Produktkette zu beherrschen. Und diesmal wird kein Gericht diese globale Entwicklung stoppen können...
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Bird Box wird gern mit dem Überraschungshit des letzten Jahres, A Quiet Place, verglichen. Gemeinsam haben die beiden Horrorthriller aber nur, dass sie auf einem einfachen Konzept beruhen (na ja, und dass es eine Geburt gibt, Opfertode, etc.) Bird Box ist keinesfalls eine Kopie, schließlich erschien der Roman vor dem Drehbuch des Krasinski-Projekts. Darüber hinaus fand ich A Quiet Place viel weniger plausibel (es geht hier nur um innere Logik, es ist ja Horror und keine SF), und es begang den Fehler, seine Monster zu zeigen (merkwürdige, spinnenartige Aliens, die auf leisteste Geräusche reagieren, menschliches Atmen jedoch nicht hören können). Im Endeffekt ist es eine Frage des Geschmacks, und Bird Box hat mich einfach viel mehr begeistert. Das erste Geschenk des jungen Kinojahrs: Sehr gut (8/10).
Übrigens eine Bitte an Netflix: Wenn schon Kino, dann will ich auch die Option haben, den Abspann bis zum Ende zu sehen! Momentan muss man da schon sehr schnell und kontraintuitiv reagieren, um nicht stattdessen plötzlich den Trailer für den nächsten Film auf dem Schirm zu haben!
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