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Samstag, 2. Februar 2019

Meins! The Favourite (8/10)

The Favourite ist merkwürdig vom Vor- bis zum Abspann, der zunächst von Elton Johns Skyline Pigeon (ärakonform nur mit Cembalobegleitung) und dann nur noch von Vogelgezwitscher untermalt ist. Das ist keine Überraschung für Kenner des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos, der vor seinem Ausflug nach Hollywood sein Publikum bereits mit etlichen selbsterdachten Arthouse-Hits verstört hatte. In Dogtooth (2009, 1/10) wurden da drei Teenager von ihren Eltern gefangengehalten und mit Sprachverwirrungen terrorisiert, in seinem ersten englischsprachigen Film The Lobster (2015, 4/10) nonkonforme Bürger in Tiere verwandelt. Aber diesmal ist alles anders! Vor allem wohl, weil das Drehbuch nicht vom Regisseur (und seinem regulären Co-Autor Efthymis Filippou) stammt, sondern auf einem aus historischen Gerüchten entstandenen Originaldrehbuch der bislang unbekannten Deborah Davis beruht, welches wohl vom TV-erfahrenen Tony McNamara "aufgefrischt" wurde. Die Kombination der vielschichtigen Vorlage mit der schrägen Inszenierung funktioniert bei diesem Oscar-Favoriten prächtig.



Großen Anteil daran hat allerdings auch das Darstellertrio. Nominell in der Hauptrolle (und dadurch auch Oscar-Favoritin) spielt Olivia Colman mit viel Mut zur Häßlichkeit (und zusätzlich angefutterten Pfunden) die schicksalsgeplagte Queen Anne, die England von 1702 bis 1714 regierte. Schon zeitgenössische Porträts zeichnen ein wenig schmeichelhaftes Bild der Matrone, deren 17 Kinder alle nicht überlebten, und die nach dem Tod des Ehemanns ihre letzten Jahre einsam und kränklich verbrachte. Das eröffnete das Spielfeld für die beiden historisch verbürgten Nebenbuhlerinnen um die Gunst der Königin. Früh etabliert war Annes Altersgenossin Sarah Churchill, Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz), die lange die Geschicke des Landes steuerte, bis ihr schließlich ihre jüngere Cousine Abigail Hill (Emma Stone) den Einfluss streitig machte. Eigentlich ist es absurd, dass Emma Stone und Rachel Weisz nun als Nebendarstellerinnen ins Oscar-Rennen gehen, in dem allerdings Regina King (Beale Street) Favoritin ist. Es ist jedenfalls ein ungeheures Vergnügen, den drei Hofdamen beim Tanz zuzuschauen. Dagegen sind die Männer am Hofe Staffage, etwa Sarahs Ehemann und General ("Mycroft" Mark Gatiss), Oppositionsführer Harley (Nicholas Hoult), ganz zu schweigen von Abigails armseligem Gatten, zu dem mir jetzt weder Gesicht noch Name einfällt. Immerhin ist ihm eine der acht Kapitelüberschriften gewidmet: "Welch ein Outfit!"

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The Favorite ist natürlich ein Kostümfilm, mit herrlich überzogenen Gewändern, Perücken und Schminkmasken, und damit sind vor allem die Männer beschrieben. Offenbar versuchte der englische Hof die Dekadenz des feindlichen Sonnenkönigs Ludwig XIV. noch zu übertreffen. Dazu kommt die opulente Ausstattung der Schlafgemächer, Speisesäle und Besprchungsräume. Aber entgegen der Konvention schwelgt die Kamera nicht in der Bebilderung dieser Opulenz, sondern zeigt die formale Schönheit quasi aus der Sicht der kleinen Leute, der Bediensteten, für die das Schloss kaum Museumscharakter hatte, sondern sicher vor allem ein beängstigender Ort war, wo ein Blick in die falsche Richtung schnell den Zorn der Monarchin erwecken konnte (wenn sie gerade meinte, "wie ein Dachs" auszusehen). So gibt es durch extreme Weitwinkelaufnahmen fast keine geraden Linien, sondern man sieht buchstäblich Gewölbe, mit schier unendlichen Korridoren und zugigen Kaminzimmern. Genauso schräg ist die Musikuntermalung, die teilweise aus zeitgenössischen Stücken und teilweise aus atonalen Spannungsmomenten besteht, manchmal sogar geschickt übereinander gemischt. So entsteht formal so etwas wie ein "Anti-Kostümfilm".

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Obwohl die Figuren und der grobe geschichtliche Ablauf verbürgt sind, ist die Handlung von The Favourite reine Fantasie. Unter dieser Prämisse entstehen die besten Historienfilmen, denn sie können zwar eine vergangene Zeit heraufbeschwören, spiegeln aber notwendig unsere Gegenwart. Und was könnte aktueller sein als die Geschichte von Politikern, die das Wohl des Landes oder gar des Volkes zwar auf den Lippen, aber kaum im Herzen tragen? So werden Entscheidungen aufgrund des Wohlklangs der Argumente getroffen. Mit einem Feldzug ist es wie mit einer Party: Man sollte modegerecht zu spät kommen! Und das Volk soll ruhig hungern, denn nur mit einer Steuererhöhung kann der General ruhmreiche Schlachten schlagen! Der Mann mit der schönsten Perücke (gleichzeitig der geschickteste Intrigant) soll Premierminister werden! Ja, es gibt hier viel zu Lachen, aber manchmal bleibt die fette Mahlzeit einem doch im Halse stecken. Komischer Höhepunkt ist übrigens ein historisch zweifelhafter Balztanz der Herzogin, der die Königin vor Eifersucht fast tobsüchtig macht (aber Sarah hat so ihre Mittel, um die Herrscherin wieder zu beruhigen).



So bizarr die Vorgänge auch sind, so schräg das ganze abgefilmt ist, so kalt und berechnend die Handlungen der Hauptfiguren oft sind, so anrührend ist doch das Schicksal der drei Frauen in Szene gesetzt, selbst das von Abigail, eine Paraderolle für Emma Stone, die noch nie so scheußlich unsympathisch agieren durfte. Für mich jedenfalls hat der Widerspruch von bizarrem Spaß und feinem Pathos fabelhaft funktioniert. Sehr gut (8/10)!

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