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Sonntag, 6. Januar 2013

Silver Linings Playbook (8/10)

Manchmal mutet uns das Kino Figuren zu, mit denen wir uns nicht identifizieren können, deren Aktionen fast nicht zu verstehen sind: Charlize Theron in Jason Reitmanns und Diablo Codys Young Adult als alkoholisierte, realitätsferne, schon leicht verblühte Mittdreißigerin, die plötzlich meint, ihrer inzwischen verheirateten Jugendliebe nachstellen zu müssen und von einer peinlichen Situation in die nächste gerät; Michael Fassbender als Sexsüchtiger in Steve McQueens Shame, beziehungsunfähig und gefühlskalt. Ganz ohne Hoffnung auf Besserung allerdings können solche Filme nicht funktionieren. Wir Zuschauer brauchen stets jenen Silberstreif am Horizont, der in Silver Linings Playbook Programm ist.

Hier ist Bradley Cooper der bipolare, gerade aus der Psychiatrie entlassene Pat, der mit Jennifer Lawrences gerade verwitweter Tiffany ausgerechnet auf eine ähnlich labile Leidensgefährtin trifft. Umgeben sind sie von einem ausgezeichneten Ensemble: Jacki Weaver als Pats Mutter; Robert de Niro als Pats Vater endlich mal wieder in einer substantiellen Rolle, in der er sowohl latente Aggressivität als auch sein komisches Talent zeigen kann; Anupam Kher (der den Vater von Parminder Nagra in Bend it like Beckham und den von Freida Pinto in Ich sehe den Mann deiner Träume gespielt hat) als wunderbar trockener Therapeut; Chris Tucker ("Rush Hour", "Das fünfte Element"), den ich nicht wiedererkannt hätte, mal nicht nervig als herrlich komischer Mitpatient von Pat. Regisseur und Adapteur David O. Russell, dem bereits mit Three Kings und I Heart Huckabees recht schräge Komödien gelungen waren, bevor er sich mit dem m.E. überschätzten The Fighter an einem Drama versuchte, bewegt sich hier gekonnt zwischen Tragödie und Komödie.

Jeder Film über Behinderte oder psychisch Kranke facht wieder die gleiche blödsinnige Diskussion an:
  • Über Pat: Mein Sohn ist bipolar, und er ist überhaupt nicht so
  • Über Dustin Hoffman als Raymond in "Rain Man": Das ist kein typischer Autist
  • Über Keira Knightley als Sabina Spielrein in "Eine dunkle Begierde": Als Frau (!) halte ich diese Figur nicht für glaubwürdig
  • (gleiches gilt übrigens auch für die Darstellung anderer Minderheiten. So mußte mir eine Bekannte, deren Bruder schwul ist, zu "Brokeback Mountain" gleich erklären, daß Sex zwischen Schwulen ganz anders ist. Sie muß es ja wissen...)
Dabei sollte doch klar sein, daß dies keine Dokumentationen sind und diese Figuren nicht exemplarisch für ein Krankheitsbild stehen wollen oder können! Ein Film kommentiert immer nur einen kleinen, verzerrten Ausschnitt der Wirklichkeit. Er darf übertreiben oder vereinfachen, er kann im Idealfall erhellend wirken oder zur weiteren Recherche anregen. Ob Matthew Quick in seinem Roman die bipolare Störung seiner Hauptfigur also klinisch korrekt angelegt hat, interessiert mich hier nicht besonders. Nicht das Krankheitsbild, sondern die Figur steht im Mittelpunkt. Pat hatte ja seine Krankheit bis zu einem traumatischen Erlebnis gut im Griff, und ich finde seine Entwicklung im Film durchaus glaubhaft.

Das konnte nur mit einem überzeugenden Hauptdarsteller gelingen, und Bradley Cooper, "The Sexiest Man Alive", nach seinem Debüt in der Serie "Alias" vor allem durch Blödeleien in der "Hangover"-Trilogie bekannt geworden, schlägt sich wacker, wenngleich seine Darstellung nicht die Klasse der anfangs genannten Charlize Theron und Michael Fassbender erreicht. Er hält seinen Charme geschickt zurück und brilliert vor allem in schnellen verbalen Schlagabtauschen mit seinen Eltern und Tiffany. Die 22jährige Jennifer Lawrence gilt ja als DER Shooting Star, nach ihrer Oscar-Nominierung für das überzeugende, wenngleich deprimierende Indi-Kleinod  Winter's Bone und der Hauptrolle in The Hunger Games. Sie hat eine starke physische Präsenz, die ihr in den Actionszenen der Fantasy-Trilogie wie im Tanzfinale von "Silver Linings" zugute kommt. Leider scheint sie ansonsten für "The Hunger Games" eher Kristen Stewart in Underacting nachzueifern, wobei sie durch ihr volles Gesicht und ihre kurvenreiche Figur von vornherein fehlbesetzt schien. In "Silver Linings" kann sie zwar Emotionen vermitteln (sonst würde der Film auch nicht so gut funktioinieren), vollkommen überzeugt bin ich aber nicht. Vor allem scheinen mir in Großaufnahmen ihre Augen recht ausdruckslos. Das ist aber sicher Geschmackssache.

Fazit

Nach einer kurzen Orientierungsphase bewegt sich Silver Linings Playbook geschickt zwischen Drama, Komödie und Romanze, gibt sogar noch eine hinreißende Tanzperformance dazu und ist damit für mich die originellste und intelligenteste RomCom seit dem herausragenden Crazy, Stupid, Love. Sehr gut (8/10).

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