In jungen Jahren verschlang ich Hunderte von Science-Fiction-Romanen, zunächst ohne zu differenzieren oder das Lesefutter genauer einzuordnen. Zwar kristallisierten sich schnell ein paar Lieblingsautoren heraus - darunter LeGuin, Sturgeon, Dick, Brunner, Shaw - aber an viele andere habe ich so gut wie keine Erinnerungen. So fand ich heute in meinem Bücherschrank eine Handvoll früher Romane von Silverberg, aber keines seiner bekannteren Werke.
"Dying Inside" ("Es stirbt in mir") erschien 1972, wurde für den Hugo und den Nebula nominiert und gilt heute als eines der Hauptwerke des noch aktiven Großmeisters der Science Fiction, der sich seit etlichen Jahren hauptsächlich der Herausgabe von Anthologien widmet.
Der gebürtige New Yorker Robert Silverberg, Jahrgang 1935, war etwas jünger als sein Protagonist David Selig, der mal in der ersten Person, mal in Briefen an Bekannte und mal in einer sarkastisch distanzierten dritten Person seine Lebensgeschichte vor uns ausbreitet. Trotzdem vermute ich eine autobiographische Motivation, da der Autor an einer Schilddrüsenstörung litt und daher vielleicht schon früh eine ähnliche Midlife crisis erlebte wie seine Figur, die übrigens wie er einen Abschluß in Literatur hat und jüdischer Abstammung ist; der Text ist gesprenkelt mit jiddischen und hebräischen Ausdrücken.
David Selig kann Gedanken lesen, empfindet diese Fähigkeit aber eher als Fluch und verbirgt sie weitgehend vor seinen Mitmenschen. Nun, mit Anfang 40, verliert er langsam diese Gabe und merkt, in welchem Maße sein Sozialleben darauf aufbaut. Er verdient sich einen kargen Lebensunterhalt durch das Schreiben von Seminararbeiten für College-Studenten. Eine solche Arbeit, ein Vergleich der Romane von Kafka, ist in Gänze enthalten. Obschon dies für meinen Geschmack übertrieben ist, kann man vermuten, dass sich Selig ein wenig in Kafkas hilflos in einer sich logisch nicht erschließenden Welt umherirrenden Figuren wiederfindet.
Telepathie war immer schon ein beliebtes SF-Motiv. Mein Lieblingsroman zu diesem Thema ist "The Telepathist" bzw. "The Whole Man" von John Brunner (1964). Aber während Brunners Geschichte in der Zukunft spielt, ist "Dying Inside" fest in der Gegenwart der frühen 70er verwurzelt. Silverberg nutzt die SF-Idee in sehr engem Rahmen; sie ist aber nicht nur Gimmick, sondern das Hauptwerkzeug, um seine Intention zu vermitteln. Gute SF nutzt futuristische Elemente stets, um menschliche Situationen klarer darstellen zu können; damit tritt sie in die Fußstapfen klassischer Entdeckergeschichten von Swift etc., deren Möglichkeiten durch die wissenschaftliche Erschließung unserer Welt erschöpft sind.
Einem Jugendlichen auf der Suche nach Abenteuergeschichten und Romantik wird "Dying Inside" wohl befremdlich vorkommen, zumal Silverbergs stilistische Finesse Aufmerksamkeit beim Lesen erfordert. Mich als Mittvierziger hat der Roman sehr angesprochen. Die Sicht auf die amerikanische Gesellschaft der 70er ist immer noch interessant, und die Verzweiflung der Hauptfigur ob des Verlustes ihrer Fähigkeiten ist plastisch dargestellt. Die Anwendung der Telepathie ist originell und gut durchdacht.
"Dying Inside" ist für den Kindle im englischen Original in der Reihe "S.F. Masterworks" zu einem fairen Preis erschienen.
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