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Dienstag, 29. Januar 2013

Flight (8/10)

In einem Paradebeispiel schlechten Marketings verspricht der Trailer für Flight dem gemeinen Zuschauer einen Actionfilm mit abschließender spannender Gerichtsverhandlung. Tatsächlich ist der allerdings nervenaufreibend inszenierte Flug nach gut 20 Minuten bereits vorbei. Danach beginnt die Flucht (die zweite Bedeutung des englischen Titels) des von Denzel Washington vielschichtig und unsentimental dargestellten Heldenpiloten Whip. Es ist eine Flucht vor sich selbst, vor seiner Sucht, seinen Lügen, den Trümmern seines Lebens. Selten wurde Alkoholismus realistischer auf die Leinwand gebracht, auf die Gefahr hin, daß der ans TV-Melodrama gewöhnte Zuschauer Whips verzweifelte Situation unterschätzt. Man muß schon große Vorbilder zum Vergleich heranziehen; ich denke an Ray Milland in Billy Wilders Lost Weekend und an den großartigen John Spencer als Leo McGarry in The West Wing. Aus dem verdienten dritten Oscar wird dieses Jahr aber wohl nichts, denn da gibt es noch einen britischen Ausnahme-Mimen namens Daniel Day-Lewis...

Auf seinem Weg trifft Whip verschiedene Menschen, die ihm helfen wollen - Kelly Reilly (Wendy aus Auberge espagnole) als Leidensgenossin Nicole, der stets wunderbare Bruce Greenwood als Liaison der Pilotenvereinigung, Don Cheadle als Anwalt, der einfach nicht verstehen kann, wie ein volltrunkener Pilot eine solche Meisterlandung hinlegen kann, und John Goodman als lebensfroher Drogenlieferant. Doch solange Whip seinen Zustand nicht selbst als Krankheit erkennt, gibt es keine Chance auf Besserung. Und gerade die paradoxe Ausgangssituation - möglicherweise ist Whip gerade wegen seines Highs die Notlandung so gelassen und intuitiv geglückt - sorgt dafür, daß die Handlung in weiten Teilen nicht die üblichen Klischees bedient. Dabei bleibt auch die politische Korrektheit außen vor - es werden viele Zigaretten gequalmt, und es gibt im Krankenhaus eine herrlich komische und zugleich tiefsinnige Unterhaltung zwischen Whip, Nicole und einem Krebskranken im Endstadium.

Ach, wenn das ganze jetzt noch in 100 Minuten gepaßt hätte - die 140 Minuten sind denn doch etwas lang. Auch wenn ansonsten das Fehlen jeder spirituellen, geschweige denn christlichen Perspektive wohltut, hätte ich auf die merkwürdige Szene am Krankenbett des Co-Piloten mit seiner stumpfsinnigen basischristlichen Frau ("Praise Jesus") verzichten können, ebenso auf die denn doch dem Publikumsgeschmack geschuldete Schlußszene.

Insgesamt ein positiv überraschender Film von Robert Zemeckis, in den 80ern bekannt geworden durch Zurück in die Zukunft und Roger Rabbit, in den 90ern Oscar-Gewinner für Forrest Gump, aber auch gut für subtilere Kost wie den schön altmodischen Horrorfilm Schatten der Wahrheit mit Harrison Ford und Michelle Pfeiffer. Danach allerdings hat er sich neuen Techniken verschrieben und drei katastrophal schlechte Real-Trickfilme mit extensivem Motion Capturing (Der Polarexpress, Beowulf, Eine Weihnachtsgeschichte) gedreht, denen man als einzig Positives zugestehen muß, daß sie den Weg für die tolle Tim und Struppi-Verfilmung von Steven Spielberg und Peter Jackson ebneten. Nach Cast Away von 2000 jetzt ein Comeback Zemeckis, der aus einem kleinen Budget mehr herausgeholt hat als so manche anderen, die jetzt für den sogenannten "Besten Film" nominiert sind (immerhin ist das Drehbuch von John Gatins qualifiziert, der sonst eher Vorlagen für mittelmäßige Sportfilme liefert).

Sehr gut (8/10).

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