Suche im Blog

Samstag, 24. August 2019

Aus der Klamottenkiste gestreamt: Matchstick Men ("Tricks", 2003: 8/10)

Durch den Siegeszug des Streamingmarktes gibt es inzwischen viele ältere Filme aus der zweiten Reihe, die gar nicht mehr oder (wie gerade Addams Family Values) nur nachgelagert als Blu-ray veröffentlicht werden. Dafür kann man sie oft bei iTunes oder Amazon Prime für kleines Geld in HD-Qualität erstehen (wenn sie gerade nicht per Flatrate erhältlich sind). Man muss allerdings achtgeben, ob die Originalversion mitgeliefert wird (das ist leider wie in den Anfangszeiten von DVDs nicht selbstverständlich). Da ich nicht auf die Apple-App für meinen LG-Fernseher warten wollte, habe ich mir also zähneknirschend ein Apple TV danebengestellt und besitze inzwischen mehr digitale Filmkopien als DVDs. So habe ich etwa Shazam! fürs Heimkino bei iTunes gekauft, mit Dolby Vision, Dolby Atmos und 90 Minuten unterhaltsamen Extras. Aber mehr noch als bei aktuellen Filmen bieten die Anbieter eine Fundgrube für vergessene ältere Filme. Beim mauen Angebot des modernen Kinos finde ich immer mehr Trost beim Griff in die Klamottenkiste.



Matchstick Men sind Con-Artists, Trickbetrüger, was auch ein besserer deutscher Titel gewesen wäre als das schnöde Tricks. Roy (Nicolas Cage) und sein Protegé Frank (Sam Rockwell) gehören zu den besten ihres Fachs. Sie nehmen Geld von den Gierigen und verteilen es an die Bedürftigen (im Verhältnis 50/50). Abgesehen von diesem zweifelhaften Berufsethos könnten sie als Persönlichkeiten allerdings nicht unterschiedlicher sein. Frank ist ein extrovertierter, impulsiver Lebemann, Roy dagegen ein von Neurosen geplagter Einzelgänger mit Hygienefimmel. Das ändert sich allerdings, als die 14jährige Angela (Alison Lohman) in sein Leben tritt, eine Tochter aus einer vor langer Zeit gescheiterten Beziehung, über deren Existenz er bislang höchstens heimlich spekuliert hatte. Sie trägt Unruhe in sein Leben, Schmutz auf den Teppich und Fastfood in die Küche. Nicht dass Roys bisherige Diät gesünder war, trotz all der guten Inhaltsstoffen von Dosen-Thunfisch. Aber mithilfe seines neuen Therapeuten (Bruce Altman) beginnt er an der neuen Vaterrolle aufzublühen. Es sieht so aus, als ob jede Änderung in Roys Routine eine Besserung sein könnte. Er lässt sich sogar von Frank breitschlagen, endlich wieder einen größeren Coup zu wagen. Der dann natürlich gehörig schief geht: Wer schwimmen geht, muss damit rechnen, nass zu werden.

Embed from Getty Images

Matchstick Men war 2003 ein Flop an den Kinokassen, was ich wie so oft nicht so recht verstehe. Roger Ebert schrieb eine begeisterte ****-Rezension (seine Höchstwertung), aber die meisten Kritiker störten sich entweder an den Plotmechanismen (für mich funktioniert der Film allerdings auch noch, wenn man die Twists kennt) und der Darstellung von Nicolas Cage als psychisch labilem Sonderling. Wann immer solche psychischen Störungen ("mental illness") im Film porträtiert werden, gibt es extrem unterschiedliche Reaktionen und unversöhnliche Meinungen. Zum einen wird erwartet, dass die Störung repräsentativ für eine Patientengruppe ist, zum zweiten wird dem Darsteller schnell vorgeworfen zu chargieren. Sie wird nicht korrekt dargestellt, sie wird nicht ernstgenommen, sie wird übertrieben, das Porträt ist nicht typisch. Hier ist meine Meinung: Es gibt keine korrekte Art, eine solche Störung darzustellen. Jedes Krankheitsbild ist individuell, weder Neurotiker noch Autisten lassen sich über einen Kamm scheren. Wichtig ist mir die Konsistenz innerhalb der Erzählung. Und so verstehe ich nicht, warum das Publikum Jack Nicholson in Besser geht's nicht und Tom Hanks in Forrest Gump liebt, nicht aber Sigourney Weaver in Snow Cake oder Ben Affleck in The Accountant. Na ja, Zuschauer sind im Idealfall so individuell wie die Protagonisten.

Embed from Getty Images

Uno, dos, tres. Was Matchstick Men betrifft, find ich, dass Nic Cage Roys Neurosen sogar klug unterspielt. Regisseur Ridley Scott unterstützt den Effekt oft mit raffinierten Kamera- und Schneide-Tricks. Wunderbar auch die kontrastierende Musikauswahl, etwa mit Sinatra-Liedern (Roy besitzt natürlich eine Vinyl-Sammlung). Es ist auch spaßig, Sam Rockwell (Three Billboards) in einer frühen Rolle zu sehen, kurz nach seinem herrlichen Auftritt als Redshirt in Galaxy Quest. Kein falscher Lotteriegewinn war auch das Casting der 23jährigen (!) Alison Lohman, die die 14jährige Angela verblüffend authentisch spielt, nur mit Zöpfen und einer Zahnspange ausgestattet. Sie ist inzwischen wohl zweifache Mutter, konzentriert sich laut IMDB auf  "Coaching" und nimmt nur noch gelegentlich Rollen an - schade!

Embed from Getty Images

Wie ich schon mehrfach ausgeführt habe, ist die Filmographie von Regisseur Ridley Scott recht durchwachsen. Trotzdem ist es schade, dass es nie für den Regie-Oscar gereicht hat (nicht einmal bei Gladiator konnte sich die Akademie für ihn entscheiden). In den letzten 20 Jahren gefielen mir eher seine "kleinen" Filme, neben Matchstick Men vor allem Ein gutes Jahr (2006), eine schöne Romanze zwischen Russell Crowe und Marion Cotillard. Tricks ist bei iTunes und Amazon für kleines Geld (momentan 3,99 Euro) in HD mit OV erhältlich, in guter Bild- und Tonqualität. Sehr gut (8/10).

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen