Lindsay Ellis, Jahrgang 1984, hat in Filmschulen in New York und Los Angeles studiert und 2011 mit einem MFA (Master of Fine Arts) abgeschlossen. Seit 2008 hostet sie in verschiedenen Channeln Video-Essays mit Filmkritiken. Zeitweise war sie als Nostalgia Chick bekannt, bevor sie vor einigen Jahren mit ihrer Kollegin Angelina Meehan einen eigenen Channel gründete (Jüngere werden bemerken, dass ich mich nicht gut in dieser Medienlandschaft auskenne). Noch habe ich mich nicht allzu weit in die Vergangenheit zurückgearbeitet, aber ihre neueren Produktionen konzentrieren sich oft auf spezielle Aspekte von Filmen (und gelegentlich Fernsehserien), weniger auf die vollständige Analyse eines einzelnen Werks.
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Kennengelernt habe ich Ellis über ihre Hugo-Nominierung im aktuellen Jahr, in der Kategorie "Related Work", für ihre umfassende Analyse der Hobbit-Trilogie: The Hobbit Duology in 3 Parts. Zum ersten Mal habe ich mich benüßigt gefühlt, für diese Kategorie eine Stimme abzugeben, da ich dank des Voteres Package auch zwei weitere Beiträge gelesen habe: Jo Waltons informativ-unterhaltsame Informal History of the Hugos und Ursula LeGuins kluge Conversations on Writing. Gewonnen hat schließlich ein Regenbogen-Projekt, wie man überhaupt in diesem Jahr von den Regenbogen-Hugos sprechen kann, mit Entscheidungen, die ich persönlich absolut nicht unterschreiben kann.
Das Hobbit-Projekt fußt auf Ellis' Liebe für die HdR-Trilogie, die ihre Generation ähnlich geprägt hat wie Star Wars (oder in meinem Fall eher Star Trek) die meine. Umso größer ihre Enttäuschung über Peter Jacksons Mittelerde-Folgeprojekt. Minutiös und doch unterhaltsam erklärt sie die turbulente Entstehungsgeschichte und die verheerenden künstlerischen Konsequenzen. Für den dritten Teil ist sie dann sogar (allein, nur in Begleitung von Angelina) nach Neuseeland gereist und hat u.a. ein aufschlussreiches Interview mit John Callen geführt. Und dass dieser Name niemandem etwas sagt, spricht schon für sich, denn Callen war in der Rolle von Oin zu sehen, eines jener Zwerge, die in der Trilogie mehr und mehr zu Statisten degradiert wurden. Im Gespräch geht es vor allem um die Ausbeutung neuseeländischer Fachkräfte und das erpresserische Vorgehen der US-amerikanischen Studios, die schließlich die Bildung von Gewerkschaften verhindern und gleichzeitig noch etliche Millionen zusätzliche Steuerersparnisse bei der neuseeländischen Regierung durchdrücken konnten. Ellis' Urteil über die Hobbit-Trilogie fällt deutlich drastischer aus als meines, der ich in meiner Naivität bis zum Schluss noch gehofft hatte, dass sich zumindest eine abgerundete Geschichte aus dem Chaos schälen würde. Na ja, im Zweifel sind die Hormone Schuld, wenn ich Tauriel mochte...
Ausgehend von der Hugo-nominierten Duology habe ich mich also mal ein bisschen umgeschaut und war zunächst erschrocken von den vorherrschend behandelten Themen der letzten Jahre. Zunächst einmal hat Ellis diese Faszination mit Disney, insbesondere Disney-Trickfilmen der letzten 30 Jahre. Sie erklärt das selbst in ihrer Q&A damit, dass dies Thema ihrer ersten Seminare an der Filmhochschule war. Übrigens sind ihre Essays auch dann sehenswert, wenn man den speziellen Film selbst nicht gesehen hat oder auch je sehen möchte (etwa jener über den Glöckner von Notre Dame). Besonders aufschlussreich sind auch die kulturelle Einordnung bezüglich Rassismus- und Feminismusfragen (ohne dass das aufdringlich dogmatisch wird) und ihre Hintergrundinformationen zu den Vorgängen im Studio. Hervorzuheben ist ihr vernichtender Blick auf das Remake von Beauty and the Beast, und dabei erwähnt sie noch nicht einmal die überproduzierten, seelenlosen Neuaufnahmen der ursprünglich hübschen Lieder.
Ellis' zweite Obsession gilt merkwürdigerweise ... den Transformern. Es mag an traumatischen Kindheitserlebnissen liegen, sie scheint sich auch mit dem zugehörigen Spielzeug (eigentlich die Quelle der Tragödie) und den Comics auszukennen. Jedenfalls kann es kaum ein größeres Opfer für die Filmwissenschaft geben, als Michael Bays Transformer-Filme freiwillig mehrfach anzuschauen, wie es wohl notwendig war für ihre Reihe The Whole Plate (Transformers und Filmwissenschaften), in der sie jeweils ein theoretisches Konstrukt anhand dieser Blockbuster erörtert. Am besten hat mir dabei die Feminismus-Episode The Male Gaze gefallen, die sehr anschaulich erklärt, wie der Regisseur den Inhalt von Dialogen und Handlung untergräbt, indem er die Kamera auf die Schauwerte von Megan Fox fokussiert. Weniger gelungen vielleicht die Abhandlung über Marxismus, die doch sehr an der Oberfläche bleibt. Und dann vergleicht Ellis noch Star Wars mit der faschistischen Ästhetik von Leni Riefenstahl...
Neben diesen beiden Schwerpunkten gibt es natürlich auch immer wieder Essays zu anderen Filmen, die Ellis entweder angesprochen oder auch angewidert haben. Manchmal vermisse ich allerdings eine Leidenschaft für ihre Subjekte, ob positiv oder negativ. Selten gerät sie ins Schwärmen, meist verpackt sie ihre Gefühle in Ironie. Begeisterung ist am ehesten in ihrem Beitrag zu Guardians of the Galaxy, Vol. 2 zu bemerken, ein Film, der sie offenbar auf sehr persönlicher Ebene angesprochen hat. Manchmal versteckt sie sich auch hinter neutraler Theorie, etwa wenn sie in My Monster Boyfriend auf eine Wertung des Anlasses, nämlich The Shape of Water, komplett verzichtet und sich stattdessen in den Tiefen der (Horror-)Filmgeschichte verliert. Auf der anderen Seite kann sie vernichtend gut erklären, warum Bright der schlechteste Film der letzten zehn Jahre ist, übrigens ohne ein einziges Mal den Autor Max Landis zu nennen. Das ist natürlich Sarkasmus, sei es aufgrund seines schlechten Benehmens im Zuge der #MeToo-Bewegung oder weil eigentlich nur das Outline von ihm stammt und dann von Regisseuer David Ayer komplett verhunzt wurde. Jedenfalls stimme ich vollständig mit Ellis' Analyse überein und hatte doch auch beim zweiten Sehen großen Spaß am Netflix-Hit.
Ellis' Erfolg (mit momentan fast 800.000 Abonnenten und schon mal mehreren Millionen Abrufen pro Video) beruht natürlich auch auf ihrer Präsentation, dem satirischen Ton und dem cleveren Schnitt ihrer Co-Autorin Angelina Meehan. Wenn Ellis ein Aspekt besonders stört, hat sie eine patentwürdige Art sich zu winden etabliert. Anderseits kann sie in kürzester Zeit eine Höllenvielfalt von Informationen vermitteln. Dabei finde ich ihre Schneewittchen-Ästhetik eher zweifelhaft, mir gefällt Lindsay besser bei Aufnahmen außerhalb des Studios, mit natürlicher Hautfarbe, etwa in der örtlichen Cheese Factory (die offenbar in der Big Bang Theory katastrophal misrepräsentiert ist). Im genannten Auftritt erklärt sie übrigens das Thema Fair Use und Product Placement, welches natürlich auch zu ihrem Geschäftsmodell gehört Aber auch dies ist bei Ellis mit feiner Ironie gewürzt, wenn sie im jüngsten Video etwa wieder ihre Funyans futtert oder zum Ende auf die ihrer Faulheit entgegenkommenden Audible-Optionen von Amazon zu sprechen kommt. Schlussendlich will und soll sie natürlich auch Geld verdienen, und wer würde es ihr verübeln - insbesondere, wenn so aufschlussreiche Beiträge wie ihre jüngste Duologie zu Games of Thrones dabei rauskommt. Die sollte man übrigens wirklich erst nach der letzten Staffel anschauen!
Wem übrigens die beiden Episoden zu lang sind, gibt es hier eine kürzere, wenngleich etwas trocken erzählte Analyse aus einem anderen Channel, von Daniel Netzel (selbstverständlich ebenfalls mit Spoilern):
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