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Samstag, 25. Mai 2019

Valar morghulis

Menschen denken in Geschichten.

So Tyrion Lannister, schillerndste Fernsehfigur der letzten zehn Jahre, und wer wollte ihm widersprechen? Auch wenn seine Weisheit als Hand der Königin doch arg gelitten zu haben scheint.

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Menschen tendieren dazu, Geschichten nach ihrem Ende zu beurteilen, dem Ausgang. Am beliebtesten ist das Happy End ("und wenn sie nicht gestorben sind...") Dieses Prinzip wird auch gern auf die Realität angewandt. Eine nach zwanzig Jahren geschiedene Ehe gilt als gescheitert, auch wenn sie vielleicht 18 Jahre lang glücklich war, bis die Partner sich auseinander gelebt haben. Ein Kriegsverbrecher bekommt mit 90 Jahren doch noch seine gerechte Strafe, auch wenn er bis dahin den Häschern entkommen konnte. Und umgekehrt: Hauptsache, man versöhnt sich vor dem Tode noch mit seinen Angehörigen, auch wenn man sich zuvor jahrzehntelang nur gezankt hat.

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Wie das Leben, so sind auch die besten Geschichten nicht derart schematisch. Und wer erinnert sich schon daran, wie die Odyssee endet? So kann mir auch eine lausige achte Staffel die Freude an Game of Thrones nur kurzzeitig nehmen. Übrigens ist nicht der Ausgang an sich lausig, sondern nur die Art, wie D&D (David Benioff und Daniel B. Weiss) darauf hinarbeiten. Die Scripte der finalen Staffel wirken so, als ob sie per Malen nach Zahlen entstanden sind. Erst wurden die Eckpunkte definiert, und dann hat man sie dilettantisch verbinden lassen. Das Dilemma Gärtner vs. Architekt haben andere schon ausführlich erhellt. Leider führt die Vorgehensweise dazu, dass jegliche emotionale Bindung zu den Figuren verlorengeht. Lediglich in der zweiten Episode (A Knight of the Seven Kingdoms) gab es ein paar rührende Momente. Entgegen den IMDB-Wertungen ist die allerletze Episode dann für mich nicht die schlechteste (ich würde sie mit 6/10 bewerten), aber insgesamt sind die Zuschauermeinungen vernichtend und können von D&D auch nicht auf Dauer geleugnet werden (auch wenn trotz 1,5 Millionen Unterzeichnern der Petition die achte Staffel nicht neu gedreht werden wird). D&D selbst haben offenbar soviel Plot Armour angehäuft, dass sie nun mit der Fortsetzung der Star-Wars-Saga beauftragt wurden. Noch ein Projekt, das mich nicht die Bohne interessiert.

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Der Titel der Abschlussfolge, The Iron Throne, sagt eigentlich schon alles. Game of Thrones war in der Buchreihe A Song of Ice and Fire nur der Titel des ersten Bandes. Es ging in der Saga nie darum, wer am Ende auf dem eisernen Thron landet. So gehen in der letzten Staffel auch alle Metaphern flöten. Die Bedrohung durch die White Walkers kann schließlich auch als Personifizierung einer Klimakatastrophe interpretiert werden, die von den Menschen inmitten ihrer Machtintrigen ignoriert oder sogar instrumentalisiert wird ("Das Chaos ist eine Leiter!") Davon bleibt am Ende leider nichts übrig (und müssten wir am Ende nicht immer noch Winter haben?) Und auch wenn Meister Martin Fantasy-Konventionen untergraben will, muss Foreshadowing doch einen Payoff haben (sorry für die Anglizismen). In Hardhome sieht der Nachtkönig in Jon Snow wenn nicht einen gefürchteten Targaryen, dann zumindest einen ernstzunehmenden Gegner (erst recht, nachdem dieser durch Melisandre von den Toten erweckt wurde). Leider verraten D&D diese spannende Beziehung zugunsten einer Teenager-Romanze. Und auch wenn man Prophezeiungen und Mythen durchaus als Humbug entlarven darf, ergibt die Geschichte des dreiäugigen Rabens am Ende keinen Sinn. Vielleicht existiert dieser in den Köpfen von D&D, er ist am Bildschirm aber nicht zu erkennen. Auch wenn es genug Fans gibt, die uns das nachträglich zu erklären versuchen - es gilt das gesprochene Wort (bzw. das gezeigte Bild).

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So reiht sich Game of Thrones ein in die Top-Serien mit schwachem Finale und ist damit in guter Gesellschaft: Die zweite Staffel von Twin Peaks war durchwachsen bis zum fulminanten Ende, zu dem sich Schöpfer Mark Frost und David Lynch noch einmal zusammenrauften. The West Wing bot nach dem Weggang von Aaron Sorkin nur noch ein Schattenkabinett, Buffy hätte besser nach Staffel 5 geendet (auch wenn wir dann auf das Geschenk Once More, With Feeling hätten verzichten müssen). Auch Lost wird gern zum Vergleich herangezogen, aber dessen Ende hat mich persönlich nicht besonders gestört (die offensichtliche Erklärung war für mich durchaus ausreichend). Bei den besten Fernsehserien geht es halt nicht um das Ziel, sondern um die Reise und die Wegbegleiter. Und  in dieser Hinsicht wird Game of Thrones lange unübertroffen bleiben.

Valar dohaeris.

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