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Sonntag, 24. November 2019

Aus der Klamottenkiste gestreamt: Mumford (Lawrence Kasdan, 1999: 9/10)

Es gibt zwei Persönlichkeitstypen, die Psychologen werden wollen. Die einen wollen ihre Mitmenschen verstehen lernen, was aber kein Studium vermitteln kann. Die anderen haben bereits einen gutes Verständnis ihrer Mitmenschen und wollen dieses auf eine anerkannte Grundlage stellen. Bei diesen kann man nur hoffen, dass ihnen das Studium ihre Instinkte nicht mit theoretischen Modellen übertüncht.



Zum zweiten Typ gehört definitiv Dr. Mumford (Loren Dean), der eines Tages in der Kleinstadt Mumford auftaucht und eine psychotherapeutische Praxis eröffnet. Seine Instinkte sind unverfälscht, denn tatsächlich hat er sein Studium, seine Zeugnisse und Zertifikate erfunden. Trotzdem hat er schnell eine florierende Praxis, denn er kann zuhören und bringt selbst für die merkwürdigsten Macken Verständnis auf. Da ist der Apotheker Henry (Pruitt Taylor Vince), dessen romantisch-sexuellen Phantasien als Film im Film in elegantem Schwarzweiß inszeniert sind (tatsächlich beginnt Mumford mit einer solchen Sequenz, mit Henrys Voiceover im Stil von Marlowe, wobei sein Alter Ego eine, sagen wir, stark idealisierte Version seiner selbst ist). Da sind die Goth-Schülerin Nessa (Multitalent Zooey Deschanel in ihrer ersten Rolle), die Mumford unentgeltlich behandelt (pro Boner, wie Nessa sarkastisch bemerkt),  Besserwisser-Anwalt Lionel (Martin Short), die frustrierte Hausfrau Althea (Galactica-Präsidentin Mary McDonnell) mit einem Shopping-Problem, und Tech-Billionär Skip, der vom Patienten zu Mumfords Freund wird. Ex-Profi Jason Lee zeigt als Skip nebenbei ein paar Skateboard-Kunststücke, aber er hat noch eine größere Überraschung in der Garage...

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Zu Mumfords wichtigster Patientin wird allerdings die chronisch erschöpfte Sofie (Hope Davis), die er mit Spaziergängen und anregenden Unterhaltungen wieder auf die Beine bringt. Und natürlich entwickelt sich mehr zwischen Therapeut und Patientin als die Regularien erlauben. Zu den genannten Personen gesellen sich noch Alfre Woodard als Mumfords hübsche Nachbarin, Ted Danson als Altheas egomanischer Ehemann sowie David Paymer und Jane Adams als Mumfords misstrauische Kollegen. Fürwahr eine illustre Gesellschaft.

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Mumford ist also eine romantische Komödie, aber auch so viel mehr. Der deutsche Verleihtitel Dr. Mumford verkürzt dies leider, denn gleichberechtigt neben dem Doktor steht die Kleinstadt Mumford im Zentrum der Handlung, oder vielmehr ihre Bewohner. Die meisten von Lawrence Kasdans Regieprojekten zwischen 1981 und 1999 sind solche Ensemble-Werke, sorgfältig konstruiert und besiedelt mit faszinierenden Figuren, die leicht stilisiert und doch erkennbar menschlich gezeichnet sind. In seinen besten Filmen erzielte Kasdan einen Realmärchen-Effekt, der dem Zuschauer das Herz erwärmt, ohne kitschig zu wirken. Glanzstück dieser Phase ist Der große Frust (The Big Chill, 1983), der zu meinen zwanzig Lieblingsfilmen zählt. Ähnlich gelungen sind Silverado (1985) und Grand Canyon (1991). Nebenbei war er als Autor noch an ein paar kleinen Filmen beteiligt, Abenteuergeschichten wie Raiders of the Lost Ark und The Empire Strikes Back. Er schrieb auch das Drehbuch zu Bodyguard (1992) mit Kevin Costner und Whitney Houston. Vielleicht wäre das unter seiner eigenen Führung toll geworden, aber unter Mick Jackson wurde die  Kitsch-Schmonzette zwar zum Kassenerfolg, kann heute aber höchstens als Guilty Pleasure genossen werden.

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Mumford wollte im Kino niemand sehen. Vielleicht liegt es am unscheinbaren Hauptdarsteller-Paar Loren Dean und Hope Davis, die zwar wunderbar agieren, denen aber ein Quentchen Star-Qualität fehlt. Unvorstellbar allerdings, dass Johnny Depp für die Hauptrolle im Gespräch war. Das wäre ein komplett anderer Film geworden, und wahrscheinlich kein besserer. Kritiker packen den Regisseur Lawrence Kasdan gern in die Ecke Kunsthandwerk. Ist das die Strafe für wohlkonstruierte Geschichten und humanistische Botschaften? Immerhin sind ein paar Oscar-Nominierungen abgefallen, für die Drehbücher von Der Große Frust, Grand Canyon und Die Reisen des Mr. Leary (Accidental Tourist, 1988). Für letzteren gewann "Thelma" Geena Davis übrigens ihren Oscar als beste Nebendarstellerin. Immerhin vergab Roger Ebert für Mumford 4,5/5 Sternen, mehr als für Der große Frust (2,5/5). Vielleicht war er in der Zwischenzeit auf den Geschmack gekommen. Meine Wertung: Herausragend (9/10).

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Mumford ist nicht als Blu-ray erhältlich, dafür aber in tadelloser HD-Qualität mit deutschem und Originalton bei iTunes. Amazon Prime bietet nur die deutsche Fassung, andere Anbieter ebenfalls die OV. Siehe die informative Seite Wer streamt es?

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