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Samstag, 16. November 2019

Von vorgestern: Yesterday (5/10)

Eine Welt ohne die Beatles kann ich mir nicht vorstellen, aber ob sie so aussehen würde wie in Yesterday? Darin ist der Endzwanziger Jack Malik nach einem globalen Blackout offenbar der einzige, der sich an die Fab Four erinnern kann. Als (erfolgloser) Singer-Songwriter kann er etliche ihrer Klassiker rekonstruieren und kommt damit mächtig ins Geschäft. Merkwürdig, dass ihm ausgerechnet Can't Buy Me Love nicht einfällt, denn dieser frühe Titel enthält die bescheidene Moral des Films. Kleiner Gag am Rande: An seiner Pinwand mit den möglichen ausschlachtbaren Songs steht auch John Lennons Soundcollage Revolution No. 9...



Der aus Cambridgeshire stammende TV-Darsteller Himesh Patel ist keine schlechte Wahl für die Hauptrolle. Er singt und spielt alle Lieder selbst. Yesterday zur Gitarre und The Long and Winding Road am Klavier klingen hübsch, Back in the USSR rockt ganz gut ab, aber oft gehen die Nuancen flöten. Mit am besten gefiel mir übrigens seine gefühlvolle Something-Darbietung in der James-Corden-Show (inspiriert vom künftigen Bond-Girl Ana de Armas), die leider aus dem ohnehin schon zu langen Film rausgeschnitten wurde (zu sehen in den Extras der UHD-Blu-ray). Dazu ist es unwahrscheinlich, dass die frühen Knaller wie She Loves You und I Want To Hold Your Hand ein heutiges Publikum noch elektrisieren könnten. Jacks Help-Version schließlich klingt fast wie ein Grunge-Song und wäre damit vielleicht schon wieder hitfähig. Aber insgesamt halte ich es für eine Utopie, dass die rohen Songs bei Millennials eine Resonanz erzeugen könnten, auch wenn eine super aufgelegte Kate McKinnon (Ghostbusters) als Marketingspezialistin ihr übelstes tut, um Jacks eher an Bob Dylan angelehnte Persona den Massen zu verkaufen.

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Überhaupt glaube ich nicht an den Verlauf der Ereignisse. Im Film wird Superstar Ed Sheeran über einen lokale TV-Auftritt auf Jack aufmerksam und nimmt ihn fürs Vorprogramm mit auf Tour, bevor die Amerikaner ihn vereinnahmen. In der Realität hätte das Studio Jack wahrscheinlich in einen Kellerraum gesetzt und Songs schreiben lassen, die dann von Taylor Swift und anderen Stars mit markttauglichem Image verwurschtelt worden wären - und dabei wären sicherlich schlimmere Dinge rausgekommen als "Hey Dude". Jacks Karriereverlauf dient im Film allerdings nur als Hindernis in der Romanze mit seiner Jugendfreundin Ellie (Lily James aus Mamma Mia: Here We Go Again). Und ach, ist das alles brav, fast möchte ich sagen, feige konstruiert: You've Got To Hide Your Love Away! Einzig nette Idee ist es, Robert Carlyle als einen 76jährigen, abgeklärten John Lennon auftreten zu lassen (der ohne Ruhm natürlich nicht mit 40 von einem enttäuschten Fan erstochen wurde), auch wenn er am Ende doch nur die übliche Weisheit von sich gibt: All You Need is Love!

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Yesterday ist ein gutes Beispiel für destruktive Interferenz im Filmgeschäft. Da gab es eine nette Idee vom TV-Autor Jack Barth, die in die Hände von Romantik-Routinier Richard Curtis geriet. Der variiert aber inzwischen nur noch sein geniales Frühwerk, mit stark abfallenden Ergebnissen. Jack Malik hat weder den spitzbübigen Charme von Hugh Grant in Vier Hochzeiten und ein Todesfall noch dessen schrulligen Freundeskreis aus Notting Hill (Joel Fry als Jacks Roady Rocky ist wirklich eine schlechte Kopie von Rhys Ifans Spike) noch dessen unbeholfenenTanzkünste aus Tatsächlich... Liebe. Und nachdem Curtis mit seinen jüngeren Regieleistungen Radio Rock Revolution und Alles eine Frage der Zeit kommerziell nicht überzeugen konnte, wurde nun ausgerechnet Danny Boyle als Regisseur angeheuert, dessen trocken-realistischer Humor aus Trainspotting und Tontaubheit aus Slumdog Millionaire sich kaum stärker von Curtis' Empfindsamkeit unterscheiden könnten. Die Making-Of-Featuretten wollen uns weismachen, dass die beiden an einem Strang gezogen haben - höchstens im Sinne eines Seilziehen-Wettbewerbs. Curtis wird nächstes Jahr 64, und Paul McCartneys berühmte Frage müssen wir wohl mit Nein beantworten: Will you still need me, will you still feed me, when I'm 64? Annehmbar (5/10).

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