Wie ich höre, ist Lady Gaga bei Jugendlichen bereits seit Jahren recht beliebt. Trotz des albern-provokanten Namens wird ihr Stern nun wohl auch bei Erwachsenen aufgehen. Was zu putzigen Normalisierungsversuchen führt, wenn etwa die IMDB-Biographie den Bühnenalias in Vor- und Nachnamen zerlegt ("Gaga was born in 1986..."). All I hear ist Radio Gaga. Welch eine tolle Stimme der Paradiesvogel hat, konnte man spätestens bei den Academy Awards 2015 erleben, als sie mit ihrem Medley zum 50jährigen Jubiläum von The Sound Of Music Dame Julie Andrews zu Tränen rührte.
Die erste Verfilmung von A Star Is Born gab es bereits 1937, damals mit Janet Gaynor und Fredric March. Sie war noch nicht im Musikgeschäft, sondern im Hollywood-Sumpf angesiedelt. Was folgte, würde ich nicht als Remakes sehen, sondern als den jeweiligen Zeitgeist spiegelnde Neuverfilmungen dieser archetypischen Geschichte des alternden Stars und des jungen Starlets (ähnliches gilt übrigens in einem ganz anderen Genre auch für die diversen Varianten von Die Invasion der Körperfresser). 1954 gab es dann bereits Gesangseinlagen, selbstverständlich, da die fabelhafte Judy Garland die Hauptrolle spielte (neben James Mason, der glücklicherweise aufs Singen verzichtete). Das Ergebnis gehört nicht zu meinen Lieblingsfilmen mit Judy, dafür ist es zu traurig. In beiden Filmen waren die Hauptdarsteller jeweils für Oscars nominiert, was sich 1976 definitiv nicht fortsetzte. An die nun fest im Music Business verwurzelte Variante mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson kann ich mich nicht erinnern, es muss aber ein ziemliches Debakel gewesen sein. Trotzdem hat sich Bradley Cooper nun bei seiner eigenen Verfilmung (er führte Regie und schrieb auch am Buch mit) wohl grob an diesem Vorbild orientiert. Macht nichts, es kommt ja aufs Ergebnis an.
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Barbra Streisand war 1976 kein Hollywood-Neuling, ihr Debut hatte sie bereits 1968 in Funny Girl mit einer erstaunlich naturalistischen Darstellung der Komödiantin Fanny Bryce, für die sie gleich einen Oscar gewann (den sie sich kurioserweise mit Katharine Hepburn "teilen" musste). Wie auch immer, sie hat nie wieder mit ähnlicher Leichtigkeit agiert wie in ihrem Erstling. Lady Gaga hat mit Streisand zumindest die nicht normgerechte Nase gemein (wird im Film thematisiert, nur dass niemand meint, ich würde jetzt gehässig Details kommentieren). Mal sehen, wie ihr es in Zukunft ergeht. Für die Neuauflage A Star Is Born gut 40 Jahre später scheinen jedenfalls die Oscar-Nominierungen für die beiden Hauptdarsteller sicher.
Zumindest die erste Stunde des Films ist sensationell. Die erste Überraschung: Bradley Cooper gibt einen absolut überzeugenden Country-Rocker ab, mit charismatischem Gesang und solider (gemimter?) Gitarrenarbeit. Auch Jacks Sprechstimme hat Cooper deutlich tiefergelegt und erinnert überhaupt nicht mehr an den galaktischen Waschbären Rocket. Jackson "Jack" Maines' Bühnenshow hat Cooper wohl mit Willy Nelsons Sohn Lukas einstudiert, und es hat sich gelohnt. Die knackigen Gitarren und präzise handgemachten Rhythmen machen einfach Spaß. Dann, wie aus einer Parallelwelt, entdeckt Jack in einer Schwulenbar, in die er sich auf der Suche nach einem Drink verirrt, die singende Kellnerin Ally. Ihrem "La Vie en Rose" mangelt es vielleicht ein wenig an Subtilität, dafür schmettert Lady Gaga Edith Piafs berühmtes Chanson kraftvoll und mit ordentlicher französischer Aussprache. Wie sich Jack und Ally zögerlich ineinander verlieben, ist so wunderschön mit der musikalischen Entdeckungsreise der beiden verquirlt, wie man es seit Once nicht mehr gesehen hat. Und die Wirkung verdoppelt sich noch, weil der Zuschauer gemeinsam mit Jack diese ungewöhnliche Frau kennenlernt, die (auch abgesehen von der Nase) so gar nicht den Hollywood-Idealen entspricht und doch eine magische Ausstrahlung hat (ich bin versucht, sie mit der Garbo zu vergleichen, aber ich will mich auch nicht komplett blamieren).
Leider rückt dann irgendwann Jacks Alkohol- und Drogensucht in den Mittelpunkt (hier kann der Sexiest Man Alive von 2011 aus persönlichen Erfahrungen schöpfen). Man merkt, dass dies Bradley Coopers Prestigeobjekt ist, welches ihm endlich (nach vier Nominierungen) den Oscar bringen soll. Das ist alles kompetent erzählt, aber es zwingt Lady Gaga in der zweiten Hälfte fast in eine Nebenrolle. Und trotz der Laufzeit von 136 Minuten wirkt die Entwicklung plötzlich überhastet. Wir bekommen ein wenig Küchenpsychologie präsentiert, dabei hätten Jacks Gehörprobleme als Motivation völlig ausgereicht. Auch Jacks Beziehung zu seinem älteren Bruder Bobby bleibt trotz des grandiosen Sam Elliott (der Cowboy aus The Big Lebowski) vage. Und wie steht der Film zu Allys schauderhaften "Performance" bei Saturday Night Live (präsentiert von Alec Baldwin)? Ist das der Ausverkauf, den ich darin sehe, oder der umjubelte Publikumserfolg, der zum Grammy-Gewinn führen soll? Dass Allys Haare am Ende rot statt blond sind, kann ja kaum als Triumph gefeiert werden. Jedenfalls hat mich die Tragödie der zweiten Hälfte lange nicht so bewegt wie die Romanze der ersten. Daher ist meine Wertung ein wenig zwiespältig: Sehr gut (8/10).
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