Am 21. Juli 1969, ich war noch keine vier Jahre alt, weckten mich meine Eltern mitten in der Nacht und setzten sich mit mir vor den Fernseher. Da flimmerten nun die Bilder der ersten Mondlandung, natürlich noch von einer antiquierten Schwarzweiss-Röhre, Angeblich gab es weltweit 600 Millionen Zuschauer, gefühlt die Hälfte der Menschheit. Direkte Erinnerungen an das historische Ereignis habe ich trotzdem nicht, führe aber meine spätere Leidenschaft für Raumschiffe und Science Fiction durchaus auf diese frühkindliche Prägung zurück. Eigentor für meine Eltern, die diese Literaturgattung eher für schädlich hielten...
Zum historischen 49jährigen Jubiläum erzählt nun der jüngste Oscar-prämierte Regisseur Damien Chazelle (er ist erst 33) nach einer Drehbuch-Adaption von Oscar-Gewinner Josh Singer (Spotlight) den Aufbruch zum Mond. Oder tut er das?
Auf mich wirkte der Film eher wie ein dröges Familiendrama mit ein paar Ausflügen ins All. Der Originaltitel trifft es daher ein wenig besser: Ryan Gosling spielt tatsächlich den First Man. Nicht Adam, aber immerhin Neil Armstrong, den ersten Menschen, der seinen Stiefelabdruck in den Mondstaub setzte. Leider traf er nicht auf die Arkoniden Crest und Thora mit ihrem havarierten Raumschiff, was in einer Parallelwelt Perry Rhodan passierte (übrigens erst zwei Jahre später, gemäß "Kanonenherbert" K.H. Scheers vorsichtiger Vorstellungskraft). Aber die Realität wirkt im Finale des Films eindrucksvoll genug, schließlich hat man gewaltige IMAX-Kameras auf den Mond geschossen, um Armstrongs Giant Leap und Buzz Aldrins Tänzchen in der geringen Schwerkraft des Trabanten nachzustellen (Corey Stoll ist einer der wenigen Nebendarsteller, die einen Eindruck hinterließen). Trotzdem - bei diesem technischen Aufwand hätte ich schon erwartet, dass die eine oder andere Amazone auf der Leinwand verewigt worden wäre. Aber nein, wieder nur der Mann im Mond.
Leider hat das fulminante Finale das technische Budget wohl fast ausgeschöpft, denn für den Rest der 140 Minuten laangen Laufzeit konnte man sich offenbar nicht einmal ein Stativ leisten. Die Wackelkamera mit ihren überhasteten Schwenks, für die Raketenstarts durchaus ein passendes Stilmittel, verträgt sich nicht gut mit der IMAX-Leinwand (und sorgte bei vielen Zuschauern für Übelkeit). Im Kontrollzentrum und in der Vorstadtidylle der Astronautenfamilien ist sie erst recht fehl am Platz. Ähnlich sporadisch hat mich das Sounddesign überzeugt, das bei den Raketenstarts nicht den erwarteten Wumms hat, gelegentlich interessante ätherische Effekte bietet, aber ansonsten ähnlich motivationslos zusammengekleistert erscheint wie der Bildschnitt. Die Walzeruntermalung zu den Bildern im Orbit soll möglicherweise als Hommage an Kubrick verstanden werden, erzeugt aber nie den unnachahmlichen Sog des Weltraumballetts in 2001: Odyssee im Weltall. Spannend fand ich allerdings das akribisch nachempfundene Design der fast improvisiert zusammengenieteten Module, aus heutiger Sicht eher primitiv als futuristisch.
Embed from Getty Images
Viel Geld ist immerhin noch in die Besetzung geflossen, darunter Kyle Chandler, Ciarán Hinds, Jason Clarke, Patrick Fugit und Lukas Haas. Die bekannten Gesichter sind aber auch notwendig, denn das Drehbuch gibt ihnen kaum Raum zur Entwicklung. Als (brüchiger) roter Faden dienen Armstrongs Hadern mit dem Krebstod seiner zweijährigen Tochter und die aus seiner nüchtern-zurückgezogene Haltung resultierenden Eheprobleme. Als seine resolute Ehefrau wirkt Claire Foy ziemlich anstrengend, was ich aber eher dem Buch als der Darstellerin anlasten möchte.
Embed from Getty Images
Ansonsten kann ich eigentlich keinen Handlungsbogen erkennen. Es werden beliebige Ereignisse aus den Jahren 1961 bis 1969 aneinandergereiht. Dabei werden hochinteressante Wegmarken im NASA-Programm ausgespart, so das erste Umkreisen des Mondes 1968 (There is no dark side of the moon, really. Matter of fact, it's all dark). Es wird auch nicht klar, welche besonderen Fähigkeiten Armstrong hatte und warum er als Kommandant von Apollo 11 ausgewählt wurde. Man sieht ihn nur ein paar Schalter umlegen und einen Joystick bedienen, was die heutige Gamergeneration sicher nicht beeindrucken wird. Es mag Absicht sein, den Thriller-Aspekt des Wettrennens zwischen UdSSR und USA zu ignorieren, ebenso die Unterspielung der heroischen Momente. Aber wenn man auf traditionelle Erzählweisen und Stilmittel verzichtet, muss man dem Zuschauer doch einen angemessenen Ersatz bieten. Ansonsten verkommt Avantgarde zum reinen Trotzexzess.
Embed from Getty Images
Kritikerliebling Damien Chazelle hat sich bei mir im Raktentempo zum unbeliebtesten Regisseur des letzten Jahrzehnts gemausert. Nach Whiplash und LaLaLand nun also Aufbruch zum Mond, nicht gerade Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten. Die technischen Herausforderungen der Raumfahrt sind viel besser in Hidden Figures thematisiert, das Abenteuer ist viel unterhaltsamer in Ron Howards Apollo 13 fühlbar, die Heldenbiographien prägnanter in The Right Stuff. Das Publikum ist diesmal auf meiner Seite, das (mittelschwere) 60-Millionen-Dollar-Projekt floppt gerade an den Kinokassen. Mit dem Oscar für Ryan Gosling wird es wohl wieder nichts, Favorit ist momentan ohnehin Rami Malek als Freddy Mercury (Bohemian Rhapsody habe ich mir ob lauer Kritiken vorerst gespart). First Man wird wohl trotzdem als Bester Film ins Rennen gehen. Für mich war's gerade noch Erträglich (4/10).
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen