Und noch mehr Trommelwirbel! Nach der teils aufdringlichen Untermalung in Birdman kommt mit Whiplash nun die Geschichte des jungen Schlagzeugers Andrew (Miles Teller), der an der Top-Musikschule der USA in das prestigeträchtige Jazz-Orchester des berühmten Bandleaders Fletcher (J. K. Simmons) aufgenommen wird. Es entwickelt sich ein packendes Psychoduell zweier besessener Persönlichkeiten, das allerdings an einer Übertreibung der Geschehnisse und den unsympathischen Hauptfiguren leidet.
Mit der Realität von Jazz-Musikern hat die Geschichte wenig zu tun, obwohl sie angeblich auf Erfahrungen des Regisseurs beruht. Fletcher treibt seine Schüler zu Höchstleistungen an, mit Demütigungen, Erniedrigungen, psychischer und physischer Gewalt. Er ist auf der Suche nach einem Genie vom Range Charlie Parkers und geht dabei als Einpeitscher fast buchstäblich über Leichen. Im Unterricht legt er aber offenbar nur Wert auf Tempo und Präzision, Musikalität scheint keine Rolle zu spielen. Das wirkt besonders ironisch, wenn man ihn später in einem Jazzclub entspannt am Piano erlebt. Viele Kritiker haben ihn mit einem Drill-Sergeant verglichen, aber bei der Armee gibt es Gründe, warum Kreativität in den unteren Rängen nicht gefragt ist...
Andrew möchte "der Größte" werden, dafür spielt er sich die Hände blutig und vernachlässigt alles, was ihn bei der Erreichung seines Ziels stören könnte. So stößt er seine nette neue Freundin bald wieder ab, denn vom Leben will er sich nicht ablenken lassen. Wo aber bleibt die Liebe zur Musik? Und kann eine Combo funktionieren, die aus eingeschüchterten Duckmäusern besteht? Am Ende will Fletcher seinen aufbockenden Musterschüler bloßstellen, aber Andrews Siegeswille führt ihn trotzdem zum Triumph. Das hört sich eher nach einem Sportfilm an, und die Absicht des Regisseurs bleibt nebulös. Allerdings kann man leicht Parallelen ziehen zum aktuellen Prominenzwahn. Gemäß dem neuen amerikanischen Traum suchen alle die Abkürzung zur Berühmtheit. Dazu muß man möglichst schnell möglichst viele Menschen beeindrucken. Show ist alles, Talent und gewiß die Kunst bleiben auf der Strecke. Aber ich bin mir sicher: Charlie Parker wollte nicht der Größte sein, er wollte die bestmögliche Musik spielen.
Whiplash ist erst der zweite Langfilm des gerade 30jährigen Regisseurs und Autors Damien Chazelle. Er ergatterte nicht nur Oscar-Nominierungen für den Besten Film und das beste adaptierte Drehbuch (die Akademie ist der Ansicht, der Langfilm beruhe auf dem Kurzfilm, den Chazelle mangels Budget zuvor abgedreht hatte), er steht in der IMDB-Beliebtheitsskala momentan auf Platz 38 Das sehe ich als ein Beispiel dafür, daß oft nicht das Werk selbst, sondern sein vermeintlich wichtiges Thema bewertet und dabei mißverstanden wird. Wenn etwas Gutes dabei herauskommt, dann immerhin der Oscar für J. K. Simmons. Eigentlich ein ebenbürtiger Antagonist, ist er doch nur für die beste Nebenrolle nominiert und in dieser Kategorie klarer Favorit. Das sei dem vielbeschäftigten 60jährigen gegönnt, denn es gelingt ihm, seine Figur doch mit genug Menschlichkeit auszustatten, daß man ein gewisses Mitgefühl entwickelt. Daneben ist er seit Jahrzehnten für seine Charakterrollen bekannt, oft mit brillantem trockenen Humor. Er war der CIA-Vorgesetzte in der Coen-Farce Burn After Reading ("Burn the body. Get rid of it!") und Junos sarkastisch-liebevoller Vater - kein Zufall, denn er war bei allen Filmen von Jason Reitmann dabei. Auch bei Whiplash war Reitman beteiligt, wenn auch nur als Executive Producer.
Eine fragwürdige Botschaft spannend präsentiert - schwer nachvollziehbare Figuren, aber gut gespielt - wie ist das in Punkten zu messen? Ich entscheide mich für eine Mischwertung, auch als Protest, denn zu den 250 besten Filmen aller Zeiten gehört dieser bestimmt nicht: Ordentlich (6/10).
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