Neuinterpretationen klassischer Märchen liegen im Trend. Von der vorsichtig modernisierten, durchaus spaßigen Trickfassung von Rapunzel (im Deutschen mit dem unsäglichen Untertitel "neu verföhnt") bis hin zur dämlichen Horroraction (Hänsel und Gretel: Hexenjäger - kein Witz) gibt es die verschiedensten Ansätze. Von den Disney-Studios selbst kam letztes Jahr das interessante, aber doch enttäuschende Fantasy-Abenteuer Maleficent, Dornröschen aus der Sicht der doch nicht so bösen Hexe Angelina Jolie. Den Zeichentrick-Klassiker von 1959 halte ich zwar eher für langweilig, aber immerhin hat es der fantastische Titelsong "Once Upon a Dream" in die Realfilm-Neuauflage geschafft, berückend gesungen von Lana Del Rey.
Nun hat sich Disney an die Verfilmung des Broadway-Hits Into the Woods gewagt. Das Stück mischt Motive aus Aschenputtel, Jack und die Bohnenstange, Rapunzel und Rotkäppchen zu einer nicht jugendfreien, düster-ironischen Geschichte. Das weiß ich allerdings nur aus zweiter Hand, denn natürlich macht der Film daraus brave, ob der Auslassungen leicht verwirrende Familienunterhaltung. Manchmal ist es trotzdem noch verblüffend spaßig, wie die Märchenkonventionen dekonstruiert werden. So funktioniert die Rettung von Rotkäppchen und ihrer Großmutter aus dem Bauch des Wolfes (nicht durch den Jäger, sondern einen Bäcker) nur als surreale Traumsequenz. Und daß Aschenputtel mit Vögeln sprechen kann, sorgt bei ihren Freunden doch für Verwunderung.
Übrigens, und bereits der Trailer verschwieg das verschämt, handelt es sich um ein Musical, ohne Tanz oder Choreographien, aber gelegentlich schwillt die Orchesteruntermalung an, und die Schauspieler wechseln unmotiviert in ihre Singstimme. In Opern gibt es ja Passagen, in denen die Sänger Luft holen können und die Handlung per Sprechgesang vorantreiben. Into the Woods besteht nur aus solchen Passagen, als ob man die eigentlichen Lieder herausgeschnitten hätte. Komponist Steven Sondheim wäre wohl besser bei seinen Libretti (z.B. für West Side Story) geblieben. Zwar gewann er 1991 einen Oscar für den farblosen Dick Tracy-Song "Sooner or Later", aber musikalisches Talent kann ich bei ihm nicht entdecken. Ähnliches gilt für das ebenfalls von ihm verbrochenen Sweeney Todd, bei dessen Verfilmung Tim Burton immerhin einen Teil des Schwarzen Humors retten konnte.
Regisseur Rob Marshall kongeniale Inszenierung des Broadway-Hits Chicago (mit Richard Gere, Catherine Zeta-Jones und Renée Zellweger) verhalft dem Genre 2002 zu einer kleinen Renaissance, der Oscar für den Besten Film kam über 30 Jahre nach dem letzten preisgekrönten Musical (Carol Reeds bravem Oliver!). Danach allerdings ist ihm nichts Ordentliches mehr gelungen, und dieses Jahr gab's keine nennenswerten Nominierungen (Meryl Street erscheint inzwischen automatisch auf dem Stimmzettel, das hat nichts zu bedeuten). Sein offenbar unter dem Einfluß von Halluzinogenen entstandener Fellini-Verschnitt Nine verheizte 2009 Stars wie Daniel Day-Lewis, Penélope Cruz, Sophia Loren, Nicole Kidman, Judi Dench, und Marion Cotillard.
Auch diesmal geben sich Berühmtheiten die zweifelhafte Ehre. Am besten komm dabei Emily Blunt (Edge of Tomorrow) weg, der ich persönlich für ihre unverkrampft-witzige Darstellung am ehesten eine Nominierung gegeben hätte. Dann ist da "Captain Kirk jr." Chris Pine als Prinz, der gemeinsam mit seinem Bruder in einer zugegeben (unfreiwillig?) lustigen Szene seiner "Agony" Ausdruck gibt (Rapunzel und Aschenputtel wollen nicht so wie die Königssöhne). Die Talente von Christine Baranski (Mamma Mia, Cybill) und Tracey Ullman sind in winzigen Rollen verschwendet. Johnny Depp hat einen unbehaglich-schrägen Cameo als pädophiler "Wolf", und Meryl Streep, mit 65 Jahren in ihrer ersten Hexenrolle, agiert angemessen exzentrisch und punktet (seit Mamma Mia bekanntermaßen) mit der besten Singstimme. Und dann ist da Anna Kendrick als Aschenputtel. In Up in the Air war sie perfekt in der Rolle des jungen It-Girls (und bekam eine Oscar-Nominierung), aber seitdem habe ich eine gewisse Abneigung gegen sie entwickelt. Ausschlaggebend sind nicht ihre (winzigen) Auftritte in der Twilight-Saga, sondern vielleicht eher ihr gelackten Aussehen und ihre metallische, nach Autotune klingende Singstimme, die mich bereits in Pitch Perfect ziemlich gequält hat.
Trotz allem hat Disney mit dem Endprodukt einen kommerziellen Erfolg landen können, und einen gewissen Unterhaltungswert will ich auch nicht abstreiten. Daher noch knapp Annehmbar (5/10).
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