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Dienstag, 10. Februar 2015

Abgehoben: Michael Keaton als "Birdman" (7/10)

Bereits in den 60ern stellt Paul Simon in "The Dangling Conversation" die provokante Frage: "Is the theatre really dead?" (Joan Baez interessierte das so wenig, daß sie die Zeile durch "Is the church really dead?" ersetzte). Tatsächlich hat das Theater im Zeitalter des Kinos einen schweren Stand und könnte als überholte, prätentiöse Kunstform für eine kleine Elite verstanden werden. Anderseits haben sich Theater und Kino immer wieder gegenseitig befruchtet, und etliche Stars (von Olivier bis Blanchett) fühlen sich durchaus in beiden Welten zu Hause. So finde ich das bösartige Porträt der Theaterkritikerin Tabitha in diesem hochgehandelten Oscar-Kandidaten doch recht befremdlich (sie wird dargestellt von Lindsay Duncan, manchen vielleicht noch in Erinnerung als Brutus' Mutter Servilia in der TV-Serie Rom.) Immerhin läßt sie sich am Ende dazu hinreißen, die "unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit" des Hauptdarstellers zu loben (daher der deutsche Untertitel). Möchte Regisseur Iñárritu zeigen, daß Superhelden-Darsteller auch nur Menschen sind?

Tim Burtons Batman Michael Keaton allerdings ist brillant als abgehalfterter Filmschauspieler Riggan Thomson, dessen berühmte Rolle als "Birdman" ihm auch nach Jahrzehnten noch nachhängt. Jetzt möchte er es allen noch einmal zeigen, ausgerechnet mit der Inszenierung und Hauptrolle in einem Theaterstück nach Raymond Carver (Short Cuts). In den wenigen Tagen der letzten Proben und schließlich der Broadway-Premiere kämpft er mit seinen eigenwilligen Co-Stars, seiner drogengefährdeten Tochter und vor allem sich selbst, personifiziert durch sein Alter Ego, den Birdman, der ihn mit Superheldenstimme immer wieder zum Aufgeben auffordert, worauf schon mal per "Telekinese" die Garderobeneinrichtung zu Bruch geht. Eigentlich klar als Thomsons Halluzinationen erkennbar, wird dieses Konstrukt meiner Meinung nach durch das Ende leider ruiniert.

Rein intellektuell betrachtet ist dies ein toll inszenierter Film, mit eleganten Kamerafahrten, die übergangslos zwischen Realität und Fantasie, Aufführungen und Proben wechseln. Dazu kommt der ungewöhnliche Soundtrack, meist hört man nur ein Schlagzeug, lediglich die Traumszenen des Birdman werden von Streichern umhüllt. Aber leider hat das alles bei mir eine solche Unruhe erzeugt, daß ich auf emotionaler Ebene kaum etwas davon hatte. Und dabei meine ich noch nicht einmal die Szene, als Emma Stone auf dem Außensims des fünften Stockwerkes sitzt, und ich vor lauter Höhenangst kaum den Dialogen folgen konnte. Aber ach, es sind solch fabelhafte Dialoge und Darstellerleistungen! Nicht nur die drei diesjährigen Oscar-Nominierten Michael Keaton, Edward Norton und Emma Stone zeigen hier ihre Klasse, sondern auch Naomi Watts und sogar Zach Galifianakis, dessen bodenständiger, einfühlsamer Manager eher an Eliza Dushkus Mentor in Tru Calling als an seine jüngeren Hangover-Erfolge erinnert.

Der Mexikaner Alejandro González Iñárritu hat sich seit seinem (für den Fremdsprachen-Oscar nominierten) furiosen Debut Amores Perros (2000, 8/10) einen Namen gemacht als Regisseur für intelligent konstruierte, leider aber auch sperrige Filme. Seine frühen Filme nach Drehbüchern seines Landsmannes Guillermo Arriaga (daneben auch 21 Gramm, 2003, 6/10 und Babel, 2006, 7/10) haben mir dabei besser gefallen, das erste Werk seines eigenen Autorenteams Biutiful (2010, 2/10) überhaupt nicht. Birdman hat aber so viele tolle Elemente, daß ich ihm meinen Respekt nicht verweigern kann. Gut (7/10).

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