Das El Royale hat tatsächlich schon bessere Zeiten gesehen. Das Hotel ist 1969 genauso heruntergekommen wie das Jahrzehnt der Liebe. Nixon erklärt im Fernsehen, warum in einem Guerilla-Krieg kein Waffenstillstand möglich ist, gottgleiche Musikproduzenten wie Phil Spector beuten ihre Künstlertalente aus und verhunzen ihre Werke, und die Manson-Morde versetzen der Hippie-Kultur den Todesstoß. Die Luxusherberge mit vielleicht einem Dutzend Zimmern wird inzwischen von einem einzelnen einsamen Bediensteten betreut. Die Begrüßungsrede des jungen Concierge Miles (Bill-Pullman-Spross Lewis) wirkt entsprechend gezwungen, ist aber im Preis inbegriffen. Es muss die Demarkationslinie zwischen Kalifornien und Nevada erklärt werden: Die Zimmer in Kalifornien kosten 50 Cent extra - vielleicht aus Steuergründen? Die Ausstattung erinnert mich an SF-Filme der 50er, von einer eleganten Jukebox (die selbstverständlich Vinylplatten abspielt, mit einem raffinierten Mechanismus, der die Nadel von unten auf die ausgewählte Scheibe setzt) bis zum automatischen Kuchenspender (gegen Münzen).
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Aber die Stars wie Marilyn Monroe, deren Fotos in der Lobby hängen, kommen schon längst nicht mehr hierher. An diesem stürmischen Abend checken jedoch gleich vier exzentrische Gäste ein: der windige Staubsaugervertreter Sullivan (Mad Man Jon Hamm), die schwarze Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo), der altersverwirrte Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges) und die arrogante Hippiebraut Emily (Dakota Johnson). Alsbald gesellen sich noch ein paar weitere Gestalten hinzu, aber es bleibt bei einem Kammerspiel, das sich auf seine wenigen Figuren konzentriert. In den durch Titelkarten angekündigten Anfangskapiteln lernen wir durch kurze Rückblenden die Gäste näher kennen, bevor sich die Ereignisse dramatisch zuspitzen. Schon der blutige Prolog, der zehn Jahre vorher spielt, gibt einen Vorgeschmack auf die überraschenden und potentiell für alle tödlichen Ereignisse. Übrigens verlinke ich mit Absicht nicht den Trailer, der für meinen Geschmack schon zuviel von der Handlung preisgibt.
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Nicht nur die Struktur erinnert an Tarantino, der allerdings schon lange nichts außergewöhnliches präsentiert hat (sein nächstes Projekt ist übrigens in derselben Ära angesiedelt). Die präzis konstruierte Handlung könnte auch von den Coen-Brüdern stammen, insbesondere wenn man an ihr pfiffiges Debut Blood Simple denkt. Aber Drew Goddard, der hier nach seiner Zusammenarbeit mit Joss Whedon bei der herrlichen Horror-Satire Cabin in the Woods erstmalig als alleiniger Autor und Regisseur agiert, trifft einen ganz eigenen Ton, mit starken Anklänge an die Schwarze Serie ("Noir"), insbesondere in der archetypischen Figurenzeichnung und den abrupten Gewaltausbrüchen. Er zeigt ein wunderbar detailliertes Miniaturuniversum, mit stimmigen Dialogen, untermalt von zeitgenössischen Motown-Hits, sowohl vom Plattenteller als auch live und acapella (nur von einem Metronom unterstützt) von der erstaunlichen Cynthia Erivo dargeboten. Allerdings wirkt das Ganze mit 140 Minuten doch etwas aufgebläht. Dass es nicht langweilig wird, ist dann auch das Verdienst des hervorragenden Ensembles.
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Herausheben muss man sicher die Debutantin Cynthia Erivo, die am Broadway vor einigen Jahren für die Hauptrolle im Musical Die Farbe Lila einen Tony gewinnen konnte. Sie zeigt das bewegende Portrait einer Künstlerin, die sich trotz Diskriminierung und Demütigungen die Freude an ihre Musik bewahrt, auch wenn sie in einem kleinen Schuppen vor zehn Zuhörern auftritt. Jon Hamm variiert seine Paraderolle als John Draper mit einem süffigen Südstaatenakzent und schmieriger Attitude - das Jahrzehnt hat er natürlich im Blut. Dakota Johnson, Tochter von Miami-Vice-Schönling Don Johnson und Melanie Griffith, spricht mich nicht besonders an, passt hier aber mit ihren kalten Augen und ihren unattraktiv-hübschen Zügen gut zur Rolle. Wie sie mit ihrer verkitschten Sadomaso-Trilogie Fity Shades of Grey zum Star werden konnte, erschließt sich mir immer noch nicht.
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Dafür taucht irgendwann die junge Cailee Spaeny als ihre Schwester Ruth auf. Sie erinnerte mich mit ihrem ausdrucksstarken Gesichtchen an die junge Carey Mulligan (An Education), kein übler Vergleich. Die anspruchsvolle Rolle des von Dämonen gequälten Pagen Miles füllt der 25jährige Lewis Pullman erstaunlich souverän mit Leben - auch für ihn ist dies die erste größere Rolle (er hatte bereits einen kleinen Part im Kampf der Geschlechter). Als Überraschungsgast schließlich hat der gerade von den Avengers entmuskelte Chris Hemsworth offensichtlich großen Spaß als verführerischer Schurke mit Silberzunge. Ihn hatte Goddard bereits in Cabin in the Woods ins perfekte Licht gerückt.
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Dafür taucht irgendwann die junge Cailee Spaeny als ihre Schwester Ruth auf. Sie erinnerte mich mit ihrem ausdrucksstarken Gesichtchen an die junge Carey Mulligan (An Education), kein übler Vergleich. Die anspruchsvolle Rolle des von Dämonen gequälten Pagen Miles füllt der 25jährige Lewis Pullman erstaunlich souverän mit Leben - auch für ihn ist dies die erste größere Rolle (er hatte bereits einen kleinen Part im Kampf der Geschlechter). Als Überraschungsgast schließlich hat der gerade von den Avengers entmuskelte Chris Hemsworth offensichtlich großen Spaß als verführerischer Schurke mit Silberzunge. Ihn hatte Goddard bereits in Cabin in the Woods ins perfekte Licht gerückt.
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Aber trotzdem - ohne Zweifel heißt der Star des Film Jeff Bridges. Der 68jährige zeigt nach einigen Routinedarstellungen mal wieder, warum Pauline Kael ihn bereits in den 70ern als besten amerikanischen Schauspieler bezeichnete (ihre Hyperbole muss man allerdings mit Vorsicht sehen - ähnliches schrieb sie damals, durchaus nachvollziehbar, auch über Morgan Freeman). Sein Father Flynn ist die vielschichtigste und nebe Darlene auch die spannendste Figur. Man erwischt den Dude ja nie beim Schauspielern, aber ihm bei der Verkörperung einer neuen Figur zuzusehen ist mal wieder ungeheuer faszinierend. Ob es für seine achte Oscar-Nominierung reichen wird? Ich vermute übrigens, dass bei den anstehenden Preisverleihungen alle Parts als Nebenrollen gewertet werden.
Es ist mal wieder traurig zu sehen, wie die Zuschauer (auch die deutschen) in einen öden, stachellosen Langweiler wie Venom strömen, mit einem grimassierenden, überschätzten Publikumsliebling, während ein wirklich originelles Werk wie Bad Times at the El Royale nur unter "Ferner liefen..." zu finden ist. Na ja, vielleicht wird Drew Goddards zweiter Film ja noch zum Kultobjekt. Ich fand's Sehr gut (8/10)!
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