Gosford Park war Robert Altmans letztes Meisterwerk. Mit dem schönsten Film seines anglophilen Landsmanns James Ivory, (Wiedersehen in) Howards End (1992), hat es gemein, dass es nach einem Herrschaftshaus benannt ist, und mit dessen kongenialer Ishiguro-Verfilmung Was vom Tage übrig blieb (1993), dass es eine Upstairs-Downstairs-Geschichte erzählt. Anders als für seinen drei Jahre jüngerer Kollege (der mit 90 Jahren immer noch aktiv ist), blieb dies der einzige Ausflug des amerikanischen Urgesteins in die britische Klassengesellschaft. Der englischer Autor Julian Fellowes dagegen, der für das Drehbuch einen Oscar gewann, walzte später das Format mit der erfolreichen Fernsehserie Downton Abbey auf Seifenoperlänge aus (ich entschuldige mich bei den Fans, aber ich persönlich konnte mit der erfolgreichen Prestigeserie einfach nichts anfangen).
1932 war das englische Klassenmodell noch einigermaßen intakt. In Gosford Park findet sich zu einem Jagd-Wochenende eine gemischte Gesellschaft zusammen. Sie besteht in der Hauptsache aus der Familie des reichen, grantigen Gastgebers Sir William ("Dumbledore" Michael Gambon) und seiner besonders exzentrischen Frau Sylvia (Kristin Scott Thomas, Vier Hochzeiten und ein Todesfall). Zusätzliche Würze gibt der Runde ein kleine Gruppe Amerikaner, angeführt von Morris Weissman (Bob Balaban, der mit Altman auch die Idee zum Film hatte und produzierte). Der entfernte Cousin ist verantwortlich für die beliebten Charlie-Chan-Filme, sein Job "Filmproduzent" gilt bei den englischen Snobs aber eher als Schimpfwort. Er bringt einen Bediensteten mit Geheimnis (Ryan Phillippe) und seinen Freund Ivor Novello mit. Den gutaussehenden Musik- und Schauspielstar gab es wirklich, er wird sogar als Drehbuchautor eines frühen Hitchcock-Films (Abwärts, 1927) gelistet. Darsteller Jeremy Northam gibt im Film mit zartschmelzender Stimme und kompetenten Pianokünsten ein paar schöne Beispiele seiner selbstkomponierten Lieder zum besten. Wie dereinst John Ford und Howard Hawks, lässt Robert Altman selten eine Gelegenheit für musikalische Zwischenspiele aus.
Die Begeisterung für das Hollywood-Idol durchbricht allerdings mühelos die Klassenschranken, und so lauscht auch die Dienerschaft den Darbietungen, natürlich versteckt hinter den Türen, in den Vorzimmern und Treppenhäusern. Und wenn Altmans Collage von Eindrücken und Situationen einen roten Faden besitzt, dann findet man den am ehesten Downstairs, beim Schicksal der Bediensteten. Viele haben sich mit ihrer Situation arrangiert, aber etliche leiden auch unter dem Joch ihrer arroganten Arbeitgeber. Einige können ihre Gefühle nicht länger unterdrücken, was am Ende zu einer bewegenden, tränenreichen Katharsis führt. Diese Ebene war jedenfalls mir als Zuschauer wichtiger als der Mord, der so nach etwa zwei Dritteln der Handlung passiert. Aber wie Altman es ausdrückte, war er weniger am Whodunnit interessiert als vielleicht am Whatdunnit. Was führte zum Mord, und wie wurde er bei den Beteiligten aufgenommen? Zu diesem Zeitpunkt werden dann zwei weitere spannende Figuren eingeführt, nämlich der ermittelnde Inspektor (Stephen Fry), der sich selbst eher Upstairs verortet, ohne zu bemerken,wie der Adel auf ihn herabblickt, und sein pragmatischer Constable (Ron Webster), dessen Faktensuche ignoriert wird.
Es ist eines der Vergnügen beim Wiedersehen eines "älteren" Werks, bekannte Schauspieler in frühen Rollen zu beobachten. Die Oscar-Nominierungen gingen zwar an die damals bereits zweifach prämierte Grande Dame Maggie Smith und die spätere Gewinnerin Helen Mirren (welch eine Karriere: binnen sechs Jahren von der Hausdame zur Queen). Aber genauso gut gefielen mir der spätere Bond-Kandidat Clive Owen (Sin City, Shoot 'em Up) in seiner ersten größeren Kinorolle, Kelly MacDonald (Trainspotting) als persönliches Nadelkissen von Dame Maggie Smith und Emily Watson (Der Boxer) als fehlgeleitete Geliebte des Hausherrn. Dazu gesellten sich die Bühnenveteranen Derek Jacobi, Alan Bates und Dame Eileen Atkins. Und das war erst das Untergeschoss! Darüber muss man neben den Gastgebern noch James Wilby (Howards End), "Tywin Lannister" Charles Dance und Tom Hollander nennen (er ärgerte Keira Knightley in Fluch der Karibik 2+3 sowie als Mr. Collins in Stolz und Vorurteil). Welch ein Ensemble! Einzig Ryan Phillippe, damals Teenie-Schwarm (Eiskalte Engel) und mit Kollegin Reese Witherspoon verheiratet, konnte mich nicht 100%ig überzeugen - vielleicht lag's auch am Drehbuch, gerade was seine merkwürdigen Avancen gegenüber den jungen Hausmädchen betrifft.
Robert Altman ist nie die Anerkennung seiner Mitstreiter wie Coppola, Scorsese und Allen zuteil geworden, mit denen er in den 70ern das Hollywood-Kino erneuerte (ganz zu schweigen von Spielberg). Er tobte sich mit wechselhaftem Erfolg in den unterschiedlichsten Genres aus, sammelte auch eine Handvoll Oscar-Nominierungen, war dem heimischen Publikum aber meist zu sperrig. Nach seinem Überraschungserfolg M.A.S.H. (1970: da war er bereits 45) scheiterte er mit einigen Kritikerlieblingen am dumpfen amerikanischen Publikum, so etwa 1971 mit seiner subversiven Westerntragödie McCabe & Mrs. Miller (um dies zu verhindern, gab es sogar einen seltenen Talkshow-Auftritt der berühmten Kritikerin Pauline Kael, die Altmans Werk über alles liebte - siehe die Criterion-Veröffentlichung). Ähnliches galt zwei Jahre später für Der Tod kennt keine Wiederkehr, eine Chandler-Verfilmung, in der Elliot Gould als Philip Marlowe mit langem Gesicht durch eine sinnlose Krimihandlung stolpert. 1975 dann hatte er die Ehre, mit seinem ersten großen Meisterwerk Nashville im vielleicht besten Kinojahr des neuen Hollywoods anzutreten. Mitkonkurrenten waren damals Hundstage ("Dog Day Afternoon", Sidney Lumet), Barry Lyndon (Stanley Kubrick) und Der weiße Hai (Steven Spielberg). Es gewann ein anderes Werk für die Ewigkeit: Einer flog übers Kuckucksnest (Milos Forman). Pech für Altman, Glück für die Zuschauer.
Nach dieser Enttäuschung ging es dann recht wechselhaft weiter. Manche seiner Experimente gingen gnadenlos daneben, so etwa 1980 seine alberne Popeye-Komödie mit Robin Williams. Überhaupt hatte er in den 80ern keine glückliche Hand, so daß sein nächster Erfolg, die nette Hollywood-Satire The Player, 1992 schon als Comeback gefeiert wurde. Dem ließ er sein nächstes Meisterwerk folgen: Short Cuts verquirlte einige Kurzgeschichten von Raymond Carver und folgte grob einem ähnlichem Rezept wie Nashville oder eben später Gosford Park. Aber diese drei Eckpfeiler von Altmans Oeuvre haben genauso viele Unterschiede wie Gemeinsamkeiten. Niemand konnte Altman vorwerfen, dass er sich wiederholte. Und wenn, dann scheiterte er auch spektakulär, siehe etwa: H.E.A.L.T.H. (1979), Prêt-à-Porter (1994), Dr. T und die Frauen (2000). Aber dazwischen gelang ihm doch so viel, und wenn Altman gut war, dann war er einfach außergewöhnlich gut!
Als Altman 2006, kurz vor seinem Tod, endlich ein Ehrenoscar verliehen wurde, war er nur ein wenig bitter, aber doch auch dankbar. Dann enthüllte er, dass er zehn Jahre zuvor eine Herztransplantation erhalten habe. Ich persönlich bin eigentlich gegen teure lebensverlängernde Transplanationen, die doch nur einem privilegierten Promille der Menschheit zu gute kommen, aber in diesem Fall hat es sich gelohnt. Nach der Operation gelangen Altman neben Gosford Park noch zwei sehr unterhaltsame kleinere Komödien, nämlich 1999 Aufruhr in Holly Springs ("Cookies Fortune") und 2006 sein melancholischer Abschiedsfilm Robert Altmans Last Radio Show ("A Prairie Home Companion"). Und so bleibt Altman für mich einer meiner Lieblingsregisseure, auch wenn ich Pauline Kael in ihrer Verteidigung selbst seiner mittelmäßigen Projekte nicht unbedingt folgen kann.
Gosford Park erscheint jetzt erstmalig, sogar auch in Deutschland, auf Blu-ray, als einer von wenigen so erhältlichen Filmen (die meisten genannten Werke musste ich aus den USA importieren). Nach dem Kinobesuch 2002 und der kurz darauf erschienenen DVD hatte ich den Film aus den Augen verloren. Das Warten hat sich jedenfalls gelohnt, die Bildqualität ist nach meinem Empfinden hervorragend. Zudem wurden zudem nach meiner Erinnerung alle interessanten Extras der DVDs übernommen (was heute leider nicht selbstverständlich ist).
Bonus: Meine damalige DVD-Kritik zu "Cookies Fortune"
Da hat's der Altmeister noch mal allen gezeigt. Nachdem man "Prête à Porter" zu Recht vorwerfen konnte, die Erzählweise, die Altman in "Short Cuts" so eindrucksvoll perfektioniert hatte, nur noch zu kopieren, aber nicht mehr mit genug Inhalt zu füllen (auch wenn Mastroianni und die Loren ein wunderbares Paar abgaben), so folgte nun eine ruhig und abgeklärt erzählte Geschichte, in der alles so ausgeht, wie man es sich wünscht, ohne daß man sich darüber ärgert. Wie immer versammelt Altman ein glänzendes Ensemble: Glenn Close spielt die Rolle, für die sie berühmt ist, nämlich die unsympathische Furie. Julianne Moore ist als ihre passive Schwester perfekt besetzt (was selten passiert, da ihre Wandlungsfähigkeit weit überschätzt wird). Liv Tyler und Chris O'Donnell geben ein wunderbar-erfrischendes junges Paar ab. Im Mittelpunkt der Geschehnisse steht aber Charles S. Dutton, der als Willis Wärme und Weisheit ausstrahlt und quasi synchron zum wunderbar relaxten Soundtrack von David A. Stewart agiert. Alles in allem ein großes Kinovergnügen zum Zurücklehnen und Genießen (8/10).
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