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Samstag, 29. September 2018

Auf den zweiten Blick: Logan (6/10)

Wolverine war noch nie der fröhlichste der X-Men. Vielleicht ist seine Schwermut für mich sogar seine attraktivste Eigenschaft. Logan geht allerdings einen Schritt weiter. Hugh Jackmans Abschiedsvorstellung ist ein trauriger Film, der den Zuschauer in eine dystopische Gesellschaft katapultiert. Mutanten sind fast ausgerottet, für die letzten X-Men gilt es, um jeden Preis zu überleben: Wir gegen Sie. Spoiler: Nicht ein einziger sympathischer Nicht-Mutant wird bis zum Ende überleben (gibt es dafür eigentlich eine Bezeichnung, so wie Muggles?) Die Anfangsszene setzt den Ton. Logan will sich eigentlich nicht prügeln, hat dann aber auch keine Gewissensbisse, als er, in die Ecke gedrängt, eine räuberische Gang massakriert. Und so geht es weiter, Komparsen werden links und rechts zerfetzt, Blut spritzt, Körperteile fliegen durch die Luft. Johnny Cashs bewegende Interpretation des Nine-Inch-Nails-Songs "Hurt" (aus seinen späten American Recordings) dominiert den Trailer, erzeugt aber vielleicht auch zu hohe Erwartungen:



Schon in Der Weg des Kriegers musste Logan sich mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen. Jetzt wirkt er mit bald 150 Jahren sichtlich älter, schwächer, Narben schmerzen, die Haare werden grau - das Adamantium-Skelett vergiftet seinen Körper von innen, seine Selbstheilungskräfte schwinden. Verbissen widmet er sich seiner letzten Aufgabe - er kümmert sich um den über 90jährigen Xavier (Patrick Stewart), den einst so mächtigen Professor X, dessen Kräfte nun in epileptischen Anfällen zur Bedrohung für seine Umgebung werden (tatsächlich wird er als Massenvernichtungswaffe eingestuft). Zu Beginn wird Logan dabei vom lichtscheuen Caliban (Stephen Merchant) unterstützt, einer Figur, die wohl nur bei Comiclesern Kontur entwickelt. Und dann taucht die elfjährige Laura (Dafne Keene) auf, eine Art Mini-Me-Wolverine. Es stellt sich heraus, dass sie aus dem genetischen Experiment X23 entstand, um Supersoldaten mit Mutantengenen zu produzieren. Nun versucht sie zu einem Eden nahe der kanadischen Grenze zu gelangen (für US-Amerikaner liegt das Paradies in Kanada). Ihr auf den Fersen sind der Projektleiter Dr. Rice (Richard E. Grant), der seinem Vorbild Mengele alle Ehre macht, und dessen Handlanger Pierce (Boyd Holbrook mit Cyborg-Arm). Beim sich entwickelnden malerischen Roadmovie dominiert weiterhin das Blutrot.

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Mit dem Drehbuch von Scott Frank (Out of Sight), Michael Green (Green Lantern - wie hat der denn jemals wieder einen Job bekommen?) und Regisseur James Mangold, deren Oscar-Nominierung als Meilenstein gefeiert wurde, habe ich so meine Probleme. Der Grad an Brutalität, der das R-Rating (nur für Erwachsene) ausreizt, ist sicherlich Geschmackssache. Logans realistische und  bitterernste Action.steht jedenfalls in unversöhnlichem Gegensatz zu den Eskapaden seines Möchtegernkumpels Deadpool,  der fantastisch und ironisch überzogen daherkommt. Dazu kommen dann noch Handlungslöcher, die wohl nur Comicfans erklären können. Im Kino schien mir, dass X24 praktisch vom Himmel gefallen war, kurz glaubte ich sogar, er sei nur eine Ausgeburt von Wolverines Schizophrenie. Beim zweiten Sehen fällt auf, dass der Auftritt dieser Figur durchaus, wenngleich dürftig, vorbereitet war. Trotzdem ist mir nicht klar, warum sich die Schurken mit den nervigen X23-Kindern abgegeben haben, wenn sie doch die Technologie für einen X24 parat hatten...

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Und dann ist das alles so schwer zu ertragen, und damit meine ich nicht einmal das vorhersehbare tragische Ende der Hauptfiguren. Das Schicksal der Farmerfamilie ging mir viel näher. Zudem ist mir bei Logan besonders aufgefallen, mit welcher Skrupellosigkeit die Henchmen der Schurken eliminiert werden. Ich muss dann immer an eine Szene in Austin Powers denken, in der Mike Myers mal die Konsequenzen durchdacht hat: "The Henchman's Wife". Ironischerweise sollte Boyd Holbrook, hier Darsteller des Hauptschurken Pierce, in seiner nächsten Rolle die Perspektive wechseln. In The Predator ist es sein Team, das skrupellos reihenweise "feindliche" Soldaten entsorgt.


Wenn man sich mit den geschilderten Voraussetzungen arrangiert, ist Logan ein fabelhaft gespieltes Abenteuer mit beeindruckenden Bildern und der passend verstörenden Musikuntermalung. Man kann sich längst niemand anders als Hugh Jackman als Wolverine vorstellen. Als sein Mentor ist Patrick Stewart wohl nur knapp an einer Oscar-Nominierung gescheitert. Der heute 78jährige Shakespeare-Mime hat für die Rolle wohl sogar abgespeckt und wurde von der Maske auf älter getrimmt. Die elfjährige Neuentdeckung Dafne Keen kann mit den beiden Veteranen durchaus mithalten, und die Interaktionen zwischen den drei Generationen machen auch den Hauptreiz dieser Geschichte aus. Meine Wertung: Ordentlich (6/10).

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Nach langem Zögern habe ich mir nun doch die UHD-Blu-ray des Films besorgt, und neben der tollen Bild- und Tonqualität lohnt schon die hochinteressante Making-Of-Dokumentation den Kauf.

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