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Samstag, 1. September 2018

The Good Place: Die Hugo-Gewinner 2018

Es ist schon ein wenig peinlich, wenn man sich die Preisverleihung des Worldcon 76 auf YouTube anschaut. Das ist halt eine Veranstaltung von Nerds für Nerds, oder besser: von Fans für Fans. Es gibt ein paar Veteranen wie Bob Silverberg oder George R.R. Martin, die mit ihren Präsentationen zu fesseln wissen (selbst wenn es um den Preis für die beste Fan-Kunst geht), aber ansonsten bleibt der Unterhaltungswert gering. Ausnahme war dieses Jahr der Auftritt der Queen of Nerds, Multitalent Felicia Day, die souverän den neuen Preis für das beste Jugendbuch ("Young Adult") präsentieren und gleichzeitig von ihrer Begegnung mit N.K. Jemisin schwärmen konnte.

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Romane

Der Königspreis ging wie erwartet an N.K. Jemisin für The Stone Sky, in einem historischen Hattrick, der leider auch ein schlechtes Bild der Konkurrenz zeichnet. Ihre Nominierung in der Kategorie "Beste Serie" hat sie übrigens im Vorfeld abgelehnt, obwohl diese passender gewesen wäre. Trotzdem Glückwunsch an die brillante Autorin, die nebenbei auch eine engagierte Dankesrede hielt.




Kein Zufall, dass ich bisher keinem der sonstigen Finalisten eine Rezension gewidmet habe. Als da waren:

New York 2140, Kim Stanley Robinson

Nachdem ich mich vor Jahren durch seine Mars-Trilogie gequält hatte ("Red Mars" war 1993 nominiert, "Green Mars" und "Blue Mars" gewannen 1994 und 1997), ignoriere ich seine weiteren Romane regelmäßig. Er hat viele gute Ideen, auch bessere als Andy Weir in "The Martian", aber seine Figuren lassen mich kalt, und seine Plots langweilen mich. Ich bevorzuge Spider Robinson, der in diesem Jahr Ehrengast war.

Raven Strategem, Yoon Ha Lee

Die Fortsetzung von Ninefox Gambit habe ich nur gelesen (bzw. ab der 2. Hälfte quergelesen), weil sie in der Voters Package enthalten war. Die zentrale Figur ist durchaus interessant, erstickt aber wiederum in komplizierten politischen Intrigen. Und Schande, wieder eine geschlechtslose Figur ohne Kontur...

Six Wakes, Mur Lafferty

Mur Lafferty hat eine treue Fanbasis, zu der auch Jo Walton gehört. Ich wurde nicht warm mit der Geschichte der sechs Raumfahrer, die ohne Erinnerungen aus dem Tiefschlaf aufwachen und den Mord an sich selbst (bzw. ihren Klonen) untersuchen müssen. Nicht übel, aber auch nicht wirklich preiswürdig.

The Collapsing Empire, John Scalzi

John Scalzis bester Roman bleibt Old Man's War, der 2006 leider gegen Robert Charles Wilsons Spin verlor. Über seinen Gewinner Redshirts habe ich mich bereits genug aufgeregt. "The Collapsing Empire", der erste Band einer neuen Trilogie, ist enttäuschend routiniert und vorhersehbar aufgesetzt, mit recyceltem Weltenaufbau. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Provenance, Ann Leckie

Selbst die Fans der Gewinnerin von 2014 geben zu, dass Provenance nicht ihr bestes Werk ist. Statt Tee-Ritualen gibt es diesmal eine Besessenheit mit historischen Urkunden. Durchschnittsware. Und auch wenn diesmal den meisten Figuren wieder Geschlechter zugeordnet werden, gibt es wieder eine Person unspezifizierten Geschlechts, mit vielen holprigen Pronomina. Ich halte es für eine billige Anbiederung an die quere Gemeinschaft, wenn so eine Figur plakativ eingeführt wird und wir dann nichts über die Hintergründe erfahren. Und woher weiß eigentlich jede andere Figur, dass diese Person geschlechtsneutral anzusprechen ist? 

Kurzformen

Hier gewannen meine Favoriten, nur bei den Noveletten hatte Suzanne Palmer mit "The Secret Life of Bots" die Nase vorn. Glückwunsch auch an Martha Wells und Rebecca Roanhorse.

Beste Serie

So haben sich die Organisatoren das bestimmt nicht vorgestellt - die neue Kategorie gewann erneut Altmeisterin Lois McMaster Bujold, diesmal mit ihrer Fantasy-Reihe "The World of the Five Gods", deren ursprünglicher Roman-Trilogie (inklusive Hugo-Gewinner "Paladin of Souls" von 2003) sie jüngst um eine Handvoll Novellen um den Tempeldiener Penric und seine Dämonin Desdemona erweiterte. Das war's dann zum Glück, mehr Serien hat sie nicht in petto - Bujold nahm den Hugo nicht selbst entgegen (vielleicht war's ihr selbst peinlich), ihre Dankesbotschaft verlas ihre Kollegin und Freundin Catherine Asaro, selbst erfolgreich mit der Skolian-Serie, die allerdings scharf an der Grenze zur Schnulze angesiedelt ist.

Mein Favorit (und zugleich die einzige Reihe, die ich vorab kannte) waren Brandon Sandersons "Stormlight Archives". Mit dieser epischen Fantasy, nach deren gerade erschienener dritter Band noch lange kein Ende abzusehen ist, versucht er in die Fußstapfen von Robert Jordan (dessen "Wheel of Time" er ja bekanntlich zum Abschluss gebracht hatte) und George R.R. Martin zu treten. Ich bin nicht mehr von allem begeistert, was Sanderson veröffentlicht; vor allem seine Jugendromane sind mir zu schematisch, und er macht schon in jungen Jahren (er wurde 1975 geboren) den Fehler, seine mit toll konstruierten Magiesystemen gestalteten Welten überzustrapazieren. In den "Stormlight Archives" jedoch erreicht er eine sagenhafte Erzähldichte und schafft schillernde dreidimensionale Figuren, die überlebensgroß und trotzdem erkennbar menschlich sind. Und mehr und mehr verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse - man stelle sich vor, bei Tolkien würde man erfahren, dass die Orcs die Ureinwohner von Mittelerde waren, bevor Elben, Menschen und Zwerge das Land eroberten...

Da ich so begeistert von Martha Wells' nun preisgekrönter Novelle Murderbot Diaries war, habe ich inzwischen die ursprüngliche Trilogie ihrer Raksura-Reihe gelesen. Das sind geradlinige Abenteuer in einer reichhaltig ausgestatteten Fantasiewelt, mit einer faszinierenden Hauptfigur (wenngleich sie gelegentlich ein bißchen weinerlich daherkommt). Die ersten beiden Bände waren in der Voters Package, den dritten habe ich dazugekauft. Allerdings verstehe ich die Preispolitik des Verlages (Tor) nicht. Für die Kindle-Version älterer Romane über zehn Euro zu verlangen, grenzt an Wucher. Gleiches gilt für die Fortsetzungen der Murderbot-Diaries Für die Novellen verlangen die Händler ebenfalls bis zu zehn Euro.

Vielschreiberin Seanan McGuire hatte auch wieder eine Serie im Rennen ("InCryptid"), da komme ich aber beim besten Willen nicht hinterher. Gerade erst habe ich mir die Folgebände von Parasite gekauft...

Von einem weiteren Finalisten habe ich immerhin den ersten Band gelesen: Marie Brennans "The Memoirs of Lady Trent". Sie erzählt amüsant in (loser) Tagebuchform aus einer Parallelwelt, die technologisch ungefähr im Victorianischen Zeitalter angekommen ist, mit allerdings stark abweichender Fauna. Es ist erstaunlich, dass beim Thema Drachen noch Originalität möglich ist. Leider bleiben Figurenzeichnung und Vielschichtigkeit etwas auf der Strecke - das ist höchstens Anne Brontë, keinesfalls Charlotte.

Dramatische Formen

Nachdem ich schon befürchtet hatte, dass die öde Blade-Runner-Fortsetzung sich bei den Langformen durchsetzen könnte, hat nun doch mein Favorit gewonnen: Wonder Woman. Das passt schön zu einem Jahr, in dem es fast nur Gewinnerinnen gibt. Leider werden die Hugos in Hollywood nicht beachtet, so dass niemand aus dem Filmteam den Preis entgegennahm.

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Die große Überraschung gab es bei den Kurzformen, bereits bei den Finalisten. Neben der obligatorischen Doctor-Who-Episode und dem staffelbesten und doch mittelmäßigen Black-Mirror-Beitrag "U.S.S. Callister", einem naiv-verqueren Rap-Song von The Clipping (zum zweiten Mal: wird das ein Trend?) und einer Folge von Star Trek: Discovery (für diesen Mist kamen dann aber kaum Stimmen zusammen) gab es zwei Finalisten der Comedy-Serie The Good Place. Die war mir völlig unbekannt, was sich aber leicht beheben ließ: Die 25 zwanzigminütigen Episoden der ersten beiden Staffeln sind zwar nicht per Flatrate, aber zu sehr fairem Preis bei Amazon Prime erhältlich.




Welch ein Vergnügen! Visuell erinnert die Serie mich an Bryan Fullers ähnlich verschrobenes Kleinod Pushing Daisies, die vor zehn Jahren auch niemand verstanden hatte und nach 22 Episoden fallengelassen wurde. Das Konzept von The Good Place klingt zunächst arg bekannt, ergibt für mich aber etwas völlig Neues: Eleanor (Kristen Bell) wird nach ihrem überraschenden Tod vom Behördenleiter Michael (Ted Danson) überaus freundlich begrüßt. Sie ist am "Guten Ort" gelandet, eine Belohnung, die nur einem winzigen Promillteil der Verstorbenen zuteil wird. Michael hat diesen Ort (es gibt verschiedene) höchstpersönlich als kitschige Kleinstadt konstruiert, mit Frozen-Yoghurt-Cafes, Palästen und Hütten (je nach Vorliebe).

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Es gibt allerdings einen Haken: Eleanor erkennt schnell, dass sie nicht wirklich hier hingehört. Nicht, dass sie den "Schlechten Ort" bevorzugen würde, aber müsste es nicht wenigstens für einen "Mittleren Ort" reichen? Jedenfalls behält sie ihre Bedenken für sich und versucht sich einzuordnen. Nicht so einfach für eine egozentrische, eigennützige Egoistin wie Eleanor. Zum Glück gibt es Chidi (William Jackson Harper), einen ehemaligen Ethikprofessor, der sie mit philosophischer Nachhilfe unterstützt. Was in der zweiten Staffel zur Diskussion des Trolley-Problems führt (dieses Gedankenexperiment ist im Zuge von Autopilot-Fahrzeugen übrigens hochaktuell): Je nach Weichenstellung wird die Straßenbahn diese oder jene Menschengruppe überfahren: Nach welchen Kriterien entscheide ich? Der Teufel hat die Lösung natürlich parat, indem er nach dem Überfahren der ersten Gruppe die Bahn entgleisen läßt und so auch die zweite Gruppe erwischt...

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Das Charmante an The Good Place ist eigentlich, dass es jeder Beschreibung spottet. Erfinder Michael Schur, der zuvor auch die herrliche "Office"-Variante Parks and Recreation aus der Taufe gehoben hatte, hat hier jedenfalls einen Volltreffer gelandet. Allein wie der 70jährige Altstar Ted Danson (Cheers) sich seine herrlich absurden Dialoge auf der Zunge zergehen läßt, ist preiswürdig. Aber auch der Rest des Ensembles, teilweise mit Neulingen besetzt, schlägt sich fabelhaft. Oh, und hatte ich Janet (D'Arcy Carden) erwähnt? Sie ist so eine Art Enzyklopädie allen Wissens des Universums, fungiert zur Not aber auch als Telefon - was Jason (Manny Jacinto), den buddhistischen Mönch mit Schweigegelübde (lange Geschichte), nicht daran hindert, sich in sie zu verlieben...

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Es ist Vor- und Nachteil zugleich, dass sich die Serie nicht in ein Schema pressen läßt. So wird im furiosen Abschluss der ersten Staffel, im Hugo-Finalisten "Michael's Gambit", die komplette Situation auf den Kopf gestellt. Was zu einer etwas durchwachsenen zweiten Staffel führt, die allerdings mit der Episode 5, "The Trolley Problem", einen tollen Höhepunkt aufzuweisen hat, der verdient (und auch mit meiner Stimme) den diesjährigen Hugo einheimsen konnte. Jetzt bin ich wahnsinnig gespannt auf die dritte Staffel, die Ende des Monats anlaufen soll.

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