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Montag, 20. Mai 2013

Hugo-nominiert: John Scalzis "Redshirts"

Der Begriff "Redshirts" stammt aus der Fernsehserie Raumschiff Enterprise aus den 60ern. Dort nahmen an Landeunternehmen neben den Hauptdarstellern oft auch ein oder zwei Komparsen teil, oft Sicherheitsoffiziere, die rote Uniformen trugen und eine hohe Sterblichkeitswahrscheinlichkeit hatten. In der herrlichen Genre-Parodie Galaxy Quest, in der Seriendarsteller sich nach einer Zeitreise tatsächlich als Besatzung eines Raumschiffs wiederfinden, macht sich das einzige mitgereiste Rothemd entsprechende Sorgen um seine Sicherheit. Der Roman "Redshirts" stellt diese Geschichte nun praktisch auf den Kopf.

Fähnrich Andrew Dahl und vier weitere Offiziersanwärter werden auf die UUCS Intrepid versetzt, das Flaggschiff der Universal-Union im 25. Jahrhundert. Und schon bald finden sie heraus, daß die Teilnahme an Landemissionen nicht unbedingt erstrebenswert ist. Tatsächlich meiden erfahrenere Besatzungsmitglieder die Brückenoffiziere, um nicht für gefährliche Missionen rekrutiert zu werden, und ein schon fast legendärer Kollege fehlt völlig auf der offiziellen Mannschaftsliste. Dahl und seine Freunde müssen in einem Wettlauf mit der Zeit herausfinden, wie sich die absurden Todesfälle bei den Landemissionen erklären und zukünftig vielleicht sogar verhindern lassen...

Es ist nicht leicht, eine Handlungszusammenfassung zu liefern, ohne das Lesevergnügen zu gefährden. Und das ist zumindest in der ersten Hälfte durchaus garantiert. Allerdings sollte man wirklich ein paar Enterprise-Folgen gesehen haben, sonst läßt sich die Komik der Situation kaum erschließen. Eine Geschichte aus der Perspektive der Rothemden zu erzählen ist wirklich eine gute Idee. Viele Details laden zum Schmunzeln ein, und über die "Schwarze Box" mußte ich tatsächlich laut lachen. Allerdings finde ich, daß die Figuren selbst nicht besonders gut ausgeführt sind. Am Ende hätte ich immer noch nicht alle fünf Freunde mit Namen aufzählen können. Das liegt zwar auch an der durchaus cleveren Konstruktion der Geschichte, in der alle eine bestimmte Rolle zu spielen haben, was wenig Raum für genaue Charakterisierungen bietet. Erst gegen Ende, und paradoxerweise in den Codas, fühlte ich mich auch emotional ein wenig beteiligt. Ansonsten betrachte ich die Codas eher als Gimmick: Epiloge in der ersten, zweiten und dritten Person erzählt. Die erste Coda in Blog-Form fand ich sehr langweilig, die dritte schließlich doch bewegend.

"Redshirts" ist in diesem Jahr für den Hugo als bester Roman nominiert. Es ist bereits die vierte Nominierung des Autors in dieser Kategorie (er hat bereits einen Hugo gewonnen für ein SF-bezogenes Sachbuch). Die erste Nominierung galt 2005 seinem Debut Old Man's War. Das war ein spannender, mit orginellen Ideen versetzter militärischer SF-Roman, den ich wie auch seine Fortsetzungen durchaus mochte, auch wenn das Untergenre nicht unbedingt mein Fall ist. Ideologisch ist John Scalzi wohl irgendwo zwischen Heinlein und Haldeman anzusiedeln, dessen Hugo-Gewinner Der ewige Krieg natürlich DER Klassiker in diesem Bereich ist. Scalzi wirkte übrigens als Berater beim kurzlebigen Stargate-Ableger Stargate Universe mit, welcher im ansonsten recht action-orientierten Franchise immerhin die am wenigsten militärisch ausgerichtete Serie war und wenigstens versucht hat, Charaktere und Forschung in den Mittelpunkt zu stellen.

Redshirts ist ein eher mittelmäßiger Roman, eine nette Lektüre für einen Sonntagvormittag, kurz und widerstandslos. Es wäre schade, wenn das für den Hugo reichen sollte, nur weil der Autor vielleicht an der Reihe wäre. Die Konkurrenz ist in diesem Jahr allerdings nicht besonders stark, mit Lois McMaster Bujolds solidem jüngsten Barrayar-Roman, Mira Grants Abschluß ihrer Zombie-Blogger-Trilogie und Saladin Ahmeds ordentlichem Fantasy-Erstling "Throne of the Crescent Moon", der vor allem durch seine orientalisch anmutende Kulisse punkten kann. Als Favorit muß wohl Kim Stanley Robinsons "2312" gelten, vor dem ich noch zurückschrecke, weil ich seine preisgekrönte Mars-Trilogie recht langatmig fand.

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