| Ergänzung nötig. Der Stern für Klaus Kinski am Potsdamer Platz. - Foto: Kai-Uwe Heinrich |
Laut einem Tagesspiegel-Bericht vom 10. 5. 2013 ist für Klaus Kinskis Stern am Potsdamer Platz "ein Hinweis auf die Missbrauchsvorwürfe" gegen ihn geplant.
Daß Künstler privat keine Vorbilder sind, ist ja nichts Neues. Doch Picassos schmählicher Umgang mit seinen Frauen schmälert nicht den Wert seines Werkes, und Wagners Musik verliert nicht an Größe, wenn man von seinem Antisemitismus weiß. Natürlich verstehe ich, daß manche Wagners Musik nicht gern hören, weil sie den Zuhörer an Wagners Judenhaß ERINNERT. Das muß man akzeptieren, ohne daß es ein künstlerisches Werturteil ist. Nachgerade lächerlich wird diese vermeintliche politische Korrektheit, wenn man jetzt keinen Derrick mehr schauen darf, weil Horst Tappert als 20jähriger Mitglied der SS (und damit wie wahrscheinlich 95% damaliger deutscher Jugendliche in den Nazi-Apparat integriert) war.
Anders gelagert ist der Fall, wenn ein künstlerisches Werk durchdrungen ist von fragwürdigen Ansichten. Am häufigsten passiert das naturgemäß bei Autoren. In letzter Zeit wird zum Beispiel dem zweifachen Hugo-Gewinner Orson Scott Card (Enders Spiel, Sprecher für die Toten) seine Verurteilung von Homosexualität vorgeworfen. Tatsächlich hat er als bekennender, orthodoxer Mormone eine fast hinterwälderische, simplizistische Weltanschauung. Trotzdem zeigen gerade seine frühen Romane eine tiefschürfende, faszinierende Auseinandersetzung mit grundlegenden humanistischen und gesellschaftlichen Fragen. Erst später setzen sich in seinem Werk mehr und mehr Vorurteile und unglaubwürdige Vereinfachungen der menschlichen Natur durch. (Vielleicht ursächlich damit verknüpft scheint er sich mit dem kommerziellen Erfolg künstlerisch festgefahren zu haben und produziert meist nur noch langweilige Ableger aus Enders Universum.) Deutlich extremer sehe ich das in der Beurteilung des vielbewunderten Altmeisters Robert Heinlein (ich könnte auch Scientology-Gründer Hubbard nennen, aber der wird ja nur im kleinen Kreis gelesen). Seinen demagogischen militaristischen Jugendroman Starship Troopers halte ich regelrecht für gefährlich (während Paul Verhoevens gelungen Verfilmung einen die Aussage des Buchs negierenden satirischen Unterton hat), und seine restlichen (zahlreichen) Bücher sind zwar meist gut geschrieben und unterhaltsam, aber derart von Bigotterie und Chauvinismus durchsetzt, daß ich mich bereits vor vielen Jahren von ihm verabschiedet habe.
Um zum Film zurückzukommen: Betrachten wir Roman Polanski. Die Vergewaltigung einer 14jährigen, die seine Flucht aus den USA bedingte, war eine abscheuliche Tat, die er offenbar bis heute nicht wirklich bereut, auch wenn er sich mit dem Opfer "versöhnt" hat. Polanski ist kein Mensch, mit dem ich gern einen Kaffee trinken würde. Aber er ist ein großer Regisseur, der mit Chinatown und Der Pianist bleibende Meisterwerke geschaffen hat und immer wieder mit kleineren Filmen unterhält (von Tanz der Vampire bis Der Gott des Gemetzels). Oder schauen wir uns John Ford an, Regielegende mit vier Oscar-Gewinnen (Die Früchte des Zorns, So grün war mein Tal, Der Sieger). Seine Western waren durchdrungen von einer üblen Geringschätzung der amerikanischen Ureinwohner. Das schmälert weder seine Verdienste noch sein Gesamtwerk, aber es gibt halt Ford-Filme, die man heute differenzierter betrachten muß als in den Entstehungszeit. Ich persönlich schätze z.B. seinen berühmtesten Western, Der Schwarze Falke, nicht besonders, da seine rassistischen Untertöne sich nicht auf die von John Wayne gespielte Hauptfigur beschränken, sondern allgegenwärtig sind und mir trotz der fabelhaften Bilder das Zuschauen verderben. Wenden wir uns zuletzt dem ebenfalls preisgekrönten Regisseur Elia Kazan zu (Tabu der Gerechten, Die Faust im Nacken). Er hat in den 50ern vor den McCarthy-Ausschüssen Namen genannt, um seine eigene Karriere zu retten, und damit das Leben von Kollegen ruiniert. Pardoxerweise sind viele seiner Filme geprägt von Toleranz und Zivilcourage. Trotzdem mußte er noch Jahrzehnte später bei der Annahme seines Ehrenoscars Buhrufe ertragen. Klar, er wäre nie ein Kandidat für den Jean Hersholt Humanitarian Award gewesen. Aber genauso absurd wäre es, die Gravur seines Oscars zu ändern in "Regisseur, Autor, Denunziant".
Niemand würde nach heutigem Kenntnisstand eine Straße oder gar eine Schule nach Klaus Kinski benennen. Dies soll menschlichen wie künstlerischen Vorbildern wie etwa Marlene Dietrich vorbehalten bleiben. Aber man muß den Menschen vom Künstler trennen. Der Stern für Klaus Kinski würdigt den Schauspieler, und für mich gibt es keinen Grund, daran etwas zu ändern.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen