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Samstag, 4. Mai 2013

"Echte Menschen": eine schwedische SF-Serie

Echte Menschen (Äkta människor/Real Humans) ist eine aktuelle schwedische Science-Fiction-Serie, deren erste, 10 einstündige Folgen umfassende Staffel gerade auch im deutschen Fernsehen gelaufen ist. Eine zweite Staffel soll sich in Produktion befinden. Handlungsort ist eine parallele schwedische Gegenwart, in der menschenähnliche Kunstwesen, sogenannte Hubots ("Human Robots"), ein selbstverständlicher, wenn auch umstrittener Teil der Gesellschaft sind. Hubots könnte man natürlich auch Androiden oder Replikanten nennen. Sie haben eine USB-Schnittstelle im Nacken und ein einziehbares Stromkabel in der Achsel, mit dem sie sich täglich an einer Steckdose aufladen müssen. Ansonsten kann man sie kaum von echten Menschen unterscheiden. Das hängt allerdings vom Modell ab - ältere Ausführungen wirken in Bewegungen und sprachlich noch recht roboterhaft, neuere Varianten sind möglicherweise physisch und kognitiv den meisten Menschen überlegen. Sie unterliegen in der Basisprogrammierung zwar den asimovschen Gesetzen (*1), aber natürlich gibt es findige Hacker, die diese zu umgehen suchen. Eingesetzt werden sie sowohl für manuelle Arbeiten, bei der Müllabfuhr oder in Fabriken (und schlüpfen so in die Rolle von "Gastarbeitern") als auch für die Hausarbeit und im "Unterhaltungsbereich" (bis hin zu sexuellen Dienstleistungen).

Die Grundsituation wirft eine Reihe interessanter Fragen auf, von denen viele auch mehr oder weniger erfolgreich thematisiert werden. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Gruppe von acht Hubots, die durch zunächst rätselhafte Umstände keine Besitzer haben, sondern offenbar Bewußtsein und freien Willen gewonnen haben. Die Geschichte ihrer Flucht vor den Behörden wird verschränkt mit der Situation zweier benachbarter Familien. Da sind Anwältin Inger und Hans Engmann mit Sohn Tobbe und Tochter Matilda. Ingers Vater Lennart besitzt zunächst den einfachen Hubot Odin, der für ihn aber mehr Gefährte als Chauffeur und Haushaltshilfe ist und mit dem er herrliche, wenngleich dem schrillen Farbempfinden Odins geschuldet postmoderne Schiffsmodelle bastelt. Nachdem Odi mit einem Defekt ausrangiert werden muß und Lennart gesundheitliche Probleme bekommt, wird ihm die seniorengerechte Haushaltshilfe Vera aufgedrängt. die eher als strenge Zuchtmeisterin denn als Gefährtin konzipiert zu sein scheint. Nun muß er selbst um seine geliebte wöchentliche Lasagne kämpfen.

Gratis zu diesem Modell bekommt die Familie Engmann die Haushaltshilfe Anita. Sie wird von der aparten koreastämmigen Lisette Pagler gespielt, und ihre Attraktivität bereitet denn sowohl Hans als auch seinem Teenager-Sohn schlaflose Nächte. Inger war zu Beginn gegen Hubots, freundet sich aber immer mehr mit Anita an. Dann findet Matilda heraus, daß Anita ein Geheimnis in ihrer Programmierung birgt...

In der zweiten Familie verläßt gerade Therese mit Sohn Kevin ihren Mann Roger, um eine Beziehung mit ihrem Hubot-Fitnesstrainer Rick einzugehen. Dies treibt Roger in die Arme einer terroristischen Untergruppe der Anti-Hubots-Partei ("Echte Menschen"). Teil dieser Gruppe ist auch die hübsche Polizistin Bea, die aber ebenfalls ein Geheimnis verbirgt. Therese läßt währenddessen ihrem Gespielen einen illegalen Sexchip einbauen, handelt sich womöglich aber nur neue Beziehungsprobleme ein. Als das Paar nicht gemeinsam in einen Club eingelassen wird, bittet Bea Inger um Hilfe, um ihr Recht einklagen zu lassen. Kurz darauf wird Inger auch noch mit der Verteidigung eines Mannes beauftragt, der teils Mensch, teils Hubot zu sein scheint...

Schweden und SF, das scheint ja von vornherein ein Widerspruch zu sein. "Echte Menschen" ist aber eine schöne Überraschung. Das Konzept ist intelligent und gemessen an europäischen TV-Budgets fantasievoll umgesetzt. Es gibt auch willkommene Einblicke in die schwedische Alltagswelt, zumindest für mich, der ich kaum Krimis oder europäisches Fernsehen konsumiere. Weitgehend gelungen ist die Darstellung der verschiedenen Hubot-Typen, von den einfach gestrickten Modellen über die gut gebauten Animateure hin zu den komplexen, fast emotionalen Variationen. Das Streben nach Menschlichkeit erinnert natürlich an Star Treks Data, wenngleich in teilweise zum Schmunzeln anregenden Abwandlungen. Während ein Hubot sein Heil in der Bibel sucht, hadert eine andere mit der Entdeckung eines "unnatürlichen" lesbischen Ehepaars und strebt selbst eine möglichst konventionelle Ehe an. Eine dritte entwickelt soziopathe Tendenzen und wird zur Gefahr für Hubots und Menschen zugleich. Nicht alle Schauspieler wissen zu überzeugen, aber das kann man von den in USA inzwischen massenhaft produzierten SF-Serien auch nicht behaupten. Was ich weniger verzeihen kann, sind die Ausrutscher in Seifenoper-Klischees und einige verunglückte Handlungsstränge. Peinlich zum Beispiel die Diagnose Tobbes als "THS" (TransHuman-Sexualität), hier wirkt die Parallele zur Homosexualität platt und überstrapaziert.

"Echte Menschen" lief deutsch synchronisiert bei Arte, offenbar fast zeitgleich mit der Ausstrahlung in Schweden. Schön bei Arte ist, daß man verpaßte Folgen innerhalb von fünf Tagen nach der Ausstrahlung in der Internet-Mediathek anschauen kann. Das funktioniert auch tadellos über iPad und AppleTV.


*1: Für Laien: die asimovschen Robotergesetze
1. Du sollst keinen Menschen verletzen oder durch deine Handlungen zu Schaden kommen lassen.
2. Du sollst Menschen gehorchen, außer dies verstößt gegen Regel 1.
3. Du sollst deine Unversehrtheit schützen, außer dies verstößt gegen Regel 1 oder 2.

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