Den großen Wurf gab es dieses Jahr nicht. Frauen und Fantasy dominieren mehr und mehr. Hier meine Rangliste:
(6) Too Like the Lightning, by Ada Palmer
Ada Palmer ist keine Schriftstellerin, sondern Historikerin, und ihr Debut "Too Like the Lightning" ist kein Roman, sondern der erste Teil eines Traktats. Sie konstruiert die unwahrscheinliche Weltordnung einer entfernten Zukunft, in der es zwar Umfragen und Wahlen gibt, aber hinter den Kulissen wirken einflussreiche Lenker der Geschicke, die historischen Figuren nachempfunden sind: Könige, Päpste, Philosophen. In der undurchdringlichen Prosa verbergen sich gelegentlich interessante Ideen, so etwa die Ablösung organisierter Religionen (die streng verboten sind) durch private Therapiesitzungen zur Erörterung spiritueller Fragen. Lesbar oder gar lesenswert ist das trotzdem nicht. Bis zum Schluss tauchen immer wieder neue wichtige Figuren auf, aber keine davon hat etwas mit realen Menschen gemein. Wenig hilfreich ist auch die Genderverwirrung (hier im Englischen mit der dritten Person Plural - "they" umschrieben). Selten habe ich mich derart über ein Buch geärgert (Ada Palmer ist in diesem Jahr als Neuling auch für den Campbell nominiert).
(5) Ninefox Gambit, by Yoon Ha Lee
Yoon Ha Lee ist ein Korea-stämmiger Texaner. Der Mathematiker publiziert seit fast 20 Jahren Kurzgeschichten, dies ist sein erster Roman. Soweit ich verstanden habe, werden in einer fernen Zukunft Schlachten durch die Manipulation geometrischer Figuren gewonnen. Hurrah, endlich hat unsere abstrakte Kunst mal einen realen Nutzen! Leider ist das Result immer noch das gleiche - Menschen leiden und sterben. Im Zentrum der verworrenen Geschichte stehen durchaus interessante Figuren, aber lohnt sich dafür die Lesearbeit? Kompliziert ist nicht gleich literarisch.
(4) Death’s End, by Cixin Liu, translated by Ken Liu
Siehe meine ausführliche Kritik: Nicht preiswürdig
(No Award)
(3) A Closed and Common Orbit, by Becky Chambers
Enid Blyton im Weltall. So könnte man polemisch den zweiten Roman der jungen Kalifornierin Becky Chambers beschreiben. Der Vorgänger, "The Long Way to a Small, Angry Planet", war eine Art Firefly ohne Konflikte (selbst die Raumpiraten waren höflich und zuvorkommend), aber diese Geschichte einer sich findenden künstlichen Intelligenz hat etwas mehr Substanz. Erzählt wird in abwechselnden Kapiteln die "Jugend" der A.I. Sidra in ihrem neuen, fremden Androidenkörper, und der entflohenen Klonsklavin Jane, die von einer Schiffs-A.I. erzogen wird. Aufgrund der einfachen Sprache und übersichtlich konstruierten Geschichte ist der Roman eher für Jugendliche geeignet, beschäftigt sich aber durchaus mit aktuellen Themen wie Geschlechteridentität. Tatsächlich kann man Sidras Fremdeln mit ihrem Körper sowohl mit den Erscheinungen der Pubertät allgemein als auch mit dem Leidensweg von Transsexuellen vergleichen. Sidra hat nämlich vorher ein komplettes Raumschiff gesteuert, und die Autorin schildert sehr überzeugend den Übergang zum Androidenkörper, der noch nicht einmal eine Rückkamera hat...
(2) All the Birds in the Sky, by Charlie Jane Anders
Das Time Magazine zählte den ersten Roman der Hugo-Preisträgerin Charlie Jane Anders (beste Novelette 2012) zu den zehn Top-Romanen 2016, unabhängig vom Genre. "All the Birds in the Sky" ist eine Mischung aus SF-und Fantasy, sollte aber eher als Fabel oder Parabel gesehen werden, in der die Fantasy-Elemente für Naturverbundenheit und die SF-Elemente für Technologie stehen. Im Zentrum steht die Freundschaft der "Hexe" Patricia und des Tech-Wizards Laurence. Es ist eine wilde Geschichte mit etlichen tonalen Sprüngen, die als Jugendromanze beginnt und etwas verquer mit der Verhinderung der Apokalypse endet. Trotzdem ist das Buch spannend und unterhaltsam, wenngleich vielleicht etwas überschätzt. Es gewann bereits den Nebula und ist wohl auch der Hugo-Favorit des Jahres.
(1) The Obelisk Gate, by N. K. Jemisin
Der Vorgänger war letztes Jahr nicht mein Favorit. In der Fortsetzung sind naturgemäß die Anfangsschwierigkeiten verschwunden. Die Erzählstruktur hat sich vereinfacht, es wird nur noch im Wechsel aus der Sicht von Essun und ihrer Tochter erzählt. Es wird sogar erklärt, warum die Essun-Kapitel in der zweiten Person stehen: Es gibt einen bisher verborgenen Ich-Erzähler, der nun gelegentlich seinen Schleier lüftet. Ansonsten erzählt Jemisin fesselnd und mit großer Empathie für ihre Figuren und rechtfertigt nachträglich den eher politisch motivierten Gewinn des letzten Jahres (als "erste schwarze Autorin" etc.) Den Abschlussband habe ich bereits vorbestellt, ich bin sehr gespannt!
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