Suche im Blog

Sonntag, 16. Juli 2017

Ansteckend: iZombie

Nach einem Jahrzehnt der Spazierengehenden Toten bin ich nun auch vom Virus infiziert. Nicht vom Dallas-inspirierten Original, nicht von der hirnlos-brutalen Variante Z Nation, nicht von der hochrangig besetzten (durchaus sehenswerten) Sitcom-Version Santa Clarita Diet. Gepackt hat mich vielmehr eine sonnige CW-Variante, die in Seattle spielt, aber in Vancouver gefilmt wird: iZombie



Basierend auf den Klassikern, entwickelt jede übernatürliche Show ihre eigene Mythologie mit der gewünschten Zielgruppe und Dramaturgie angepassten Abweichungen. Während Vampire bei Buffy noch (mit wenigen Ausnahmen) rein dämonengesteuert waren, behielten sie in True Blood bereits ihre Persönlichkeiten (ggf. nach einigen Jahrhunderten megalomanisch aufgebläht). In den Vampire Diaries unterliegen sie sogar Jahrtausende lang ihren pubertären Hormonschwankungen (wie sonst wollte man die Kapriolen von Urvampir "Klaus" erklären?) Das gleiche gilt für Zombies. In iZombie werden Infizierte nur dann zu Romeros Monstern, wenn sie nicht regelmäßig menschliche Gehirne verspeisen können. Die Ansteckungsgefahr ist allerdings hoch, was Liebesbeziehungen kompliziert macht. Ansonsten hat der Tod auch Vorteile...



Medizinstudentin Olivia "Liv" Moore hat die Not zur Tugend gemacht und arbeitet nun in der Pathologie, wo sie sich regelmäßig mit ihrem Grundnahrungsmittel versorgt (tot darf die Nahrungsquelle schon sein). Die Zubereitung wird übrigens, nur mäßig eklig, mit der Ästhetik eines hippen Kochstudios zelebriert. Dies ist einer von etlichen visuellen Kniffen, mit denen Schöpfer Rob Thomas (Veronica Mars) der Serie seinen Stempel aufdrückt (und sich an die Ursprungs-Comic von Chris Roberson and Michael Allred anlehnt). Gelungen sind auch die Zwischentitel, in denen sich aus einem gezeichneten Standbild jeweils die nächste Szene entwickelt, untermalt von eingeblendeten Kalauern (gleiches gilt auch für die Episodentitel, etwa "Brother, can you spare a Brain?"): "Dead Giveaway", "Major Buzzkill", " Zom-Boy and his Dog", "Pawn of the Dead", etc. Dazu passt die Titelsequenz, auch wenn die Musik (von "Deadboy & the Elephant Men") diskussionswürdig wäre:



Der mit dem Tod einhergehende Albinolook steht Liv übrigens ausgezeichnet - ihre Mit-Zombies greifen gelegentlich zu Färbemitteln und Makeup und sind dann nur schwer von lebenden Menschen zu unterscheiden (sicheres Indiz ist allerdings, dass sie durch ein Messer ins Herz nicht zu stoppen sind). Eine kuriose Begleiterscheinung nutzt Liv nun "beruflich": Die verspeisten Gehirne lösen in ihr kurze Visionen mit Erinnerungs-Flashbacks der Opfer aus. So kann sie Detective Babineaux bei der Aufklärung diverser Morde helfen. Eine weitere Nebenwirkung möchte ich als zentralen Kniff der Serie hervorheben: Liv nimmt während einer solchen Diät (ein Gehirn langt offenbar für mehrere Tage) Persönlichkeitsmerkmale der Vorbesitzer an. Natürlich ist dieses Ermittlungsteam noch absurder als das  Bones-Duo. "Ich bin Detektiv Beabineaux, und das ist die Leichenbeschauerin Moore (für den Fall, dass wir bei Ihnen noch Tote unter'm Sofa finden)". Livs ganz spezielle Einsichten ins Leben der Opfer gibt der ansonsten eher drögen, in hunderten von Cop-Shows bereits durchgespielten Aufklärung der Kriminalfälle eine besondere Würze, die gefühlt für ein Drittel des Spaßes sorgt. Die anderen Drittel gehen aufs Konto von Livs sympathischen Mitstreitern und das der charismatischen Schurken.



Livs engster Vertrauer ist Ravi, ihr Chef in der Pathologie, mit britische Eleganz gespielt vom Londoner (mit offenbar indischen Vorfahren) Rahul Kohli. Er ist von Anfang an in ihr Geheimnis eingeweiht und forscht fieberhaft nach einer Heilungsmöglichkeit für den Virus. Dazu züchtet er eine lange Versuchsreihe von Zombie-Ratten, die ihrerseits viel Verwirrung stiften. Detektiv Clive Babineaux habe ich bereits erwähnt. Er ist zwar misstrauisch ob Livs Wunderseher-Fähigkeiten, die Erfolge bei den Ermittlungen stellen ihn aber zunächst zufrieden. Obwohl seine Figur weniger entwickelt ist,  versieht Malcolm Goodwin sie mit trockenem Humor, aber auch zielstrebiger Kompetenz. Dritter Mann im Spiel ist Livs (Ex-)Verlobter namens "Major Lilywhite", gemäß seinem Namen das einzige Weissbrot des Trios. Mit dem Sozialarbeiter mit Model-Look und Bodybuilder-Muskeln wurde ich am wenigsten warm. Dafür gibt es noch eine Reihe interessanter (und attraktiver) Frauen, so Livs Mitbewohnerinnen Peyton und (in der zweiten Staffel) die geheimnisvolle Gilda, nicht ohne Grund nach Rita Hayworths Paraderolle benannt.



Und dann wären da noch die Schurken - nicht die Verbrecher, die wöchentlich den Ermittlern ins Netz gehen, sondern diejenigen, die die langfristigen Handlungsbogen speisen. Der übelste und beste und hinterlistigste und charmanteste von ihnen ist Blaine, der die Untoten als Geschäftsmodell begreift und reiche Mitbürger zombifiziert, um sie dann zu überhöhten Preisen mit Gehirnnahrung zu versorgen (in der zweiten Staffel hat er sich clevererweise als Beerdigungsunternehmer etabliert). Thomas Anders spielt Blaine mit soviel Elan und Doppelbödigkeit, dass er inzwischen als Hauptdarsteller genannt wird. Der Genre-Veteran hat seinen schmierigen Charme bereits erfolgreich in Alias, Heroes und die Vampire Diaries (als Elenas Vater John Gilbert) eingebracht. Blaine ist inzwischen lange nicht mehr der einzige Bösewicht, denn mit seinem Vater (Robert Knepper), dem Crime-Lord Mr. Boss (Eddie Jemison) und insbesondere dem "Max Rager"-CEO Vaughn Du Clark (Steven Weber), der den Virus für seinen Energy Drink "Super Max" ausschlachten möchte, werden erfolgreich weitere starke Player eingeführt. Bei einem solch gemischtem Spielfeld findet sich Liv durchaus ab und zu auf der Seite von Blaine wieder, denn beiden ist nichts an der Zombie-Apokalypse gelegen.



Herz der Geschichte bleibt trotzdem Liv, und Rose McIver hätte ähnliche Beachtung verdient wie Tatjana Maslani für Orphan Black, die jüngst überraschend einen Emmy gewann. Die noch nicht 30jährige Neuseeländerin (sie spielte bereits 2009 für Peter Jackson eine Nebenrolle in The Lovely Bones) muss zwar nicht gleichzeitig mehrere Klone darstellen, aber doch fast jede Woche in eine andere Haut schlüpfen. Von der Nörglerin ("Grumpy Old Liv") über die notorische Lügnerin hin zur ewig-fröhlichen Kaffeehausbesitzerin hat sie alle Nuancen drauf. In "Even Cowgirls Get the Black and Blues" verblüfft sie sogar mit authentischem Country-Gesang und passender Gitarrenbegleitung. Es ist überaus beeindruckend, wie subtil sie ihre Körperhaltung und ihre Sprachrhythmen anpassen kann. Trotz mancher Rückschläge und Depressionen bleibt Liv in ihrer Grundpersönlichkeit zum Glück immer noch ein hinreissender Sonnenschein. Hatte ich schon erwähnt, dass sie auch mit weissen Haaren und blassem Gesicht sehr attraktiv ist?



Mit seinem heiteren Grundton, den sympathischen Figuren und herrlichen, mit Popkultur-Referenzen gespickten Dialogen ist iZombie für mich ein würdiger Nachfolger für Grimm, spaßige Unterhaltung mit Spannung und Herz. Mit Veronica Mars konnte ich trotz einer ansprechenden Hauptfigur (Kristen Bell) nicht sonderlich viel anfangen, aber hier hat Schöpfer Rob Thomas gemeinsam mit Diane Ruggiero ein höchst unterhaltsam Konzept entwickelt. Natürlich gibt es noch genug Möglichkeiten, den Spaß zu ruinieren, und der Höhepunkt der zweiten Staffel lässt befürchten, das es in Zukunft süsterer weitergehen könnte. Bis dahin aber vermisse ich Liv, Ravi, Clive und Blaine bereits - die zweite Staffel kann man seit einigen Monaten bei Netflix streamen, die dritte läuft im US-TV gerade aus, und eine vierte ist angekündigt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen