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Samstag, 8. September 2018

Dreifacher Axel: I, Tonya (8/10)

Anders als Tennis (oder Fußball, dazumal) habe ich Eiskunstlauf nie so recht als Sport verfolgt. Ich kann einen Axel nicht von einem Tulup unterscheiden und habe keine Namen von Weltmeistern parat. Aber wenn das im Fernsehen lief (damals, als es nur drei Programme gab), habe ich schon gern zugeschaut, mehr aus ästhetischen Gründen. Die Kombination von Bewegung und Musik ist ja sehr mit dem Tanz verwandt. Tonya Harding, die 1992/94 an den Olympischen Spielen teilnahm, war mir nur grob geläufig. Deutschland war damals ohnehin von einer anderen Skaterin besessen, einer gewissen Katarina Witt. Aber die Amerikaner hatte definitiv das interessantere Leben, vor allem durch eine Episode, die sie schließlich ihre Karriere kostete, nämlich ein Anschlag auf ihre Rivalin Nancy Kerrigan.


Die Biographie I, Tonya bietet zwar einige technisch brillant nachgestellte Szenen auf dem Eis, diese sind aber stets Teil der Charakterchoreographie der Hauptfigur. Es ist nicht gerade eine Geschichte, die Amerikaner erbaulich finden. Tonya bezeichnete sich selbst als "Redneck" (etwa: Hinterwäldlerin). Mit ihrem athletischen Stil (durch den ihr als erster Frau ein dreifacher Axel in Kombination gelang), verbunden mit selbstgeschneiderten Kostümen und einer unorthodoxen Musikauswahl ("Heavy Metal") eckte sie bei den konservativen (und meist männlichen) Preisrichtern an, die lieber eine Posterfigur für das brave Amerika gesehen hätten. Sie wünschten sich Fred Astaire und bekamen John Travolta. Fun Fact: Nach ihrer Suspendierung hatte Tonya eine kurze Karriere als Boxerin...


I, Tonya ist halbdokumentarisch aufgebaut und mit nachgestellten und nachempfundenen Interviews durchsetzt, ohne einen absoluten Wahrheitsanspruch zu haben. Wer weiß schon, was damals wirklich passiert ist. Die Handlung ist dermaßen von Dummköpfen und Widerlingen bestimmt, dass man oft nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Trotz aller Satire kommt aber durchaus die tragische Komponente zum Ausdruck, vor allem dank der überragenden Darsteller. Nur für den eigentlichen Auftraggeber der Attacke auf Kerrigan vermochte ich nicht so recht Mitgefühl zu entwickeln. Es gibt einfach eine Art Dummheit, die nicht mehr zu entschuldigen ist. Das Muttersöhnchen Shawn behauptete auch noch dem FBI gegenüber, er sei ein international erfolreicher Geheimagent und arbeite für verschiedene amerikanische Spionageorganisationen. Nein, sind Sie nicht. Doch, bin ich! Nein, das wüssten wir doch. Bin ich aber...

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Margot Robbie hat sich ihre erste Oscar-Nominierung ehrlich erarbeitet. Nicht nur, dass sie verblüffend gut Skaten gelernt hat (natürlich wurden die Kunststücke gedoubelt und am Computer nachbereitet), sondern die Australierin verschwindet komplett in ihrer Figur (aus Portland, Oregon). Ihre Schönheit wurde durch die Maske (und wahrscheinlich auch durch das Weglassen von Schminke) geschickt zurückgenommen, aber die Emotionen zwischen Hartnäckigkeit, Triumph und Niederlage bis zu ihrem endgültigen Nervenzusammenbruch 1994 bringt sie ganz ohne technische Hilfsmittel rüber. Das hat nichts mit der glamourösen Brokerehefrau Naomi aus The Wolf of Wall Street oder der baseballschlägerschwingenden Harley Quinn aus dem Suicide Squad gemein. Es wird wohl nicht die letzte Oscar-Nominierung für die 28jährige gewesen sein.

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Der einzige Oscar-Gewinn für die Satire, die nicht einmal als Bester Film ins Rennen ging (mir aber besser gefiel als die meisten anderen Kandidaten), ging erwartungsgemäß an Allison Janney. Es ist, als ob die Akademie nur auf einen preiswürdigen Auftritt der sechsfachen Emmy-Gewinnerin (davon viermal für The West Wing, bei insgesamt 12 Nominierungen) gewartet hätte. Schließlich hatte sie denkwürdige Auftritte bereits in Der Eissturm, American Beauty, Juno, Spy und vielen anderen Kinofilmen. Klar, es waren fast alles sogenannte Nebenrollen, aber wer wollte die missen? Bei The West Wing fällt mir als erstes The Jackal ein, und gleich danach ihre Beförderung zum Chief of Staff nach Leo McGarrys (und Darsteller John Spence's) tragischem Tod: In herrlich lakonischer Abfolge teilen alle anderen Führungskräfte im Weißen Haus C.J. ihren Rücktritt mit, "weil sie nicht unter einer Frau arbeiten können" - bis hin zum Präsidenten selbst ;-) C.J. Cregg ist wahrlich eine der großen Frauenfiguren der amerikanischen Fernsehgeschichte. Der Oscar jedoch ist kein Karrierepreis, sondern den hat sich Allison Janney selbst verdient, mit ihrer Darstellung von Tonyas absolut abstoßenden Mutter, der sie trotzdem gerade so viel Schmerz mitgibt, dass man fast Mitgefühl entwickelt - bis sie ihre Tochter das nächste Mal demütigt oder schlägt oder mit einem Küchenmesser durchbohrt...

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Die weiteren Rollen in dieser vergleichsweise bescheidenen Produktion (die an 30 Tagen für schlappe 10 Millionen Dollar abgedreht wurde) sind weitgehend mit Unbekannten besetzt, abgesehen vielleicht vom vielbeschäftigten Bobby Cannavale als Reporter und "Winter Soldier" Sebastian Stan, der aber hinter dem Schnäuzer von Tonyas gewalttätiger Ehemann Jeff effektiv verschwindet. Regisseur Craig Gillespie, mir bisher nur durch die verschrobene Tragikomödie Lars und die Frauen (2007, mit Ryan Gosling, 8/10) bekannt, hat aus dem Drehbuch von Steven Rogers (nicht verwandt mit Captain America) eine außergewöhnliche Biographie gezaubert, einen dreifachen Axel sozusagen, den so niemand erwartet hätte. Sehr gut (8/10).

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