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Freitag, 4. Oktober 2013

Atemberaubendes Abenteuer: Gravity (9/10)

Im Englischen gibt es eine Redewendung, nach der in einem besonders spannenden Film der Zuschauer "an der Stuhlkante klebt" ("on the edge of the seat"). In Gravity ist mir das seit langem mal wieder fast buchstäblich passiert, und zusätzlich fiel mir wiederholt die Kinnlade runter - um auch einen deutschen Spruch zu strapazieren. Noch nie wurde Schwerelosigkeit im Kino so überzeugend inszeniert, und noch niemand hat uns so schön-realistische Bilder aus dem Erdorbit gezeigt, um zugleich die menschliche Zerbrechlichkeit in dieser fremden Umgebung zu verdeutlichen. Die einführende Texttafel (Im Weltall gibt es keine Luft, keinen Schall, ...) soll vielleicht von der bisherigen Praxis in SF-Filmen abgrenzen, ist ansonsten aber überflüssig.

George Clooney spielt den Astronautenveteranen, Sandra Bullock die Wissenschaftlerin auf ihrer ersten Mission. Sie docken mit der Space Shuttle "Explorer" am Hubble-Teleskop, und während der Reparaturen verlieren sie beim Außeneinsatz durch einen katastrophalen Trümmerschauer den Kontakt zum Schiff und finden sich "allein im Weltall" wieder. In diesem Zweipersonen-Kammerspiel zahlt sich Starpower aus. Clooney ist vor allem durch seine sonore Stimme präsent, und Bullock überzeugt in einer mutigen Tour de Force mit wohldosierten emotionalen Ausbrüchen, fast ungeschminkt und weit weg von ihrem Image des braven Mädchens von nebenan. Und die Leichtigkeit, mit der sie sich in der simulierten Schwerelosigkeit bewegt, läßt die gewaltigen technischen Hürden des Drehs nur erahnen. Sie hat sich offenbar ein halbes Jahr lang minutiös auf die Rolle vorbereitet, und ihre Leistung ist hier m.E. weit oscarwürdiger als in ihrer prämierten Rührrolle aus The Blind Side.

Als wahrer Star müssen hier allerdings Kameraführung und Effekte zählen. Endlich lohnt sich einmal die zusätzliche Dimension im Kino (James Cameron spricht gar vom besten 3D-Einsatz überhaupt), sowohl im Bild als auch im Ton, wenn man wie ich in den Genuß des Dolby-Atmos-Mixes kommt. Strenggenommen ist dies übrigens keine Science Fiction, sondern ein technisch plausibles, wenngleich sehr unwahrscheinliches Weltraumabenteuer. Als Thriller perfekt, wirkt die in den ansonsten sehr natürlichen Dialogen ausgebreitete Hintergrundgeschichte der Figuren ein wenig banal.

Regisseur und Drehbuchautor (mit seinem Sohn Jonás) Alfonso Cuarón krönt mit diesem Herzensprojekt, an dem er mehr als fünf Jahre gearbeitet hat, seine bisherige Laufbahn. Der 52jährige Mexikaner konnte mich bisher mit keinem seiner extrem unterschiedlichen Werke überzeugen. Seine umjubelte derbe Teenager-Schnulze Y tu mamá tambien (2001) fand ich überschätzt, seine Dickens-Verfilmung (Große Erwartungen mit Gwyneth Paltrow) und seinen oscarnominierten Endzeitthriller Children of Men (2006) nur mittelmäßig. An seinem Harry-Potter-Beitrag (Teil 3: Der Gefangene von Askaban) kann ich zwar die relativ düstere Atmosphäre loben, er ragt ansonsten aber nicht aus der Reihe heraus. Umso mehr freue ich mich über diesen herausragenden Genrefilm (9/10).

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