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Sonntag, 6. Juli 2014

Klassiker auf Blu-ray #10: Taking Off - Milos Formans US-Debut

Die 70er stehen für die Erneuerung des amerikanischen Kinos, mit Meilensteinen u.a. von Francis Coppola (Der Pate), Martin Scorsese (Taxi Driver) und Robert Altman (Nashville). Aber gelegentlich machten immer noch europäische Immigranten von sich reden, so etwa Roman Polanski (Chinatown, 1974) und der Tschechoslowake Milos Forman, der 1975 mit Einer flog über das Kuckucksnest und 1984 mit Amadeus zwei der besten Drehbücher des Jahrhunderts zu Klassikern machte, gekrönt jeweils mit Oscars für den Besten Film, die beste Regie und die Autoren. Taking Off  ("Ich bin durchgebrannt") war 1971 sein erster amerikanischer Film und floppte damals so gnadenlos, daß er erst jetzt auf einer technisch tadellosen Blu-ray im Heimkino wiederentdeckt werden kann. Er ist das Bindeglied zwischen seinen tschechischen, von der Nouvelle Vague beeinflußten "kleinen" Filmen und seinen brillanten Hollywood-Hochglanzprodukten. 

Im der Blu-ray beigefügten hochinteressanten Interview aus dem Jahr 2000 erklärt Forman das Zustandekommen des Projekts, dessen Drehbuch er u.a. mit Jean-Claude Carrière entwickelte, einem wichtigen Collaborateur von Louis Malle und Luis Buñuel, Überwiegend mit Amateuren improvisiert, ist es eine sanfte Satire auf die Haltlosigkeit der amerikanischen Mittelschicht und die Entfremdung von ihren "Hippie"-Kindern. Ausgangspunkt der Geschichte ist das Verschwinden der 15jährigen Jeannie und der verzweifelt-komische Versuch der spießigen Eltern, einen Zugang zur geheimnisvollen Welt der Tochter zu bekommen. Dabei werden sie jedoch eher mit ihren eigenen Unsicherheiten und Sehnsüchten konfrontiert.

Die episodisch-fragmentierte Erzählstruktur reibt sich vielleicht mit den Sehgewohnheiten vieler Zuschauer, enthält aber fabelhaft zusammengeschnittene Sequenzen und tolle Musik. Da singt Kathy Bates in ihrem Leinwanddebut ein wunderschönes, selbstkomponiertes Lied zur Gitarre, und es gibt einen explosiven Live-Auftritt von Ike und Tina Turner. Im unfaßbar skurrilen Höhepunkt erklärt Vincent Schiavelli (Formans erster amerikanischer Freund war später einer der Patienten im "Kuckucksnest" und dann Butler von Salieri) den verwirrten Eltern "verschwundener" Jugendlicher den korrekten Konsum von Marihuana ("Wird sich das mit dem Alkohol vertragen? - Ich verspreche Ihnen, es wird!"). Das mündet abends in eine Partie Strip-Poker im Hause von Lynns Eltern, wo sich der Kreis schließt, als Lynn plötzlich heimkehrt und im abschließenden Dinner mit ihrem Musikerfreund plötzlich vernünftiger und reifer als die ältere Generation erscheint.

Diese Entdeckung ist nicht nur film- und musikhistorisch interessant, sondern allemal gut für einen vergnüglichen Filmabend. Sehr gut (8/10)!

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